I-II, q. 62 a. 1
Ob es theologische Tugenden gibt?
Quaestio 62 · Von den göttlichen Tugenden
Einwand 1: Es scheint, dass es keine theologischen Tugenden gibt. Denn gemäß Phys. vii, Text 17 ist „Tugend die Disposition eines vollkommenen Dinges zum Besten: und mit vollkommen meine ich das, was gemäß der Natur beschaffen ist.“ Das Göttliche aber steht über der Natur des Menschen. Daher sind die theologischen Tugenden keine Tugenden des Menschen.
Einwand 2: Ferner sind theologische Tugenden gleichsam göttliche Tugenden. Die göttlichen Tugenden aber sind Urbilder, wie oben dargelegt wurde (Frage [61], Artikel [5]), die nicht in uns sind, sondern in Gott. Daher sind die theologischen Tugenden keine Tugenden des Menschen.
Einwand 3: Ferner werden die theologischen Tugenden so genannt, weil sie uns auf Gott hinordnen, welcher der erste Anfang und das letzte Ziel aller Dinge ist. Aber schon durch die Natur seiner Vernunft und seines Willens ist der Mensch auf seinen ersten Anfang und sein letztes Ziel hingeordnet. Daher besteht keine Notwendigkeit für irgendwelche Habitus theologischer Tugend, um Vernunft und Willen auf Gott hinzuordnen.
Dagegen spricht, dass die Vorschriften des Gesetzes von den Akten der Tugend handeln. Nun enthält das göttliche Gesetz Vorschriften über die Akte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe; denn es steht geschrieben (Sir 2,8 ff.): „Ihr, die ihr den Herrn fürchtet, glaubt ihm“, und wiederum: „hofft auf ihn“, und wiederum: „liebt ihn“. Daher sind Glaube, Hoffnung und Liebe Tugenden, die uns auf Gott hinordnen. Folglich sind sie theologische Tugenden.
Ich antworte darauf, dass der Mensch durch die Tugend vervollkommnet wird für jene Handlungen, durch die er auf die Glückseligkeit hingeordnet wird, wie oben erklärt wurde (Frage [5], Artikel [7]). Nun ist die Glückseligkeit des Menschen zweifach, wie ebenfalls oben dargelegt wurde (Frage [5], Artikel [5]). Die eine steht im Verhältnis zur menschlichen Natur, eine Glückseligkeit nämlich, die der Mensch mittels seiner natürlichen Prinzipien erlangen kann. Die andere ist eine Glückseligkeit, die die Natur des Menschen übersteigt und die der Mensch allein durch die Kraft Gottes erlangen kann, durch eine Art Teilhabe an der Gottheit, worüber geschrieben steht (2 Petr 1,4), dass wir durch Christus „Teilhaber der göttlichen Natur“ geworden sind. Und weil eine solche Glückseligkeit das Vermögen der menschlichen Natur übersteigt, genügen die natürlichen Prinzipien des Menschen, die ihn befähigen, gemäß seinem Vermögen gut zu handeln, nicht, um den Menschen auf eben diese Glückseligkeit hinzuordnen. Daher ist es notwendig, dass der Mensch von Gott einige zusätzliche Prinzipien empfängt, durch die er auf die übernatürliche Glückseligkeit hingeordnet werde, so wie er mittels seiner natürlichen Prinzipien auf sein wesensgleiches Ziel hingeordnet ist, wenngleich nicht ohne göttlichen Beistand. Derartige Prinzipien werden „theologische Tugenden“ genannt: erstens, weil ihr Objekt Gott ist, insofern sie uns recht auf Gott hinordnen; zweitens, weil sie uns allein von Gott eingegossen werden; drittens, weil diese Tugenden uns nicht anders kundgetan werden als durch die göttliche Offenbarung, die in der Heiligen Schrift enthalten ist.
Zu Einwand 1: Eine bestimmte Natur kann einem bestimmten Ding auf zweifache Weise zugeschrieben werden. Erstens dem Wesen nach: und so übersteigen diese theologischen Tugenden die Natur des Menschen. Zweitens durch Teilhabe, wie entzündetes Holz an der Natur des Feuers teilhat: und so wird der Mensch auf gewisse Weise ein Teilhaber der göttlichen Natur, wie oben gesagt; so dass diese Tugenden dem Menschen angemessen sind im Hinblick auf die Natur, deren Teilhaber er geworden ist.
Zu Einwand 2: Diese Tugenden werden göttlich genannt, nicht als ob Gott aufgrund ihrer tugendhaft wäre, sondern weil Gott uns durch sie tugendhaft macht und uns auf sich selbst hinordnet. Daher sind sie keine vorbildlichen (exemplarischen), sondern nachgebildete Tugenden.
Zu Einwand 3: Vernunft und Wille sind von Natur aus auf Gott hingeordnet, insofern er Anfang und Ende der Natur ist, jedoch im Verhältnis zur Natur. Aber Vernunft und Wille sind ihrer Natur nach nicht hinreichend auf ihn hingeordnet, insofern er Gegenstand der übernatürlichen Glückseligkeit ist.