II-II, q. 157 a. 2
Ob sowohl Milde als auch Sanftmut Tugenden sind?
Quaestio 157 · Von der Milde und der Sanftmut
Einwand 1: Es scheint, dass weder Milde noch Sanftmut eine Tugend ist. Denn keine Tugend ist einer anderen Tugend entgegengesetzt. Doch beide scheinen der Strenge entgegengesetzt zu sein, welche eine Tugend ist. Daher ist weder Milde noch Sanftmut eine Tugend.
Einwand 2: Ferner wird „Tugend durch Übermaß und Mangel zerstört“ [*Ethic. ii, 2]. Aber sowohl Milde als auch Sanftmut bestehen in einer gewissen Verminderung; denn Milde vermindert die Strafe und Sanftmut vermindert den Zorn. Daher ist weder Milde noch Sanftmut eine Tugend.
Einwand 3: Ferner wird Sanftmut oder Milde (Mt 5,4) unter die Seligpreisungen und (Gal 5,23) unter die Früchte gerechnet. Nun unterscheiden sich die Tugenden von den Seligpreisungen und Früchten. Daher sind sie nicht unter der Tugend begriffen.
Dagegen spricht, dass Seneca sagt (De Clementia ii, 5): „Jeder gute Mensch zeichnet sich durch seine Milde und Sanftmut aus.“ Nun ist es eigentlich die Tugend, die einem guten Menschen zukommt, da „die Tugend es ist, die ihren Besitzer gut macht und auch seine Werke gut macht“ (Ethic. ii, 6). Daher sind Milde und Sanftmut Tugenden.
Ich antworte darauf, Das Wesen der moralischen Tugend besteht in der Unterwerfung des Begehrungsvermögens unter die Vernunft, wie der Philosoph erklärt (Ethic. i, 13). Nun bewahrheitet sich dies sowohl bei der Milde als auch bei der Sanftmut. Denn die Milde „wird“ bei der Milderung der Strafe „von der Vernunft geleitet“, gemäß Seneca (De Clementia ii, 5), und die Sanftmut mäßigt ebenfalls den Zorn gemäß der rechten Vernunft, wie in Ethic. iv, 5 dargelegt. Daher ist es offensichtlich, dass sowohl Milde als auch Sanftmut Tugenden sind.
Antwort auf Einwand 1: Sanftmut ist der Strenge nicht direkt entgegengesetzt; denn Sanftmut bezieht sich auf den Zorn. Andererseits betrifft die Strenge die äußere Verhängung von Strafe, so dass sie dementsprechend eher der Milde entgegengesetzt zu sein scheint, die ebenfalls die äußere Bestrafung betrifft, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Doch sind sie einander nicht wirklich entgegengesetzt, da sie beide der rechten Vernunft entsprechen. Denn die Strenge ist unbeugsam in der Verhängung von Strafe, wenn die rechte Vernunft es erfordert; während die Milde die Strafe ebenfalls gemäß der rechten Vernunft mildert, wann und wo dies erforderlich ist. Daher sind sie einander nicht entgegengesetzt, da sie nicht über dieselbe Sache sind.
Antwort auf Einwand 2: Gemäß dem Philosophen (Ethic. iv, 5) ist „der Habitus, der die Mitte im Zorn einhält, unbenannt; so dass die Tugend nach der Verminderung des Zorns benannt und mit dem Namen Sanftmut bezeichnet wird.“ Denn die Tugend ist der Verminderung verwandter als dem Übermaß, weil es für den Menschen natürlicher ist, Rache für ihm zugefügte Verletzungen zu begehren, als dass es ihm an diesem Begehren mangelt, da „kaum jemand eine ihm selbst zugefügte Verletzung geringachtet“, wie Sallust bemerkt [*Vgl. Frage [120]]. Was die Milde betrifft, so mildert sie die Strafe nicht in Bezug auf das, was der rechten Vernunft entspricht, sondern in Bezug auf das, was dem allgemeinen Gesetz entspricht, welches Gegenstand der gesetzlichen Gerechtigkeit ist: doch aufgrund einer besonderen Erwägung mildert sie die Strafe, indem sie gleichsam entscheidet, dass ein Mensch nicht weiter bestraft werden soll. Daher sagt Seneca (De Clementia ii, 1): „Die Milde gewährt dies an erster Stelle, dass jene, die sie freilässt, für immun gegen alle weitere Bestrafung erklärt werden; und der Erlass der geschuldeten Strafe kommt einer Begnadigung gleich.“ Daher ist es klar, dass sich die Milde zur Strenge verhält wie die Billigkeit [das griechische ‚epieikeia‘ [*Vgl. Frage [120]]] zur gesetzlichen Gerechtigkeit, wovon die Strenge ein Teil ist, was die Verhängung von Strafe in Übereinstimmung mit dem Gesetz betrifft. Doch unterscheidet sich die Milde von der Billigkeit, wie wir weiter unten darlegen werden (Artikel [3], zu 1).
Antwort auf Einwand 3: Die Seligpreisungen sind Akte der Tugend: während die Früchte Ergötzungen an tugendhaften Akten sind. Daher hindert nichts daran, dass Sanftmut sowohl als Tugend als auch als Seligpreisung und Frucht gerechnet wird.