II-II, q. 46 a. 3
Ob die Torheit eine Tochter der Unkeuschheit ist?
Quaestio 46 · Von der Torheit, die der Weisheit entgegengesetzt ist.
Einwand 1: Es scheint, dass die Torheit keine Tochter der Unkeuschheit ist. Denn Gregor (Moral. xxxi, 45) zählt die Töchter der Unkeuschheit auf, unter denen er jedoch die Torheit nicht erwähnt. Also geht die Torheit nicht aus der Unkeuschheit hervor.
Einwand 2: Ferner sagt der Apostel (1 Kor 3,19): „Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott.“ Nun besteht gemäß Gregor (Moral. x, 29) „die Weisheit dieser Welt darin, das Herz mit listigen Plänen zu verhüllen“; und dies schmeckt nach Falschheit. Also ist die Torheit eher eine Tochter der Falschheit als der Unkeuschheit.
Einwand 3: Ferner ist besonders der Zorn die Ursache von Raserei und Wahnsinn bei manchen Personen; und dies gehört zur Torheit. Also entsteht die Torheit eher aus dem Zorn als aus der Unkeuschheit.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Spr 7,22): „Sofort folgt er ihr“, d.h. der Dirne ... „nicht wissend, dass er wie ein Tor in Fesseln gezogen wird.“
Ich antworte darauf, dass, wie bereits dargelegt (Artikel [2]), die Torheit, insofern sie eine Sünde ist, dadurch verursacht wird, dass der geistige Sinn abgestumpft ist, so dass er unfähig ist, über geistliche Dinge zu urteilen. Nun wird der Sinn des Menschen hauptsächlich durch die Unkeuschheit in irdische Dinge eingetaucht, welche sich auf die größten Lüste bezieht; und diese nehmen den Geist mehr in Anspruch als alle anderen. Daher entsteht die Torheit, die eine Sünde ist, hauptsächlich aus der Unkeuschheit.
Antwort auf Einwand 1: Es ist Teil der Torheit, dass ein Mensch einen Widerwillen gegen Gott und seine Gaben hat. Daher erwähnt Gregor zwei Töchter der Unkeuschheit, die zur Torheit gehören, nämlich „Hass gegen Gott“ und „Verzweiflung an dem zukünftigen Leben“; so teilt er die Torheit gleichsam in zwei Teile.
Antwort auf Einwand 2: Diese Worte des Apostels sind nicht ursächlich, sondern wesenhaft zu verstehen, weil nämlich die weltliche Weisheit selbst Torheit bei Gott ist. Daher folgt nicht, dass alles, was zur weltlichen Weisheit gehört, eine Ursache dieser Torheit ist.
Antwort auf Einwand 3: Der Zorn bewirkt aufgrund seiner Heftigkeit, wie oben dargelegt (FS, Quaestio [48], Artikel [2],3,4), eine große Veränderung in der Natur des Körpers, weshalb er sehr viel zu jener Torheit beiträgt, die aus einem körperlichen Hindernis resultiert. Andererseits entsteht die Torheit, die durch ein geistiges Hindernis verursacht wird, nämlich dadurch, dass der Geist in irdische Dinge eingetaucht ist, hauptsächlich aus der Unkeuschheit, wie oben dargelegt.