I-II, q. 80 a. 2
Ob der Teufel den Menschen durch innere Anstiftungen zur Sünde verleiten kann?
Quaestio 80 · Von der Ursache der Sünde von Seiten des Teufels
Einwand 1: Es scheint, dass der Teufel den Menschen nicht durch innere Anstiftungen zur Sünde verleiten kann. Denn die inneren Bewegungen der Seele sind Lebensverrichtungen. Nun können keine Lebensverrichtungen ausgeübt werden außer durch ein inneres Prinzip, nicht einmal jene der vegetativen Seele, welche die niedrigsten der Lebensverrichtungen sind. Also kann der Teufel den Menschen nicht durch seine inneren Bewegungen zum Bösen anstiften.
Einwand 2: Ferner entstehen alle inneren Bewegungen gemäß der Ordnung der Natur aus den äußeren Sinnen. Nun kommt es Gott allein zu, etwas außerhalb der Ordnung der Natur zu tun, wie im ersten Teil (FP, Quaestio [110], Artikel [4]) dargelegt wurde. Also kann der Teufel in den inneren Bewegungen des Menschen nichts bewirken, außer in Bezug auf Dinge, die durch die äußeren Sinne wahrgenommen werden.
Einwand 3: Ferner sind die inneren Akte der Seele das Verstehen und das Einbilden. Nun kann der Teufel in Verbindung mit keinem von beiden etwas tun, weil, wie im ersten Teil (FP, Quaestio [111], Artikel [2], 3, ad 2) dargelegt, der Teufel dem menschlichen Intellekt keine Spezies einprägen kann, noch scheint es ihm möglich zu sein, imaginäre Spezies hervorzubringen, da imaginäre Formen, weil sie geistiger sind, vorzüglicher sind als jene, die in der sinnlichen Materie sind, welche der Teufel dennoch nicht hervorbringen kann, wie aus dem klar ist, was wir im ersten Teil gesagt haben (FP, Quaestio [110], Artikel [2]; FP, Quaestio [111], Artikel [2], 3, ad 2). Also kann der Teufel den Menschen nicht durch dessen innere Bewegungen zur Sünde verleiten.
Dagegen spricht: In diesem Fall würde der Teufel den Menschen niemals versuchen, es sei denn, er erschiene sichtbar; was offensichtlich falsch ist.
Ich antworte darauf, Der innere Teil der Seele ist intellektiv und sensitiv; und der intellektive Teil enthält den Verstand und den Willen. Was den Willen betrifft, so haben wir bereits dargelegt (Artikel [1]; FP, Quaestio [111], Artikel [1]), wie das Verhältnis des Teufels dazu ist. Nun wird der Verstand seiner Natur nach von dem bewegt, was ihn in der Erkenntnis der Wahrheit erleuchtet, was der Teufel in Bezug auf den Menschen nicht beabsichtigt; vielmehr verdunkelt er die Vernunft des Menschen, damit diese der Sünde zustimme, welche Verdunkelung auf die Einbildungskraft und das sinnliche Begehrungsvermögen zurückzuführen ist. Folglich scheint die Operation des Teufels auf die Einbildungskraft und das sinnliche Begehrungsvermögen beschränkt zu sein, durch deren Bewegung er den Menschen zur Sünde verleiten kann. Denn seine Operation kann darin resultieren, der Einbildungskraft gewisse Formen zu präsentieren; und er ist fähig, das sinnliche Begehrungsvermögen zu der einen oder anderen Leidenschaft anzustacheln.
Der Grund hierfür ist, dass, wie im ersten Teil (FP, Quaestio [110], Artikel [3]) dargelegt, die körperliche Natur eine natürliche Eignung besitzt, von der geistigen Natur örtlich bewegt zu werden: sodass der Teufel all jene Wirkungen hervorbringen kann, die aus der örtlichen Bewegung von Körpern hier unten resultieren können, sofern er nicht durch die göttliche Macht zurückgehalten wird. Nun ist die Darstellung von Formen vor der Einbildungskraft manchmal auf eine örtliche Bewegung zurückzuführen: denn der Philosoph sagt (De Somno et Vigil. [*De Insomn. iii, iv.]), dass „wenn ein Tier schläft, das Blut in Fülle zum sensitiven Prinzip herabsteigt und die Bewegungen mit ihm herabsteigen, nämlich die Eindrücke, die durch die Einwirkung sinnlicher Objekte hinterlassen wurden, welche Eindrücke mittels sinnlicher Spezies bewahrt werden und das auffassende Prinzip weiterhin bewegen, sodass sie erscheinen, gerade als ob die sensitiven Prinzipien zu dieser Zeit von ihnen affiziert würden.“ Daher kann eine solche örtliche Bewegung der Lebensgeister oder Säfte durch die Dämonen bewirkt werden, ob der Mensch schläft oder wacht: und so geschieht es, dass die Einbildungskraft des Menschen ins Spiel gebracht wird.
In gleicher Weise wird das sinnliche Begehrungsvermögen zu gewissen Leidenschaften angestachelt gemäß gewissen festen Bewegungen des Herzens und der Lebensgeister: weshalb der Teufel auch hierbei mitwirken kann. Und dadurch, dass gewisse Leidenschaften im sinnlichen Begehrungsvermögen geweckt werden, ist das Ergebnis, dass der Mensch die Bewegung oder das sinnliche Bild, das auf die erklärte Weise vor das auffassende Prinzip gebracht wird, leichter wahrnimmt, da, wie der Philosoph bemerkt (De Somno et Vigil.: De Insomn. iii, iv), „Liebende selbst durch eine geringe Ähnlichkeit zu einer Erfassung des Geliebten bewegt werden.“ Es geschieht auch durch das Wecken einer Leidenschaft, dass das, was der Einbildungskraft vorgelegt wird, als etwas Verfolgenswertes beurteilt wird, weil demjenigen, der von einer Leidenschaft ergriffen ist, alles gut erscheint, wozu die Leidenschaft ihn hinneigt. Auf diese Weise verleitet der Teufel den Menschen innerlich zur Sünde.
Antwort auf den 1. Einwand: Obwohl Lebensverrichtungen immer aus einem inneren Prinzip stammen, kann doch ein äußeres Agens bei ihnen mitwirken, so wie äußere Wärme bei den Funktionen der vegetativen Seele mitwirkt, damit die Nahrung leichter verdaut werde.
Antwort auf den 2. Einwand: Diese Erscheinung imaginärer Formen liegt nicht gänzlich außerhalb der Ordnung der Natur, noch ist sie allein auf einen Befehl zurückzuführen, sondern erfolgt gemäß örtlicher Bewegung, wie oben erklärt.
Folglich ist die Antwort auf den dritten Einwand klar, weil diese Formen ursprünglich von den Sinnen empfangen werden.