I-II, q. 47 a. 4
Ob der Mangel einer Person ein Grund ist, ihr leichter zu zürnen?
Quaestio 47 · Von der Ursache, die den Zorn hervorruft, und von den Heilmitteln gegen den Zorn.
Einwand 1: Es scheint, dass der Mangel einer Person kein Grund ist, ihr leichter zu zürnen. Denn der Philosoph sagt (Rhet. ii, 3), dass „wir jenen nicht zürnen, die bekennen und bereuen und sich demütigen; im Gegenteil, wir sind sanftmütig mit ihnen. Weshalb Hunde jene nicht beißen, die sich niedersetzen.“ Aber diese Dinge schmecken nach Kleinheit und Mangel. Also ist die Kleinheit einer Person ein Grund, ihr weniger zu zürnen.
Einwand 2: Ferner gibt es keinen größeren Mangel als den Tod. Aber der Zorn endet beim Anblick des Todes. Also provoziert der Mangel einer Person keinen Zorn gegen sie.
Einwand 3: Ferner denkt niemand gering von einem Menschen, weil dieser ihm freundlich gesinnt ist. Aber wir zürnen Freunden mehr, wenn sie uns beleidigen oder uns Hilfe verweigern; daher steht geschrieben (Ps 54,13): „Hätte mein Feind mich geschmäht, ich hätte es wahrlich ertragen.“ Also ist der Mangel einer Person kein Grund, ihr leichter zu zürnen.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Rhet. ii, 2), dass „der Reiche dem Armen zürnt, wenn letzterer ihn verachtet; und in gleicher Weise zürnt der Fürst seinem Untertan.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [2], 3), unverdiente Verachtung mehr als alles andere ein Anreiz zum Zorn ist. Folglich neigt Mangel oder Kleinheit in der Person, der wir zürnen, dazu, unseren Zorn zu vermehren, insofern sie zur Unverdientheit des Verachtetwerdens beiträgt. Denn so wie ein Mensch umso unverdienter verachtet wird, je höher seine Stellung ist, so hat der andere umso weniger Grund zur Verachtung, je niedriger seine Stellung ist. So zürnt ein Edelmann, wenn er von einem Bauern beleidigt wird; ein Weiser, wenn von einem Toren; ein Herr, wenn von einem Knecht.
Wenn jedoch die Kleinheit oder der Mangel die unverdiente Verachtung mindert, dann vermehrt sie den Zorn nicht, sondern mindert ihn. Auf diese Weise mildern jene den Zorn, die ihre Untaten bereuen und bekennen, dass sie Unrecht getan haben, die sich demütigen und um Verzeihung bitten, gemäß Spr 15,1: „Eine milde Antwort bricht den Zorn“: weil sie nämlich nicht zu verachten scheinen, sondern vielmehr jene hochzuschätzen scheinen, vor denen sie sich demütigen.
Dies genügt für die Antwort auf den ersten Einwand.
Antwort auf Einwand 2: Es gibt zwei Gründe, warum der Zorn beim Anblick des Todes endet. Der eine ist, weil die Toten unfähig zu Schmerz und Empfindung sind; und dies ist hauptsächlich das, was die Zornigen bei jenen suchen, denen sie zürnen. Ein anderer Grund ist, weil die Toten die Grenze der Übel erreicht zu haben scheinen. Daher endet der Zorn in Bezug auf alle, die schwer verletzt sind, insofern diese Verletzung das Maß gerechter Vergeltung übersteigt.
Antwort auf Einwand 3: Von seinen Freunden verachtet zu werden, scheint ebenfalls eine größere Würdelosigkeit zu sein. Folglich, wenn sie uns verachten, indem sie uns verletzen oder indem sie uns nicht helfen, zürnen wir ihnen aus demselben Grund, aus dem wir jenen zürnen, die unter uns stehen.