II-II, q. 149 a. 3
Ob der Genuss von Wein gänzlich unerlaubt ist?
Quaestio 149 · Von der Nüchternheit
Einwand 1: Es scheint, dass der Genuss von Wein gänzlich unerlaubt ist. Denn ohne Weisheit kann ein Mensch nicht im Stande des Heils sein: da geschrieben steht (Weish 7,28): „Gott liebt niemanden außer dem, der mit der Weisheit wohnt“, und weiter (Weish 9,19): „Durch die Weisheit wurden geheilt, wer immer dir gefiel, o Herr, von Anbeginn.“ Nun ist der Genuss von Wein ein Hindernis für die Weisheit, denn es steht geschrieben (Koh 2,3): „Ich dachte in meinem Herzen, mein Fleisch vom Wein zu entziehen, damit ich meinen Geist der Weisheit zuwende.“ Daher ist das Weintrinken gänzlich unerlaubt.
Einwand 2: Ferner sagt der Apostel (Röm 14,21): „Es ist gut, kein Fleisch zu essen und keinen Wein zu trinken noch irgendetwas, woran dein Bruder Anstoß nimmt oder Ärgernis nimmt oder schwach wird.“ Nun ist es sündhaft, das Gut der Tugend zu verlassen, wie ebenso, seinen Brüdern Ärgernis zu geben. Daher ist es unerlaubt, Wein zu genießen.
Einwand 3: Ferner sagt Hieronymus (Contra Jovin. i), dass „nach der Sintflut Wein und Fleisch genehmigt wurden: aber Christus kam im letzten der Zeitalter und brachte das Ende in Übereinstimmung mit dem Anfang zurück.“ Daher scheint es unerlaubt, unter dem christlichen Gesetz Wein zu genießen.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (1 Tim 5,23): „Trinke nicht mehr nur Wasser, sondern gebrauche ein wenig Wein um deines Magens willen und wegen deiner häufigen Krankheiten“; und es steht geschrieben (Sir 31,36): „Wein, mit Mäßigung getrunken, ist die Freude der Seele und des Herzens.“
Ich antworte darauf, dass keine Speise oder kein Trank, an sich betrachtet, unerlaubt ist, gemäß Mt 15,11: „Nicht das, was in den Mund hineingeht, verunreinigt den Menschen.“ Daher ist es nicht unerlaubt, Wein als solchen zu trinken. Doch kann es akzidentell unerlaubt werden. Dies liegt manchmal an einem Umstand seitens des Trinkenden, entweder weil er durch den Weingenuss leicht Schaden nimmt oder weil er durch ein Gelübde gebunden ist, keinen Wein zu trinken; manchmal resultiert es aus der Art des Trinkens, weil er nämlich das Maß beim Trinken überschreitet; und manchmal ist es wegen anderer, die dadurch Ärgernis nehmen würden.
Antwort auf Einwand 1: Ein Mensch kann Weisheit auf zwei Weisen besitzen. Erstens auf eine allgemeine Weise, insofern sie zum Heil hinreicht: und auf diese Weise ist es, um Weisheit zu besitzen, nicht erforderlich, dass ein Mensch sich gänzlich des Weines enthält, sondern dass er sich seines unmäßigen Gebrauchs enthält. Zweitens kann ein Mensch Weisheit in einem gewissen Grad der Vollkommenheit besitzen: und auf diese Weise ist es, um die Weisheit vollkommen zu empfangen, für gewisse Personen erforderlich, dass sie sich gänzlich des Weines enthalten, und dies hängt von den Umständen gewisser Personen und Orte ab.
Antwort auf Einwand 2: Der Apostel erklärt nicht schlechthin, dass es gut ist, sich des Weines zu enthalten, sondern dass es gut ist in dem Fall, wo dies gewissen Leuten Ärgernis geben würde.
Antwort auf Einwand 3: Christus zieht uns von einigen Dingen ab, weil sie gänzlich unerlaubt sind, und von anderen, weil sie Hindernisse für die Vollkommenheit sind. Auf letztere Weise zieht er einige vom Gebrauch des Weines ab, damit sie nach Vollkommenheit streben, so wie auch von Reichtümern und dergleichen.