I-II, q. 49 a. 1
Ob der Habitus eine Qualität ist?
Quaestio 49 · Vom Habitus im Allgemeinen, hinsichtlich seines Wesens.
Einwand 1: Es scheint, dass der Habitus keine Qualität ist. Denn Augustinus sagt (De div. quaest. 83, qu. 73): „Dieses Wort ‚Habitus‘ leitet sich vom Verb ‚haben‘ ab.“ Aber das „Haben“ gehört nicht nur zur Qualität, sondern auch zu den anderen Kategorien: denn wir sagen von uns, dass wir Quantität und Geld und andere derartige Dinge „haben“. Also ist der Habitus keine Qualität.
Einwand 2: Ferner wird der Habitus als eines der Prädikamente gerechnet; wie im Buch der Prädikamente (Categor. vi) deutlich zu sehen ist. Aber ein Prädikament ist nicht in einem anderen enthalten. Also ist der Habitus keine Qualität.
Einwand 3: Ferner ist „jeder Habitus eine Disposition“, wie im Buch der Prädikamente (Categor. vi) gesagt wird. Nun ist die Disposition „die Ordnung dessen, was Teile hat“, wie es in Metaph. v, text. 24 heißt. Dies aber gehört zum Prädikament der Lage (Situs). Also ist der Habitus keine Qualität.
Dagegen spricht, dass der Philosoph im Buch der Prädikamente (Categor. vi) sagt: „Der Habitus ist eine schwer veränderliche Qualität.“
Ich antworte darauf, dass dieses Wort „Habitus“ von „habere“ [haben] abgeleitet ist. Nun wird der Habitus von diesem Wort auf zweifache Weise hergenommen: auf eine Weise, insofern der Mensch oder irgendein anderes Ding gesagt wird, etwas zu „haben“; auf eine andere Weise, insofern sich ein bestimmtes Ding entweder im Hinblick auf sich selbst oder im Hinblick auf etwas anderes verhält [se habet].
Was das Erste betrifft, so müssen wir beachten, dass das „Haben“, in Bezug auf alles gesagt, was „gehabt“ wird, den verschiedenen Prädikamenten gemeinsam ist. Und so zählt der Philosoph das „Haben“ zu den „Post-Prädikamenten“, so genannt, weil sie aus den verschiedenen Prädikamenten resultieren; wie zum Beispiel Entgegensetzung, Früher, Später und dergleichen. Nun scheint unter den Dingen, die gehabt werden, diese Unterscheidung zu bestehen, dass es einige gibt, bei denen es kein Medium zwischen dem „Habenden“ und dem gibt, was gehabt wird: wie es zum Beispiel kein Medium zwischen dem Subjekt und der Qualität oder Quantität gibt. Dann gibt es einige, bei denen ein Medium besteht, aber nur eine Relation: wie zum Beispiel ein Mensch gesagt wird, einen Gefährten oder einen Freund zu haben. Und ferner gibt es einige, bei denen ein Medium besteht, zwar nicht eine Handlung oder ein Erleiden, aber etwas nach der Art von Handlung oder Erleiden: so schmückt oder bedeckt zum Beispiel etwas, und etwas anderes wird geschmückt oder bedeckt: weshalb der Philosoph sagt (Metaph. v, text. 25), dass „ein Habitus gleichsam eine Handlung oder ein Erleiden des Habenden und dessen, was gehabt wird, zu sein scheint“; wie es bei jenen Dingen der Fall ist, die wir an uns haben. Und daher bilden diese eine besondere Gattung von Dingen, die unter dem Prädikament des „Habitus“ [Haben] zusammengefasst werden: wovon der Philosoph sagt (Metaph. v, text. 25), dass „es einen Habitus gibt zwischen der Kleidung und dem Menschen, der bekleidet ist“.
Wenn aber „haben“ so genommen wird, wie ein Ding eine Beziehung im Hinblick auf sich selbst oder auf etwas anderes hat [se habet]; in diesem Fall ist der Habitus eine Qualität; da diese Weise des Habens in Bezug auf irgendeine Qualität besteht: und davon sagt der Philosoph (Metaph. v, text. 25), dass „Habitus eine Disposition ist, durch welche das, was disponiert ist, gut oder schlecht disponiert ist, und dies entweder im Hinblick auf sich selbst oder im Hinblick auf ein anderes: so ist die Gesundheit ein Habitus.“ Und in diesem Sinne sprechen wir jetzt vom Habitus. Daher müssen wir sagen, dass der Habitus eine Qualität ist.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument nimmt „haben“ im allgemeinen Sinne: denn so ist es vielen Prädikamenten gemeinsam, wie wir gesagt haben.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument nimmt Habitus in dem Sinne, in dem wir ihn als ein Medium zwischen dem Habenden und dem, was gehabt wird, verstehen: und in diesem Sinne ist er ein Prädikament, wie wir gesagt haben.
Antwort auf Einwand 3: Disposition impliziert zwar immer eine Ordnung dessen, was Teile hat: aber dies geschieht auf dreifache Weise, wie der Philosoph sogleich fortfährt zu sagen (Metaph. v, text. 25): nämlich „entweder dem Ort nach, oder der Potenz nach, oder der Spezies nach“. „Indem er dies sagt“, wie Simplicius in seinem Kommentar zu den Prädikamenten bemerkt, „schließt er alle Dispositionen ein: körperliche Dispositionen, wenn er sagt ‚dem Ort nach‘“, und dies gehört zum Prädikament „Lage“, welches die Ordnung der Teile an einem Ort ist: „wenn er sagt ‚der Potenz nach‘, schließt er all jene Dispositionen ein, die im Werden begriffen sind und noch nicht zur vollkommenen Nützlichkeit gelangt sind“, wie etwa angehende Wissenschaft und Tugend: „und wenn er sagt ‚der Spezies nach‘, schließt er vollkommene Dispositionen ein, die Habitus genannt werden“, wie etwa vollendete Wissenschaft und Tugend.