II-II, q. 54 a. 2
Ob die Nachlässigkeit der Klugheit entgegengesetzt ist?
Quaestio 54 · Von der Nachlässigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Nachlässigkeit nicht der Klugheit entgegengesetzt ist. Denn Nachlässigkeit scheint dasselbe zu sein wie Müßiggang oder Trägheit, welche zur Acedia (geistigen Trägheit) gehören, gemäß Gregor (Moral. xxxi, 45). Nun ist die Acedia nicht der Klugheit entgegengesetzt, sondern der Liebe, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [35], Artikel [3]). Also ist die Nachlässigkeit nicht der Klugheit entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner scheint jede Unterlassungssünde auf Nachlässigkeit zurückzuführen sein. Aber Unterlassungssünden sind nicht der Klugheit entgegengesetzt, sondern den ausführenden moralischen Tugenden. Also ist die Nachlässigkeit nicht der Klugheit entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner bezieht sich die Unklugheit auf irgendeinen Akt der Vernunft. Aber die Nachlässigkeit impliziert keinen Mangel an Beratung, denn das ist „Übereilung“, noch einen Mangel an Urteil, da das „Unbedachtsamkeit“ ist, noch einen Mangel an Befehl, weil das „Unbeständigkeit“ ist. Also gehört die Nachlässigkeit nicht zur Unklugheit.
Einwand 4: Ferner steht geschrieben (Prediger 7,19): „Wer Gott fürchtet, vernachlässigt nichts.“ Aber jede Sünde wird durch die entgegengesetzte Tugend ausgeschlossen. Also ist die Nachlässigkeit eher der Furcht als der Klugheit entgegengesetzt.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Jesus Sirach 20,7): „Ein Schwätzer und ein Tor [imprudens] achten nicht auf die Zeit.“ Dies aber ist auf Nachlässigkeit zurückzuführen. Also ist die Nachlässigkeit der Klugheit entgegengesetzt.
Ich antworte darauf, dass die Nachlässigkeit direkt der Sorgsamkeit entgegengesetzt ist. Nun gehört die Sorgsamkeit zur Vernunft, und die Richtigkeit der Sorgsamkeit zur Klugheit. Daher gehört andererseits die Nachlässigkeit zur Unklugheit. Dies erhellt aus ihrem Namen selbst, denn wie Isidor bemerkt (Etym. x), ist „ein nachlässiger Mensch einer, der nicht wählt [nec eligens]“: und die rechte Wahl der Mittel gehört zur Klugheit. Daher gehört die Nachlässigkeit zur Unklugheit.
Antwort auf Einwand 1: Nachlässigkeit ist ein Defekt im inneren Akt, zu welchem auch die Wahl gehört: wohingegen Müßiggang und Trägheit eine Langsamkeit der Ausführung bezeichnen, jedoch so, dass Müßiggang eine Langsamkeit im Beginnen der Ausführung bezeichnet, während Trägheit eine Lässigkeit in der Ausführung selbst bezeichnet. Daher ist es angemessen, dass Trägheit aus der Acedia entspringt, welche „eine niederdrückende Traurigkeit“ ist, d.h. den Geist am Handeln hindernd [*Vgl. Quaestio [35], Artikel [1]; FS, Quaestio [35], Artikel [8]].
Antwort auf Einwand 2: Die Unterlassung betrifft den äußeren Akt, denn sie besteht darin, einen Akt nicht zu vollziehen, der geschuldet ist. Daher ist sie der Gerechtigkeit entgegengesetzt und ist eine Wirkung der Nachlässigkeit, so wie die Ausführung einer gerechten Tat die Wirkung der rechten Vernunft ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Nachlässigkeit betrifft den Akt des Befehlens, welchen auch die Sorgsamkeit betrifft. Doch versagt der nachlässige Mensch in Bezug auf diesen Akt anders als der unbeständige Mensch: denn der unbeständige Mensch versagt im Befehlen, indem er gleichsam durch etwas gehindert wird, wohingegen der nachlässige Mensch durch Mangel an einem bereiten Willen versagt.
Antwort auf Einwand 4: Die Furcht Gottes hilft uns, alle Sünden zu meiden, denn gemäß Sprüche 15,27: „durch die Furcht des Herrn weicht jedermann vom Bösen.“ Daher lässt uns die Furcht die Nachlässigkeit meiden, jedoch nicht so, als ob die Nachlässigkeit der Furcht direkt entgegengesetzt wäre, sondern weil die Furcht den Menschen zu Akten der Vernunft anspornt. Weshalb auch oben dargelegt wurde (FS, Quaestio [44], Artikel [2]), als wir von den Leidenschaften handelten, dass „Furcht uns dazu bringt, Rat zu halten.“