I-II, q. 62 a. 4
Ob der Glaube der Hoffnung vorausgeht und die Hoffnung der Liebe?
Quaestio 62 · Von den göttlichen Tugenden
Einwand 1: Es scheint, dass die Ordnung der theologischen Tugenden nicht so ist, dass der Glaube der Hoffnung vorausgeht und die Hoffnung der Liebe. Denn die Wurzel geht dem voraus, was aus ihr wächst. Nun ist die Liebe die Wurzel aller Tugenden, gemäß Eph 3,17: „In der Liebe gewurzelt und gegründet.“ Daher geht die Liebe den anderen voraus.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (De Doctr. Christ. i): „Ein Mensch kann nicht lieben, was er nicht zu existieren glaubt. Aber wenn er glaubt und liebt, gelangt er durch das Tun guter Werke schließlich zum Hoffen.“ Daher scheint es, dass der Glaube der Liebe vorausgeht und die Liebe der Hoffnung.
Einwand 3: Ferner ist die Liebe das Prinzip all unserer Affekte, wie oben dargelegt (Artikel [2], zu 3). Nun ist die Hoffnung eine Art Affekt, da sie eine Leidenschaft ist, wie oben dargelegt (Frage [25], Artikel [2]). Daher geht die Liebe (Caritas), welche Liebe ist, der Hoffnung voraus.
Dagegen spricht, dass der Apostel sie so aufzählt (1 Kor 13,13): „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe.“
Ich antworte darauf, dass die Ordnung zweifach ist: Ordnung der Entstehung und Ordnung der Vollkommenheit. Nach der Ordnung der Entstehung, hinsichtlich derer die Materie der Form vorausgeht und das Unvollkommene dem Vollkommenen, geht in ein und demselben Subjekt der Glaube der Hoffnung voraus und die Hoffnung der Liebe, was ihre Akte betrifft: weil die Habitus alle zusammen eingegossen werden. Denn die Bewegung des Strebevermögens kann zu nichts tendieren, weder durch Hoffen noch durch Lieben, wenn jenes Ding nicht durch den Sinn oder durch den Intellekt erfasst wird. Nun erfasst der Intellekt das Objekt der Hoffnung und der Liebe durch den Glauben. Daher geht in der Ordnung der Entstehung der Glaube der Hoffnung und der Liebe voraus. In gleicher Weise liebt ein Mensch ein Ding, weil er es als sein Gut erfasst. Nun betrachtet ein Mensch allein aufgrund der Tatsache, dass er hofft, irgendein Gut durch jemanden erlangen zu können, den Menschen, auf den er hofft, als ein eigenes Gut. Daher schreitet er aus eben dem Grund, dass er auf jemanden hofft, dazu fort, ihn zu lieben: so dass in der Ordnung der Entstehung die Hoffnung der Liebe vorausgeht, was ihre jeweiligen Akte betrifft.
Aber in der Ordnung der Vollkommenheit geht die Liebe dem Glauben und der Hoffnung voraus: weil sowohl Glaube als auch Hoffnung durch die Liebe belebt werden und von der Liebe ihre volle Ergänzung als Tugenden empfangen. Denn so ist die Liebe die Mutter und die Wurzel aller Tugenden, insofern sie die Form von ihnen allen ist, wie wir weiter unten darlegen werden (II-II, Frage [23], Artikel [8]).
Dies genügt für die Antwort auf den ersten Einwand.
Zu Einwand 2: Augustinus spricht von jener Hoffnung, durch die ein Mensch hofft, die Glückseligkeit durch die Verdienste zu erlangen, die er bereits hat: dies gehört zur Hoffnung, die durch die Liebe belebt ist und ihr folgt. Aber es ist für einen Menschen möglich, bevor er die Liebe hat, durch Verdienste zu hoffen, die er noch nicht besitzt, die er aber zu besitzen hofft.
Zu Einwand 3: Wie oben dargelegt (Frage [40], Artikel [7]), betrachtet die Hoffnung bei der Behandlung der Leidenschaften zwei Dinge. Eines als ihr Hauptobjekt, nämlich das erhoffte Gut. In Bezug hierauf geht die Liebe immer der Hoffnung voraus: denn ein Gut wird niemals erhofft, wenn es nicht begehrt und geliebt wird. Die Hoffnung betrachtet auch die Person, von der ein Mensch hofft, irgendein Gut erlangen zu können. In Bezug hierauf geht die Hoffnung der Liebe zuerst voraus; obwohl die Hoffnung danach durch die Liebe vermehrt wird. Denn aus der Tatsache, dass ein Mensch denkt, er könne ein Gut durch jemanden erlangen, beginnt er, ihn zu lieben: und aus der Tatsache, dass er ihn liebt, hofft er dann umso mehr auf ihn.