II-II, q. 157 a. 1
Ob Milde und Sanftmut absolut dasselbe sind?
Quaestio 157 · Von der Milde und der Sanftmut
Einwand 1: Es scheint, dass Milde und Sanftmut absolut dasselbe sind. Denn die Sanftmut mäßigt den Zorn, gemäß dem Philosophen (Ethic. iv, 5). Nun ist der Zorn das „Verlangen nach Rache“ [*Aristoteles, Rhet. ii, 2]. Da also die Milde „die Nachsicht des Oberen bei der Bestrafung des Untergebenen ist“, wie Seneca feststellt (De Clementia ii, 3), und Rache mittels Strafe genommen wird, scheint es, dass Milde und Sanftmut dasselbe sind.
Einwand 2: Ferner sagt Tullius (De Invent. Rhet. ii, 54), dass „Milde eine Tugend ist, durch welche das Gemüt durch Güte zurückgehalten wird, wenn es grundlos zum Hass gegen eine Person gereizt wird“, so dass die Milde anscheinend den Hass mäßigt. Nun wird gemäß Augustinus [*Ep. ccxi] Hass durch Zorn verursacht; und dies ist die Materie der Sanftmut und Milde. Daher sind Milde und Sanftmut anscheinend absolut dasselbe.
Einwand 3: Ferner ist das gleiche Laster nicht verschiedenen Tugenden entgegengesetzt. Aber das gleiche Laster, nämlich die Grausamkeit, ist der Sanftmut und der Milde entgegengesetzt. Daher scheint es, dass Sanftmut und Milde absolut dasselbe sind.
Dagegen spricht, dass gemäß der vorgenannten Definition des Seneca (Einwand [1]) „Milde die Nachsicht eines Oberen gegenüber einem Untergebenen ist“: wohingegen Sanftmut nicht nur vom Oberen zum Untergebenen, sondern von jedem zu jedem besteht. Daher sind Sanftmut und Milde nicht absolut dasselbe.
Ich antworte darauf, Wie in Ethic. ii, 3 gesagt wird, bezieht sich eine moralische Tugend „auf Leidenschaften und Handlungen“. Nun sind innere Leidenschaften Prinzipien äußerer Handlungen und ebenso Hindernisse für diese. Daher wirken Tugenden, die Leidenschaften mäßigen, bis zu einem gewissen Grad auf denselben Effekt hin wie Tugenden, die Handlungen mäßigen, obwohl sie sich der Art nach unterscheiden. So kommt es eigentlich der Gerechtigkeit zu, den Menschen vom Diebstahl abzuhalten, wozu er durch unmäßige Liebe oder Begierde nach Geld geneigt ist, welche durch die Freigebigkeit gezügelt wird; so dass die Freigebigkeit mit der Gerechtigkeit auf den Effekt hinwirkt, welcher die Enthaltung vom Diebstahl ist. Dies gilt für den vorliegenden Fall; denn durch die Leidenschaft des Zorns wird ein Mensch dazu gereizt, eine zu strenge Strafe zu verhängen, während es der Milde direkt zukommt, die Strafe zu mildern, und dies könnte durch übermäßigen Zorn verhindert werden.
Folglich wirkt die Sanftmut, insofern sie den Ansturm des Zorns zügelt, mit der Milde auf denselben Effekt hin; doch unterscheiden sie sich voneinander, insofern die Milde die äußere Bestrafung mäßigt, während die Sanftmut eigentlich die Leidenschaft des Zorns lindert.
Antwort auf Einwand 1: Die Sanftmut betrifft eigentlich das Verlangen nach Rache selbst; wohingegen die Milde die Strafe selbst betrifft, die äußerlich zum Zwecke der Rache angewendet wird.
Antwort auf Einwand 2: Die Neigungen des Menschen zielen auf die Mäßigung von Dingen, die ihm an sich unangenehm sind. Nun folgt daraus, dass ein Mensch einen anderen liebt, dass er kein Vergnügen an dessen Bestrafung an sich findet, sondern nur insofern sie auf etwas anderes gerichtet ist, zum Beispiel auf die Gerechtigkeit oder die Besserung der bestraften Person. Daher macht die Liebe einen schnell bereit, die Strafe zu mildern – und dies gehört zur Milde –, während Hass ein Hindernis für eine solche Milderung ist. Aus diesem Grund sagt Tullius, dass „das zum Hass gereizte Gemüt“, das heißt, zu streng zu strafen, „durch Milde zurückgehalten wird“, eine zu strenge Strafe zu verhängen, so dass die Milde direkt nicht den Hass, sondern die Strafe mäßigt.
Antwort auf Einwand 3: Das Laster des Zorns, welches ein Übermaß in der Leidenschaft des Zorns bezeichnet, ist eigentlich der Sanftmut entgegengesetzt, die sich direkt mit der Leidenschaft des Zorns befasst; während Grausamkeit ein Übermaß im Strafen bezeichnet. Daher sagt Seneca (De Clementia ii, 4), dass „jene grausam genannt werden, die einen Grund zum Strafen haben, aber das Maß im Strafen verfehlen.“ Jene, die sich an der Bestrafung eines Menschen um ihrer selbst willen erfreuen, können als wild oder brutal bezeichnet werden, als ob ihnen das menschliche Gefühl fehlte, das einen Menschen dazu führt, einen anderen zu lieben.