II-II, q. 119 a. 1
Ob die Verschwendung dem Geiz entgegengesetzt ist?
Quaestio 119 · Von der Verschwendung
Einwand 1: Es scheint, dass die Verschwendung dem Geiz nicht entgegengesetzt ist. Denn Gegensätze können nicht zugleich im selben Subjekt sein. Einige aber sind zugleich verschwenderisch und geizig. Also ist die Verschwendung dem Geiz nicht entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner beziehen sich Gegensätze auf ein und dasselbe. Der Geiz aber bezieht sich, als Gegensatz zur Freigebigkeit, auf gewisse Leidenschaften, durch die der Mensch dem Geld gegenüber affiziert wird; wohingegen sich die Verschwendung auf keine Leidenschaften der Seele zu beziehen scheint, da sie nicht dem Geld oder irgendetwas dergleichen zugeneigt ist. Also ist die Verschwendung dem Geiz nicht entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner empfängt die Sünde ihre Art hauptsächlich vom Ziel, wie oben gesagt wurde (FS, Frage [62], Artikel [3]). Nun scheint die Verschwendung immer auf ein unerlaubtes Ziel gerichtet zu sein, um dessentwillen der Verschwender seine Güter vergeudet. Besonders ist sie auf Vergnügungen gerichtet, weshalb es (Lk 15,13) vom verlorenen Sohn heißt, er habe „sein Vermögen durch ein ausschweifendes Leben verschleudert“. Daher scheint die Verschwendung eher der Mäßigkeit und der Gefühllosigkeit entgegengesetzt zu sein als dem Geiz und der Freigebigkeit.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. ii, 7; iv, 1), die Verschwendung sei der Freigebigkeit entgegengesetzt, und die Unfreigebigkeit, der wir hier den Namen Geiz geben, ebenso.
Ich antworte darauf, dass in der Moral die Laster einander und der Tugend hinsichtlich Übermaß und Mangel entgegengesetzt sind. Nun unterscheiden sich Geiz und Verschwendung verschiedenartig hinsichtlich Übermaß und Mangel. So übertreibt der Geizige hinsichtlich der Zuneigung zum Reichtum, indem er ihn mehr liebt, als er sollte, während der Verschwender mangelhaft ist, indem er sich weniger um ihn kümmert, als er sollte. Hinsichtlich der äußeren Handlung aber impliziert die Verschwendung ein Übermaß im Geben, aber einen Mangel im Behalten und Erwerben, während der Geiz im Gegenteil einen Mangel im Geben bezeichnet, aber ein Übermaß im Erwerben und Behalten. Daher ist es offensichtlich, dass die Verschwendung dem Geiz entgegengesetzt ist.
Antwort auf Einwand 1: Nichts hindert daran, dass Gegensätze in verschiedenen Hinsichten im selben Subjekt sind. Denn ein Ding wird mehr von dem benannt, was hauptsächlich in ihm ist. Nun ist bei der Freigebigkeit, welche die Mitte einhält, das Geben die Hauptsache, dem das Empfangen und Behalten untergeordnet sind; ebenso betrachten auch Geiz und Verschwendung hauptsächlich das Geben. Daher wird derjenige, der im Geben das Maß überschreitet, „verschwenderisch“ genannt, während derjenige, der im Geben mangelhaft ist, „geizig“ genannt wird. Nun geschieht es manchmal, dass jemand im Geben mangelhaft ist, ohne im Empfangen das Maß zu überschreiten, wie der Philosoph bemerkt (Ethic. iv, 1). Und in gleicher Weise geschieht es manchmal, dass jemand im Geben das Maß überschreitet und daher verschwenderisch ist, und doch zugleich im Empfangen das Maß überschreitet. Dies kann entweder auf eine Art Notwendigkeit zurückzuführen sein, da es ihm, während er im Geben übertreibt, an eigenen Gütern mangelt, so dass er getrieben wird, sich diese ungebührlich zu beschaffen, und dies gehört zum Geiz; oder es kann auf eine Unordnung des Gemüts zurückzuführen sein, denn er gibt nicht zu einem guten Zweck, sondern kümmert sich, als ob er die Tugend verachtete, nicht darum, woher oder wie er empfängt. Daher ist er in verschiedenen Hinsichten verschwenderisch und geizig.
Antwort auf Einwand 2: Die Verschwendung betrifft Leidenschaften in Bezug auf Geld, nicht als Übermaß, sondern als Mangel an ihnen.
Antwort auf Einwand 3: Der Verschwender überschreitet das Maß im Geben nicht immer um der Vergnügungen willen, welche die Materie der Mäßigkeit sind, sondern manchmal, weil er so disponiert ist, dass er sich nicht um Reichtümer kümmert, und manchmal wegen etwas anderem. Häufiger jedoch neigt er zur Unmäßigkeit, sowohl weil er durch zu viel Ausgeben für andere Dinge furchtlos wird, für Objekte des Vergnügens Geld auszugeben, zu denen die Begierde des Fleisches stärker neigt; als auch weil er, da er kein Vergnügen an den Gütern der Tugend findet, für sich selbst Vergnügungen des Leibes sucht. Daher sagt der Philosoph (Ethic. iv, 1), „dass mancher Verschwender am Ende unmäßig wird“.