II-II, q. 101 a. 3
Ob die Pietät eine spezielle, von anderen Tugenden verschiedene Tugend ist?
Quaestio 101 · Von der Frömmigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Pietät keine spezielle, von anderen Tugenden verschiedene Tugend ist. Denn das Erweisen von Dienst und Huldigung an irgendjemanden geht aus der Liebe hervor. Dies aber gehört zur Pietät. Also ist die Pietät keine von der Caritas verschiedene Tugend.
Einwand 2: Ferner ist es der Religion eigen, Gott Verehrung zu erweisen. Aber auch die Pietät erweist Gott Verehrung, gemäß Augustinus (De Civ. Dei x). Also ist die Pietät nicht von der Religion verschieden.
Einwand 3: Ferner scheint die Pietät, durch die wir unserem Vaterland Verehrung und Pflicht erweisen, dasselbe zu sein wie die gesetzliche Gerechtigkeit, die auf das Gemeinwohl blickt. Die gesetzliche Gerechtigkeit aber ist eine allgemeine Tugend, gemäß dem Philosophen (Ethic. v, 1,2). Also ist die Pietät keine spezielle Tugend.
Dagegen spricht, dass sie von Tullius (De Invent. Rhet. ii) als ein Teil der Gerechtigkeit gerechnet wird.
Ich antworte darauf, dass eine spezielle Tugend eine solche ist, die einen Gegenstand unter einem speziellen Aspekt betrachtet. Da nun das Wesen der Gerechtigkeit darin besteht, einer anderen Person das Ihrige zu geben, gibt es dort eine spezielle Tugend, wo ein spezieller Aspekt dessen vorliegt, was einer Person geschuldet ist. Nun ist ein Ding auf spezielle Weise demjenigen verpflichtet, was sein wesensgleiches Prinzip des Seins und der Lenkung ist. Und die Pietät betrachtet dieses Prinzip, insofern sie unseren Eltern und dem Vaterland sowie denen, die damit in Beziehung stehen, Pflicht und Huldigung entrichtet. Deshalb ist die Pietät eine spezielle Tugend.
Antwort auf Einwand 1: So wie die Religion eine Bezeugung von Glaube, Hoffnung und Liebe ist, wodurch der Mensch primär auf Gott ausgerichtet wird, so ist auch die Pietät eine Bezeugung der Liebe, die wir gegenüber unseren Eltern und dem Vaterland hegen.
Antwort auf Einwand 2: Gott ist das Prinzip unseres Seins und unserer Lenkung auf eine weit vorzüglichere Weise als der Vater oder das Vaterland. Daher ist die Religion, die Gott Verehrung erweist, eine von der Pietät, die unseren Eltern und dem Vaterland Huldigung entrichtet, verschiedene Tugend. Aber Dinge, die sich auf Geschöpfe beziehen, werden auf Gott als den Gipfel der Vorzüglichkeit und Kausalität übertragen, wie Dionysius sagt (Div. Nom. i): Weshalb die Pietät im Sinne der Vorzüglichkeit die Verehrung Gottes bezeichnet, so wie Gott im Sinne der Vorzüglichkeit „Unser Vater“ genannt wird.
Antwort auf Einwand 3: Die Pietät erstreckt sich auf unser Vaterland, insofern letzteres für uns ein Prinzip des Seins ist: Die gesetzliche Gerechtigkeit aber betrachtet das Gut unseres Vaterlandes, insofern es das Gemeinwohl ist: Weshalb die gesetzliche Gerechtigkeit mehr den Charakter einer allgemeinen Tugend hat als die Pietät.