I-II, q. 52 a. 3
Ob jeder Akt den Habitus vermehrt?
Quaestio 52 · Von der Zunahme der Habitus
Einwand 1: Es scheint, dass jeder Akt seinen Habitus vermehrt. Denn wenn die Ursache vermehrt wird, wird die Wirkung vermehrt. Nun sind Akte Ursachen von Habitus, wie oben festgestellt (Frage [51], Artikel [2]). Also nimmt ein Habitus zu, wenn seine Akte vervielfältigt werden.
Einwand 2: Ferner sollte über gleiche Dinge ein gleiches Urteil gebildet werden. Aber alle Akte, die aus ein und demselben Habitus hervorgehen, sind gleich (Ethic. ii, 1,2). Wenn also einige Akte einen Habitus vermehren, sollte jeder Akt ihn vermehren.
Einwand 3: Ferner wird Gleiches durch Gleiches vermehrt. Aber jeder Akt ist dem Habitus gleich, aus dem er hervorgeht. Also vermehrt jeder Akt den Habitus.
Dagegen spricht, dass entgegengesetzte Wirkungen nicht aus derselben Ursache resultieren. Aber gemäß Ethic. ii, 2 verringern einige Akte den Habitus, aus dem sie hervorgehen, zum Beispiel wenn sie nachlässig getan werden. Also ist es nicht jeder Akt, der einen Habitus vermehrt.
Ich antworte darauf, dass „gleiche Akte gleiche Habitus verursachen“ (Ethic. ii, 1,2). Nun sind Dinge gleich oder ungleich nicht nur in Bezug darauf, dass ihre Qualitäten dieselben oder verschieden sind, sondern auch in Bezug auf denselben oder einen anderen Modus der Teilhabe. Denn nicht nur Schwarz ist ungleich zu Weiß, sondern auch weniger Weiß ist ungleich zu mehr Weiß, da es eine Bewegung von weniger Weiß zu mehr Weiß gibt, so wie von einem Gegensatz zum anderen, wie in Phys. v, text. 52 festgestellt wird.
Da aber der Gebrauch von Habitus vom Willen abhängt, wie oben gezeigt wurde (Frage [50], Artikel [5]); so wie jemand, der einen Habitus hat, es unterlassen kann, ihn zu gebrauchen, oder ihm zuwiderhandeln kann; so kann es ihm auch geschehen, dass er den Habitus gebraucht, indem er einen Akt vollzieht, der nicht im Verhältnis zur Intensität des Habitus steht. Dementsprechend, wenn die Intensität des Aktes im Verhältnis zur Intensität des Habitus steht oder sie sogar übertrifft, vermehrt jeder solche Akt entweder den Habitus oder disponiert zu einer Zunahme desselben, wenn wir von der Zunahme von Habitus so sprechen dürfen wie von der Zunahme eines Lebewesens. Denn nicht jeder Bissen Nahrung vermehrt aktuell die Größe des Lebewesens, wie auch nicht jeder Wassertropfen den Stein aushöhlt: aber die Vervielfältigung der Nahrung resultiert schließlich in einer Zunahme des Körpers. So lassen auch wiederholte Akte einen Habitus wachsen. Wenn jedoch der Akt hinter der Intensität des Habitus zurückbleibt, disponiert ein solcher Akt nicht zu einer Zunahme jenes Habitus, sondern eher zu einer Verringerung desselben.
Hieraus ist klar, wie die Einwände zu lösen sind.