I-II, q. 49 a. 2
Ob der Habitus eine eigene Spezies der Qualität ist?
Quaestio 49 · Vom Habitus im Allgemeinen, hinsichtlich seines Wesens.
Einwand 1: Es scheint, dass der Habitus keine eigene Spezies der Qualität ist. Denn wie wir gesagt haben (Artikel [1]), ist der Habitus, insofern er eine Qualität ist, „eine Disposition, durch welche das, was disponiert ist, gut oder schlecht disponiert ist“. Aber dies geschieht in Bezug auf jede Qualität: denn ein Ding kann auch in Bezug auf die Gestalt gut oder schlecht disponiert sein, und in gleicher Weise in Bezug auf Hitze und Kälte und in Bezug auf alle derartigen Dinge. Also ist der Habitus keine eigene Spezies der Qualität.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph im Buch der Prädikamente (Categor. vi), dass Hitze und Kälte Dispositionen oder Habitus sind, ebenso wie Krankheit und Gesundheit. Also ist Habitus oder Disposition nicht von den anderen Spezies der Qualität unterschieden.
Einwand 3: Ferner ist „schwer veränderlich“ keine Differenz, die zum Prädikament der Qualität gehört, sondern eher zur Bewegung oder zum Erleiden. Nun sollte keine Gattung durch eine Differenz einer anderen Gattung zu einer Spezies zusammengezogen werden; sondern „Differenzen sollten einer Gattung eigentümlich sein“, wie der Philosoph in Metaph. vii, text. 42 sagt. Da also der Habitus „eine schwer veränderliche Qualität“ ist, scheint er keine eigene Spezies der Qualität zu sein.
Dagegen spricht, dass der Philosoph im Buch der Prädikamente (Categor. vi) sagt, dass „eine Spezies der Qualität Habitus und Disposition ist“.
Ich antworte darauf, dass der Philosoph im Buch der Prädikamente (Categor. vi) Disposition und Habitus als die erste Spezies der Qualität rechnet. Nun erklärt Simplicius in seinem Kommentar zu den Prädikamenten den Unterschied dieser Spezies wie folgt. Er sagt, „dass einige Qualitäten natürlich sind und ihrem Subjekt kraft seiner Natur innewohnen und immer dort sind: einige aber sind hinzukommend, da sie von außen verursacht werden, und diese können verloren gehen. Nun sind letztere“, d.h. jene, die hinzukommend sind, „Habitus und Dispositionen, die sich in dem Punkt unterscheiden, leicht oder schwer verlierbar zu sein. Was die natürlichen Qualitäten betrifft, so betrachten einige ein Ding in dem Punkt, dass es in einem Zustand der Potenz ist; und so haben wir die zweite Spezies der Qualität: während andere ein Ding betrachten, das im Akt ist; und dies entweder tief darin verwurzelt oder nur an seiner Oberfläche. Wenn tief verwurzelt, haben wir die dritte Spezies der Qualität: wenn an der Oberfläche, haben wir die vierte Spezies der Qualität, wie Gestalt und Form, welche die Gestalt eines beseelten Wesens ist.“ Aber diese Unterscheidung der Spezies der Qualität scheint unpassend. Denn es gibt viele Gestalten und leidenschaftsartige Qualitäten, die nicht natürlich, sondern hinzukommend sind: und es gibt auch viele Dispositionen, die nicht hinzukommend, sondern natürlich sind, wie Gesundheit, Schönheit und dergleichen. Überdies passt es nicht zur Ordnung der Spezies, da das, was natürlicher ist, immer das Erste ist.
Daher müssen wir die Unterscheidung von Dispositionen und Habitus von anderen Qualitäten anders erklären. Denn Qualität impliziert eigentlich gesprochen eine gewisse Weise der Substanz. Nun ist der Modus [Weise], wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. iv, 3), „das, was ein Maß bestimmt“: weshalb er eine gewisse Bestimmung gemäß einem gewissen Maß impliziert. Daher, so wie das, gemäß dem die materielle Potenz [potentia materiae] zu ihrem substantiellen Sein bestimmt wird, Qualität genannt wird, welche eine Differenz ist, die die Substanz betrifft, so wird das, gemäß dem die Potenz des Subjekts zu ihrem akzidentellen Sein bestimmt wird, eine akzidentelle Qualität genannt, welche auch eine Art von Differenz ist, wie aus dem Philosophen (Metaph. v, text. 19) klar hervorgeht.
Nun kann die Weise der Bestimmung des Subjekts zum akzidentellen Sein im Hinblick auf die Natur des Subjekts selbst genommen werden, oder im Hinblick auf Handlung und Erleiden, die aus seinen natürlichen Prinzipien resultieren, welche Materie und Form sind; oder wiederum im Hinblick auf die Quantität. Wenn wir die Weise oder Bestimmung des Subjekts im Hinblick auf die Quantität nehmen, werden wir dann die vierte Spezies der Qualität haben. Und weil die Quantität, an sich betrachtet, frei von Bewegung ist und nicht den Begriff von Gut oder Böse impliziert, so betrifft es die vierte Spezies der Qualität nicht, ob ein Ding gut oder schlecht disponiert ist, noch ob es schnell oder langsam vergänglich ist.
Aber die Weise der Bestimmung des Subjekts im Hinblick auf Handlung oder Erleiden wird in der zweiten und dritten Spezies der Qualität betrachtet. Und daher ziehen wir in beiden in Betracht, ob ein Ding mit Leichtigkeit oder Schwierigkeit getan wird; ob es vergänglich oder dauerhaft ist. Aber in ihnen betrachten wir nichts, was zum Begriff von Gut oder Böse gehört: weil Bewegungen und Erleiden [Passiones] nicht den Aspekt eines Ziels haben, wohingegen Gut und Böse in Bezug auf ein Ziel ausgesagt werden.
Andererseits gehört die Weise oder Bestimmung des Subjekts im Hinblick auf die Natur des Dinges zur ersten Spezies der Qualität, welche Habitus und Disposition ist: denn der Philosoph sagt (Phys. vii, text. 17), wenn er von Habitus der Seele und des Körpers spricht, dass sie „Dispositionen des Vollkommenen zum Besten sind; und mit vollkommen meine ich das, was gemäß seiner Natur disponiert ist“. Und da die Form selbst und die Natur eines Dinges das Ziel und die Ursache ist, warum ein Ding gemacht wird (Phys. ii, text. 25), deshalb betrachten wir in der ersten Spezies sowohl Böses als auch Gutes, und auch Veränderlichkeit, ob leicht oder schwer; insofern eine gewisse Natur das Ziel von Erzeugung und Bewegung ist. Und so definiert der Philosoph (Metaph. v, text. 25) Habitus als eine „Disposition, durch welche jemand disponiert ist, gut oder schlecht“; und in Ethic. ii, 4 sagt er, dass wir durch „Habitus gut oder schlecht in Bezug auf die Leidenschaften ausgerichtet werden“. Denn wenn die Weise der Natur des Dinges angemessen ist, hat sie den Aspekt des Guten: und wenn sie unangemessen ist, hat sie den Aspekt des Bösen. Und da die Natur das erste Objekt der Betrachtung in jedem Ding ist, wird aus diesem Grund der Habitus als die erste Spezies der Qualität gerechnet.
Antwort auf Einwand 1: Disposition impliziert eine gewisse Ordnung, wie oben gesagt (Artikel [1], ad 3). Weshalb ein Mensch nicht durch irgendeine Qualität als disponiert bezeichnet wird, außer in Beziehung zu etwas anderem. Und wenn wir „gut oder schlecht“ hinzufügen, was zum wesentlichen Begriff des Habitus gehört, müssen wir die Beziehung der Qualität zur Natur betrachten, welche das Ziel ist. So wird ein Mensch in Bezug auf Gestalt oder Hitze oder Kälte nicht als gut oder schlecht disponiert bezeichnet, außer aufgrund einer Beziehung zur Natur eines Dinges, im Hinblick auf ihre Angemessenheit oder Unangemessenheit. Folglich gehören sogar Gestalten und leidenschaftsartige Qualitäten, insofern sie als der Natur eines Dinges angemessen oder unangemessen betrachtet werden, zu den Habitus oder Dispositionen: denn Gestalt und Farbe betreffen, gemäß ihrer Angemessenheit zur Natur des Dinges, die Schönheit; während Hitze und Kälte, gemäß ihrer Angemessenheit zur Natur eines Dinges, die Gesundheit betreffen. Und auf diese Weise werden Hitze und Kälte vom Philosophen in die erste Spezies der Qualität gesetzt.
Woraus klar wird, wie auf den zweiten Einwand zu antworten ist: obwohl einige eine andere Lösung geben, wie Simplicius in seinem Kommentar zu den Prädikamenten sagt.
Antwort auf Einwand 3: Diese Differenz, „schwer veränderlich“, unterscheidet den Habitus nicht von den anderen Spezies der Qualität, sondern von der Disposition. Nun kann Disposition auf zweifache Weise genommen werden; auf eine Weise als die Gattung des Habitus, denn Disposition ist in der Definition des Habitus enthalten (Metaph. v, text. 25): auf eine andere Weise, insofern sie gegen den Habitus abgeteilt wird. Wiederum kann Disposition, eigentlich so genannt, auf zweifache Weise gegen den Habitus abgeteilt werden: erstens als vollkommen und unvollkommen innerhalb derselben Spezies; und so nennen wir es eine Disposition, wobei der Name der Gattung beibehalten wird, wenn sie unvollkommen gehabt wird, so dass sie leicht verloren geht: wohingegen wir es einen Habitus nennen, wenn sie vollkommen gehabt wird, so dass sie nicht leicht verloren geht. Und so wird eine Disposition ein Habitus, so wie ein Junge ein Mann wird. Zweitens können sie als verschiedene Spezies der einen subalternen Gattung unterschieden werden: so dass wir Dispositionen jene Qualitäten der ersten Spezies nennen, die aufgrund ihrer eigentlichen Natur leicht verloren gehen, weil sie veränderliche Ursachen haben; z.B. Krankheit und Gesundheit: wohingegen wir Habitus jene Qualitäten nennen, die aufgrund ihrer eigentlichen Natur nicht leicht verändert werden, da sie unveränderliche Ursachen haben, z.B. Wissenschaften und Tugenden. Und in diesem Sinne wird Disposition nicht zum Habitus. Die letztere Erklärung scheint mehr im Einklang mit der Absicht des Aristoteles zu stehen: denn um diese Unterscheidung zu bestätigen, führt er die allgemeine Redeweise an, gemäß welcher, wenn eine Qualität aufgrund ihrer Natur leicht veränderlich ist und durch irgendeinen Zufall schwer veränderlich wird, sie dann ein Habitus genannt wird: während das Gegenteil in Bezug auf Qualitäten geschieht, die aufgrund ihrer Natur schwer veränderlich sind: denn angenommen, ein Mensch habe eine Wissenschaft unvollkommen, so dass er Gefahr läuft, sie leicht zu verlieren, sagen wir, dass er zu dieser Wissenschaft disponiert ist, eher als dass er die Wissenschaft hat. Hieraus ist klar, dass das Wort „Habitus“ eine gewisse Dauerhaftigkeit impliziert: während das Wort „Disposition“ dies nicht tut.
Noch macht es etwas aus, dass so leicht und schwer veränderlich zu sein spezifische Differenzen (einer Qualität) sind, obwohl sie zum Erleiden und zur Bewegung gehören und nicht zur Gattung der Qualität. Denn diese Differenzen, obwohl scheinbar akzidentell zur Qualität, bezeichnen dennoch Differenzen, die der Qualität eigentümlich und wesentlich sind. In gleicher Weise nehmen wir in der Gattung der Substanz oft akzidentelle statt substantieller Differenzen, insofern durch erstere wesentliche Prinzipien bezeichnet werden.