I-II, q. 8 a. 1
Ob sich der Wille nur auf das Gute richtet?
Quaestio 8 · Vom Willen in Bezug auf das Gewollte
Einwand 1: Es scheint, dass der Wille sich nicht nur auf das Gute richtet. Denn dasselbe Vermögen bezieht sich auf Gegensätze; so bezieht sich zum Beispiel das Sehen auf Weiß und Schwarz. Gut und Böse aber sind Gegensätze. Also richtet sich der Wille nicht nur auf das Gute, sondern auch auf das Böse.
Einwand 2: Ferner können vernünftige Vermögen auf entgegengesetzte Ziele gerichtet werden, wie der Philosoph sagt (Metaph. ix, 2). Der Wille aber ist ein vernünftiges Vermögen, da er "in der Vernunft" ist, wie in De Anima iii, 9 dargelegt wird. Daher kann der Wille auf Gegensätze gerichtet werden; und folglich ist sein Wollen nicht auf das Gute beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf das Böse.
Einwand 3: Ferner sind das Gute und das Seiende austauschbar. Das Wollen richtet sich aber nicht nur auf Seiendes, sondern auch auf Nicht-Seiendes. Denn manchmal wollen wir "nicht gehen" oder "nicht sprechen"; und bisweilen wünschen wir uns zukünftige Dinge, die keine aktuellen Seienden sind. Also richtet sich der Wille nicht nur auf das Gute.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. iv), das "Böse liege außerhalb des Bereichs des Willens" und "alle Dinge begehren das Gute".
Ich antworte darauf, dass der Wille ein vernünftiges Streben ist. Nun richtet sich jedes Streben nur auf ein Gut. Der Grund dafür ist, dass das Streben nichts anderes ist als eine Neigung des nach einer Sache Begehrenden zu dieser Sache hin. Nun geht jede Neigung auf etwas, das dem Geneigten ähnlich und angemessen ist. Da also alles, insofern es Seiendes und Substanz ist, ein Gut ist, muss notwendigerweise jede Neigung auf etwas Gutes gehen. Und daher sagt der Philosoph (Ethic. i, 1), dass "das Gute das ist, was alle begehren".
Es muss jedoch beachtet werden, dass, da jede Neigung aus einer Form folgt, das natürliche Streben aus einer in der Natur der Dinge existierenden Form folgt: das sinnliche Streben hingegen, wie auch das intellektive oder vernünftige Streben, welches wir Wille nennen, folgt aus einer erkannten Form. Daher strebt das natürliche Begehren nach dem Gut, das in einer Sache existiert; das tierische oder willentliche Begehren aber strebt nach einem Gut, das erkannt wird. Folglich ist es, damit der Wille zu etwas strebt, nicht erforderlich, dass dieses in wahrer Wirklichkeit gut ist, sondern dass es als gut erkannt wird. Daher sagt der Philosoph (Phys. ii, 3), dass "das Ziel ein Gut oder ein scheinbares Gut ist".
Antwort auf Einwand 1: Dasselbe Vermögen bezieht sich auf Gegensätze, aber es wird nicht auf dieselbe Weise auf sie bezogen. Dementsprechend wird der Wille sowohl auf das Gute als auch auf das Böse bezogen: auf das Gute jedoch, indem er es begehrt; auf das Böse, indem er es meidet. Daher wird das tatsächliche Begehren des Guten "Wollen" (voluntas) genannt [*Im Lateinischen 'voluntas'. Um eine Verwechslung mit "voluntas" (dem Willen als Vermögen) zu vermeiden, fügt St. Thomas ein Wort der Erklärung hinzu], womit der Akt des Willens gemeint ist; denn in diesem Sinne sprechen wir jetzt vom Willen. Andererseits wird das Meiden des Bösen besser als "Nicht-Wollen" (noluntas) bezeichnet: Daher ist, so wie das Wollen auf das Gute geht, das Nicht-Wollen auf das Böse gerichtet.
Antwort auf Einwand 2: Ein vernünftiges Vermögen ist nicht auf alle entgegengesetzten Ziele zu richten, sondern auf jene, die unter seinem eigenen Objekt enthalten sind; denn kein Vermögen sucht etwas anderes als sein eigenes Objekt. Nun ist das Objekt des Willens das Gute. Daher kann der Wille auf solche entgegengesetzten Ziele gerichtet werden, die unter dem Guten enthalten sind, wie etwa bewegt zu werden oder zu ruhen, zu sprechen oder zu schweigen und dergleichen: denn der Wille kann auf beides unter dem Aspekt des Guten gerichtet werden.
Antwort auf Einwand 3: Das, was in der Natur kein Seiendes ist, wird in der Vernunft als ein Seiendes betrachtet, weshalb Verneinungen und Beraubungen "Seiende der Vernunft" (Gedankendinge) genannt werden. Auf diese Weise sind auch zukünftige Dinge, insofern sie erkannt werden, Seiende. Dementsprechend werden solche Dinge, insofern sie Seiende sind, unter dem Aspekt des Guten erkannt; und so richtet sich der Wille auf sie. Daher sagt der Philosoph (Ethic. v, 1), dass "das Fehlen des Übels als ein Gut betrachtet wird".