I-II, q. 47 a. 1
Ob der Beweggrund des Zorns immer etwas ist, das gegen den Zürnenden gerichtet ist?
Quaestio 47 · Von der Ursache, die den Zorn hervorruft, und von den Heilmitteln gegen den Zorn.
Einwand 1: Es scheint, dass der Beweggrund des Zorns nicht immer etwas ist, das gegen den Zürnenden gerichtet ist. Denn der Mensch kann durch sündigen nichts gegen Gott ausrichten; da geschrieben steht (Ijob 35,6): „Wenn deine Missetaten sich mehren, was tust du Ihm an?“ Und doch wird von Gott gesagt, er zürne dem Menschen wegen der Sünde, gemäß Ps 105,40: „Da entbrannte der Zorn des Herrn gegen sein Volk.“ Also zürnt man nicht immer wegen etwas, das gegen einen selbst getan wurde.
Einwand 2: Ferner ist der Zorn ein Verlangen nach Rache. Man kann aber Rache verlangen für Dinge, die anderen angetan wurden. Also zürnen wir nicht immer wegen etwas, das gegen uns selbst getan wurde.
Einwand 3: Ferner sagt der Philosoph (Rhet. ii, 2), dass der Mensch besonders jenen zürnt, „die das verachten, worauf er großen Wert legt; so zürnen jene, die Philosophie studieren, denen, welche die Philosophie verachten“, und so weiter. Aber die Verachtung der Philosophie schadet dem Philosophen nicht. Also ist es nicht immer ein uns zugefügter Schaden, der uns zornig macht.
Einwand 4: Ferner reizt derjenige, der schweigt, wenn ein anderer ihn beleidigt, diesen zu größerem Zorn, wie Chrysostomus bemerkt (Hom. xxii, in Ep. ad Rom.). Aber durch sein Schweigen fügt er dem anderen keinen Schaden zu. Also wird ein Mensch nicht immer durch etwas zum Zorn gereizt, das gegen ihn getan wurde.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Rhet. ii, 4), der „Zorn beziehe sich immer auf etwas, das einem selbst angetan wurde: wohingegen Hass entstehen kann, ohne dass uns etwas angetan wurde, denn wir hassen einen Menschen einfach deshalb, weil wir ihn für so beschaffen halten.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Quaestio [46], Artikel [6]), Zorn das Verlangen ist, einem anderen zum Zweck gerechter Rache Schaden zuzufügen. Wenn nun kein Unrecht geschehen ist, gibt es keinen Grund für Rache; noch reizt irgendein Unrecht jemanden zur Rache, sondern nur jenes, das der Person angetan wurde, die Rache sucht: Denn wie alles von Natur aus sein eigenes Gut sucht, so wehrt es von Natur aus sein eigenes Übel ab. Ein von jemandem zugefügtes Unrecht betrifft aber einen Menschen nicht, es sei denn, es ist in irgendeiner Weise etwas, das gegen ihn gerichtet ist. Folglich ist der Beweggrund für den Zorn eines Menschen immer etwas, das gegen ihn getan wurde.
Antwort auf Einwand 1: Wir sprechen vom Zorn in Gott nicht als von einer Leidenschaft der Seele, sondern als von einem Urteil der Gerechtigkeit, insofern Er die Sünde rächen will. Denn der Sünder kann Gott durch sein Sündigen keinen tatsächlichen Schaden zufügen; aber was ihn selbst betrifft, so handelt er auf zweifache Weise gegen Gott. Erstens, insofern er Gott in seinen Geboten verachtet. Zweitens, insofern er sich selbst oder einem anderen schadet; welches Unrecht auf Gott zurückfällt, insofern die geschädigte Person ein Gegenstand der Vorsehung und des Schutzes Gottes ist.
Antwort auf Einwand 2: Wenn wir jenen zürnen, die anderen schaden, und an ihnen Rache suchen, so geschieht dies, weil jene, die geschädigt wurden, in irgendeiner Weise zu uns gehören: sei es durch Verwandtschaft oder Freundschaft, oder zumindest aufgrund der Natur, die wir gemeinsam haben.
Antwort auf Einwand 3: Wenn wir an einer Sache sehr großes Interesse haben, betrachten wir sie als unser eigenes Gut; wenn also jemand sie verachtet, scheint es, als würden wir selbst verachtet und geschädigt.
Antwort auf Einwand 4: Schweigen reizt den Beleidiger zum Zorn, wenn er meint, es geschehe aus Verachtung, als ob sein Zorn geringgeschätzt würde: und eine Geringschätzung ist eine Handlung.