II-II, q. 119 a. 3
Ob die Verschwendung eine schwerere Sünde ist als der Geiz?
Quaestio 119 · Von der Verschwendung
Einwand 1: Es scheint, dass die Verschwendung eine schwerere Sünde ist als der Geiz. Denn durch den Geiz schädigt ein Mensch seinen Nächsten, indem er ihm seine Güter nicht mitteilt, wohingegen ein Mensch durch Verschwendung sich selbst schädigt, weil der Philosoph sagt (Ethic. iv, 1), dass „die Verschwendung von Reichtümern, welche die Mittel sind, wodurch ein Mensch lebt, eine Zerstörung seines eigenen Seins ist“. Nun sündigt derjenige schwerer, der sich selbst schädigt, gemäß Sir 14,5: „Wer sich selbst böse ist, zu wem wird er gut sein?“ Also ist die Verschwendung eine schwerere Sünde als der Geiz.
Einwand 2: Ferner ist eine Unordnung, die von einem lobenswerten Umstand begleitet wird, weniger sündhaft. Nun wird die Unordnung des Geizes manchmal von einem lobenswerten Umstand begleitet, wie im Falle derer, die nicht bereit sind, das Ihre auszugeben, damit sie nicht getrieben werden, von anderen anzunehmen: wohingegen die Unordnung der Verschwendung von einem Umstand begleitet wird, der Tadel verlangt, insofern wir Verschwendung jenen zuschreiben, die unmäßig sind, wie der Philosoph bemerkt (Ethic. iv, 1). Also ist die Verschwendung eine schwerere Sünde als der Geiz.
Einwand 3: Ferner ist die Klugheit die wichtigste unter den moralischen Tugenden, wie oben gesagt wurde (Frage [56], Artikel [1], ad 1; FS, Frage [61], Artikel [2], ad 1). Nun ist die Verschwendung der Klugheit mehr entgegengesetzt als der Geiz: denn es steht geschrieben (Spr 21,20): „Ein begehrenswerter Schatz und Öl ist in der Wohnung des Gerechten; und der törichte Mensch wird es verschwenden“: und der Philosoph sagt (Ethic. iv, 6), dass „es das Kennzeichen eines Toren ist, zu viel zu geben und nichts zu empfangen“. Also ist die Verschwendung eine schwerere Sünde als der Geiz.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. iv, 6), dass „der Verschwender viel besser zu sein scheint als der unfreigebige Mensch“.
Ich antworte darauf, Die Verschwendung ist an sich betrachtet eine geringere Sünde als der Geiz, und dies aus drei Gründen. Erstens, weil der Geiz sich mehr von der entgegengesetzten Tugend unterscheidet: da das Geben, worin der Verschwender das Maß überschreitet, mehr zur Freigebigkeit gehört als das Empfangen oder Behalten, worin der Geizige das Maß überschreitet. Zweitens, weil der verschwenderische Mensch den vielen nützlich ist, denen er gibt, während der geizige Mensch niemandem nützlich ist, nicht einmal sich selbst, wie in Ethic. iv, 6 gesagt wird. Drittens, weil die Verschwendung leicht geheilt wird. Denn nicht nur ist der Verschwender auf dem Weg ins Alter, welches der Verschwendung entgegengesetzt ist, sondern er wird auch leicht in einen Zustand des Mangels zurückgeführt, da vieles nutzlose Ausgeben ihn verarmen lässt und ihn unfähig macht, im Geben das Maß zu überschreiten. Zudem wird die Verschwendung aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit ihr leicht in Tugend verwandelt. Andererseits ist der geizige Mensch nicht leicht zu heilen, aus dem oben genannten Grund (Frage [118], Artikel [5], ad 3).
Antwort auf Einwand 1: Der Unterschied zwischen dem Verschwender und dem Geizigen besteht nicht darin, dass der erstere gegen sich selbst und der letztere gegen einen anderen sündigt. Denn der Verschwender sündigt gegen sich selbst, indem er das ausgibt, was sein ist und sein Mittel zum Unterhalt, und gegen andere, indem er die Mittel ausgibt, um anderen zu helfen. Dies gilt hauptsächlich für den Klerus, der die Verwalter der Kirchengüter ist, welche den Armen gehören, die sie durch ihre verschwenderischen Ausgaben betrügen. In gleicher Weise sündigt der geizige Mensch gegen andere, indem er im Geben mangelhaft ist; und er sündigt gegen sich selbst durch Mangel im Ausgeben: weshalb geschrieben steht (Koh 6,2): „Ein Mensch, dem Gott Reichtum gegeben hat . . . doch gibt er ihm nicht die Macht, davon zu essen.“ Dennoch überschreitet der verschwenderische Mensch darin das Maß, dass er sowohl sich selbst als auch andere schädigt, doch so, dass er einigen nützt; wohingegen der geizige Mensch weder anderen noch sich selbst nützt, da er nicht einmal seine eigenen Güter zu seinem eigenen Nutzen gebraucht.
Antwort auf Einwand 2: Wenn wir von Lastern im Allgemeinen sprechen, beurteilen wir sie gemäß ihrer jeweiligen Natur: so bemerken wir in Bezug auf die Verschwendung, dass sie Reichtümer im Übermaß verzehrt, und in Bezug auf den Geiz, dass er sie im Übermaß zurückhält. Dass jemand zu viel um der Unmäßigkeit willen ausgibt, deutet bereits auf mehrere zusätzliche Sünden hin, weshalb der Verschwender dieser Art schlimmer ist, wie in Ethic. iv, 1 gesagt wird. Dass ein unfreigebiger oder geiziger Mensch sich davon zurückhält, das zu nehmen, was anderen gehört, obwohl dies an sich Lob zu verdienen scheint, verdient es doch aufgrund des Motivs, aus dem er es tut, Tadel, da er nicht bereit ist, von anderen anzunehmen, damit er nicht gezwungen sei, anderen zu geben.
Antwort auf Einwand 3: Alle Laster sind der Klugheit entgegengesetzt, so wie alle Tugenden von der Klugheit geleitet werden: weshalb, wenn ein Laster allein der Klugheit entgegengesetzt ist, es aus eben diesem Grund als weniger schwerwiegend erachtet wird.