II-II, q. 46 a. 2
Ob die Torheit Sünde ist?
Quaestio 46 · Von der Torheit, die der Weisheit entgegengesetzt ist.
Einwand 1: Es scheint, dass die Torheit keine Sünde ist. Denn keine Sünde entsteht in uns von Natur aus. Aber manche sind von Natur aus Toren. Also ist die Torheit keine Sünde.
Einwand 2: Ferner ist „jede Sünde freiwillig“, gemäß Augustinus (De Vera Relig. xiv). Aber die Torheit ist nicht freiwillig. Also ist sie keine Sünde.
Einwand 3: Ferner ist jede Sünde einem göttlichen Gebot entgegengesetzt. Aber die Torheit ist keinem Gebot entgegengesetzt. Also ist die Torheit keine Sünde.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Spr 1,32): „Das Wohlergehen der Toren wird sie vernichten.“ Aber kein Mensch wird vernichtet außer für Sünde. Also ist die Torheit eine Sünde.
Ich antworte darauf, dass Torheit, wie oben dargelegt (Artikel [1]), eine Stumpfheit des Sinnes im Urteilen bezeichnet, und zwar hauptsächlich in Bezug auf die höchste Ursache, welche das letzte Ziel und das höchste Gut ist. Nun kann ein Mensch in dieser Hinsicht auf zwei Arten eine Stumpfheit im Urteil annehmen. Erstens aus einer natürlichen Indisposition, wie im Falle von Idioten, und eine solche Torheit ist keine Sünde. Zweitens dadurch, dass er seinen Sinn in irdische Dinge eintaucht, wodurch sein Sinn unfähig gemacht wird, göttliche Dinge wahrzunehmen, gemäß 1 Kor 2,14: „Der sinnliche Mensch vernimmt nicht, was des Geistes Gottes ist“, so wie süße Dinge keinen Geschmack für einen Menschen haben, dessen Geschmackssinn mit einer schlechten Körperflüssigkeit infiziert ist: und eine solche Torheit ist eine Sünde.
Dies genügt für die Antwort auf den ersten Einwand.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl kein Mensch ein Tor sein will, so will er doch jene Dinge, aus denen die Torheit als Konsequenz folgt, nämlich seinen Sinn von den geistlichen Dingen abzuziehen und ihn in irdische Dinge einzutauchen. Dasselbe geschieht in Bezug auf andere Sünden; denn der Unkeusche begehrt die Lust, ohne die es keine Sünde gibt, obwohl er die Sünde nicht schlechthin begehrt, denn er würde wünschen, die Lust ohne Sünde zu genießen.
Antwort auf Einwand 3: Die Torheit ist den Geboten über die Betrachtung der Wahrheit entgegengesetzt, von denen wir oben gesprochen haben (Quaestio [16]), als wir über das Wissen und den Verstand handelten.