I-II, q. 62 a. 2
Ob die theologischen Tugenden von den intellektuellen und moralischen Tugenden unterschieden sind?
Quaestio 62 · Von den göttlichen Tugenden
Einwand 1: Es scheint, dass die theologischen Tugenden nicht von den moralischen und intellektuellen Tugenden unterschieden sind. Denn wenn die theologischen Tugenden in einer menschlichen Seele sind, müssen sie diese notwendigerweise vervollkommnen, entweder hinsichtlich des intellektiven oder hinsichtlich des appetitiven Teils. Nun werden die Tugenden, die den intellektiven Teil vervollkommnen, intellektuelle genannt; und die Tugenden, die den appetitiven Teil vervollkommnen, werden moralische genannt. Daher sind die theologischen Tugenden nicht von den moralischen und intellektuellen Tugenden unterschieden.
Einwand 2: Ferner sind die theologischen Tugenden jene, die uns auf Gott hinordnen. Nun gibt es unter den intellektuellen Tugenden eine, die uns auf Gott hinordnet: dies ist die Weisheit, die von den göttlichen Dingen handelt, da sie die höchste Ursache betrachtet. Daher sind die theologischen Tugenden nicht von den intellektuellen Tugenden unterschieden.
Einwand 3: Ferner zeigt Augustinus (De Moribus Eccl. xv), wie die vier Kardinaltugenden die „Ordnung der Liebe“ sind. Nun ist die Liebe (Caritas) eine theologische Tugend. Daher sind die moralischen Tugenden nicht von den theologischen unterschieden.
Dagegen spricht, dass das, was über der Natur des Menschen ist, von dem unterschieden ist, was seiner Natur entspricht. Die theologischen Tugenden aber sind über der Natur des Menschen; während die intellektuellen und moralischen Tugenden im Verhältnis zu seiner Natur stehen, wie oben klar gezeigt wurde (Frage [58], Artikel [3]). Daher sind sie voneinander unterschieden.
Ich antworte darauf, wie oben dargelegt (Frage [54], Artikel [2], zu 1), unterscheiden sich Habitus der Art nach voneinander hinsichtlich des formalen Unterschieds ihrer Objekte. Nun ist das Objekt der theologischen Tugenden Gott selbst, der das letzte Ziel aller Dinge ist, als die Erkenntnis unserer Vernunft übersteigend. Andererseits ist das Objekt der intellektuellen und moralischen Tugenden etwas der menschlichen Vernunft Fassbares. Daher sind die theologischen Tugenden der Art nach von den moralischen und intellektuellen Tugenden unterschieden.
Zu Einwand 1: Die intellektuellen und moralischen Tugenden vervollkommnen den Intellekt und den Appetit des Menschen gemäß dem Vermögen der menschlichen Natur; die theologischen Tugenden aber auf übernatürliche Weise.
Zu Einwand 2: Die Weisheit, die der Philosoph (Ethic. vi, 3,7) zu den intellektuellen Tugenden rechnet, betrachtet die göttlichen Dinge, soweit sie der Erforschung der menschlichen Vernunft zugänglich sind. Die theologische Tugend hingegen handelt von denselben Dingen, soweit sie die menschliche Vernunft übersteigen.
Zu Einwand 3: Obwohl die Caritas Liebe ist, ist doch nicht jede Liebe Caritas. Wenn also gesagt wird, dass jede Tugend die Ordnung der Liebe ist, kann dies entweder von der Liebe im allgemeinen Sinne oder von der Liebe der Caritas verstanden werden. Wenn es von der Liebe verstanden wird, wie sie allgemein genannt wird, dann wird jede Tugend als Ordnung der Liebe bezeichnet, insofern jede Kardinaltugend geordnete Affekte erfordert; und Liebe ist die Wurzel und Ursache jedes Affekts, wie oben dargelegt (Frage [27], Artikel [4]; Frage [28], Artikel [6], zu 2; Frage [41], Artikel [2], zu 1). Wenn es jedoch von der Liebe der Caritas verstanden wird, bedeutet dies nicht, dass jede andere Tugend dem Wesen nach Caritas ist: sondern dass alle anderen Tugenden auf irgendeine Weise von der Caritas abhängen, wie wir weiter unten zeigen werden (Frage [65], Artikel [2],5; II-II, Frage [23], Artikel [7]).