I-II, q. 8 a. 2
Ob sich das Wollen nur auf das Ziel oder auch auf die Mittel richtet?
Quaestio 8 · Vom Willen in Bezug auf das Gewollte
Einwand 1: Es scheint, dass das Wollen sich nicht auf die Mittel, sondern nur auf das Ziel richtet. Denn der Philosoph sagt (Ethic. iii, 2), dass "das Wollen dem Ziel gilt, die Wahl aber den Mitteln".
Einwand 2: Ferner: "Für Gegenstände, die der Gattung nach verschieden sind, gibt es entsprechend verschiedene Seelenvermögen" (Ethic. vi, 1). Nun sind das Ziel und die Mittel in verschiedenen Gattungen des Guten: denn das Ziel, welches ein Gut entweder der Rechtschaffenheit oder des Vergnügens ist, ist in der Gattung "Qualität" oder "Aktion" oder "Passion"; wohingegen das Gut, das nützlich und auf ein Ziel gerichtet ist, in der Gattung "Relation" ist (Ethic. i, 6). Wenn also das Wollen dem Ziel gilt, gilt es nicht den Mitteln.
Einwand 3: Ferner entsprechen die Habitus den Vermögen, da sie deren Vollkommenheiten sind. Aber in jenen Habitus, die praktische Künste genannt werden, gehört das Ziel zu einer und die Mittel zu einer anderen Kunst; so gehört der Gebrauch eines Schiffes, welcher sein Ziel ist, zur (Kunst des) Steuermanns; wohingegen der Bau des Schiffes, der auf das Ziel gerichtet ist, zur Kunst des Schiffbauers gehört. Da also das Wollen dem Ziel gilt, gilt es nicht den Mitteln.
Dagegen spricht: In den natürlichen Dingen gelangt ein Ding durch dieselbe Kraft durch den Zwischenraum und kommt am Endpunkt an. Aber die Mittel sind eine Art Zwischenraum, durch den man zum Ziel oder Endpunkt gelangt. Wenn also das Wollen dem Ziel gilt, gilt es auch den Mitteln.
Ich antworte darauf, dass das Wort "voluntas" (Wille) manchmal das Vermögen des Willens bezeichnet, manchmal seinen Akt [*Siehe Anmerkung: oben Artikel [1], Antwort auf Einwand [1]]. Wenn wir dementsprechend vom Willen als einem Vermögen sprechen, so erstreckt er sich sowohl auf das Ziel als auch auf die Mittel. Denn jedes Vermögen erstreckt sich auf jene Dinge, in denen der Aspekt des Objekts jenes Vermögens auf irgendeine Weise betrachtet werden kann: so erstreckt sich das Sehen auf alle Dinge, die auf irgendeine Weise farbig sind. Nun kann der Aspekt des Guten, welcher das Objekt des Willensvermögens ist, nicht nur im Ziel, sondern auch in den Mitteln gefunden werden.
Wenn wir jedoch vom Willen in Bezug auf seinen Akt sprechen, dann gilt das Wollen, eigentlich gesprochen, nur dem Ziel. Denn jeder Akt, der nach einem Vermögen benannt ist, bezeichnet den einfachen Akt jenes Vermögens: so bezeichnet "Verstehen" den einfachen Akt des Verstandes. Nun bezieht sich der einfache Akt eines Vermögens auf das, was an sich das Objekt jenes Vermögens ist. Aber das, was an sich gut und gewollt ist, ist das Ziel. Daher gilt das Wollen, eigentlich gesprochen, dem Ziel selbst. Andererseits sind die Mittel gut und gewollt, nicht an sich, sondern als auf das Ziel bezogen. Daher richtet sich der Wille nur insofern auf sie, als er auf das Ziel gerichtet ist: so dass das, was er in ihnen will, das Ziel ist. So ist das Verstehen eigentlich auf Dinge gerichtet, die an sich bekannt sind, d.h. erste Prinzipien: aber wir sprechen nicht vom Verstehen in Bezug auf Dinge, die durch erste Prinzipien bekannt sind, außer insofern wir die Prinzipien in jenen Dingen sehen. Denn in der Moral ist das Ziel das, was die Prinzipien in der spekulativen Wissenschaft sind (Ethic. viii, 8).
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph spricht vom Willen in Bezug auf den einfachen Akt des Willens; nicht in Bezug auf das Vermögen des Willens.
Antwort auf Einwand 2: Es gibt verschiedene Vermögen für Objekte, die in der Gattung verschieden sind und auf einer Gleichheit stehen; zum Beispiel sind Ton und Farbe verschiedene Gattungen von sinnlich Wahrnehmbarem, auf die sich Hören und Sehen beziehen. Aber das Nützliche und das Rechtschaffene stehen nicht auf einer Gleichheit, sondern verhalten sich wie das, was aus sich selbst ist, und das, was in Beziehung zu einem anderen steht. Nun werden derartige Objekte immer auf dasselbe Vermögen bezogen; zum Beispiel nimmt das Sehvermögen sowohl die Farbe wahr als auch das Licht, durch welches die Farbe gesehen wird.
Antwort auf Einwand 3: Nicht alles, was die Habitus unterscheidet, unterscheidet die Vermögen: da Habitus gewisse Bestimmungen von Vermögen zu bestimmten speziellen Akten sind. Überdies betrachtet jede praktische Kunst sowohl das Ziel als auch die Mittel. Denn die Kunst des Steuermanns betrachtet zwar das Ziel als das, was sie bewirkt; und die Mittel als das, was sie befiehlt. Andererseits betrachtet die Schiffbaukunst die Mittel als das, was sie bewirkt; aber sie betrachtet das, was das Ziel ist, als das, worauf sie das bezieht, was sie bewirkt. Und wiederum gibt es in jeder praktischen Kunst ein ihr eigenes Ziel und Mittel, die eigentlich zu dieser Kunst gehören.