II-II, q. 50 a. 4
Ob die militärische Klugheit als ein Teil der Klugheit gerechnet werden sollte?
Quaestio 50 · Von den subjektiven Teilen der Klugheit
Einwand 1: Es scheint, dass die militärische Klugheit nicht als ein Teil der Klugheit gerechnet werden sollte. Denn Klugheit ist von der Kunst unterschieden, gemäß Ethic. vi, 3. Nun scheint militärische Klugheit die Kriegskunst zu sein, gemäß dem Philosophen (Ethic. iii, 8). Daher sollte die militärische Klugheit nicht als eine Art der Klugheit angesehen werden.
Einwand 2: Ferner, so wie militärische Angelegenheiten unter die politischen fallen, so auch viele andere Angelegenheiten, wie die der Kaufleute, Handwerker und so weiter. Aber es gibt keine Arten der Klugheit, die anderen Geschäften im Staat entsprechen. Daher sollte auch keine dem militärischen Geschäft zugewiesen werden.
Einwand 3: Ferner zählt die Tapferkeit der Soldaten viel im Krieg. Daher gehört militärische Klugheit eher zur Tapferkeit als zur Klugheit.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Spr 24,6): "Krieg wird durch ordnungsgemäße Führung geführt, und Sicherheit wird sein, wo viele Ratschläge sind." Nun gehört es zur Klugheit, Rat zu pflegen. Daher besteht im Krieg große Notwendigkeit für jene Art der Klugheit, die "militärisch" genannt wird.
Ich antworte darauf, dass alle Dinge, die gemäß Kunst oder Vernunft geschehen, dem entsprechen sollten, was gemäß der Natur ist und durch die göttliche Vernunft festgesetzt ist. Nun hat die Natur eine zweifache Tendenz: erstens, jedes Ding in sich selbst zu regieren, zweitens, äußeren Angreifern und Verderbern zu widerstehen: und aus diesem Grund hat sie die Tiere nicht nur mit dem Begehrungsvermögen ausgestattet, wodurch sie zu dem bewegt werden, was ihrem Wohlergehen förderlich ist, sondern auch mit der zornmütigen Kraft, wodurch das Tier einem Angreifer widersteht. Daher sollte es in jenen Dingen, die gemäß der Vernunft sind, nicht nur eine "politische" Klugheit geben, die solche Dinge, die zum Gemeinwohl gehören, in geeigneter Weise ordnet, sondern auch eine "militärische" Klugheit, durch die feindliche Angriffe abgewehrt werden.
Antwort auf Einwand 1: Militärische Klugheit kann eine Kunst sein, insofern sie gewisse Regeln für den richtigen Gebrauch gewisser äußerer Dinge hat, wie Waffen und Pferde, aber insofern sie auf das Gemeinwohl gerichtet ist, gehört sie eher zur Klugheit.
Antwort auf Einwand 2: Andere Angelegenheiten im Staat sind auf den Nutzen von Einzelnen gerichtet, wohingegen das Geschäft des Soldatentums auf den Schutz des gesamten Gemeinwohls gerichtet ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Ausführung des Militärdienstes gehört zur Tapferkeit, aber die Leitung, besonders insofern sie den Oberbefehlshaber betrifft, gehört zur Klugheit.