I-II, q. 47 a. 2
Ob der einzige Beweggrund des Zorns Geringschätzung oder Verachtung ist?
Quaestio 47 · Von der Ursache, die den Zorn hervorruft, und von den Heilmitteln gegen den Zorn.
Einwand 1: Es scheint, dass Geringschätzung oder Verachtung nicht der einzige Beweggrund des Zorns ist. Denn Damascenus sagt (De Fide Orth. ii, 16), dass wir zürnen, „wenn wir ein Unrecht erleiden oder zu erleiden glauben.“ Man kann aber ein Unrecht erleiden, ohne verachtet oder geringgeschätzt zu werden. Also ist Geringschätzung nicht der einzige Beweggrund des Zorns.
Einwand 2: Ferner gehören das Verlangen nach Ehre und der Schmerz über eine Geringschätzung demselben Subjekt an. Aber vernunftlose Tiere verlangen nicht nach Ehre. Also schmerzen sie sich nicht darüber, geringgeschätzt zu werden. Und doch „werden sie zum Zorn gereizt, wenn sie verwundet werden“, wie der Philosoph sagt (Ethic. iii, 8). Also ist Geringschätzung nicht der einzige Beweggrund des Zorns.
Einwand 3: Ferner nennt der Philosoph (Rhet. ii, 2) viele andere Ursachen des Zorns, zum Beispiel, „von anderen vergessen zu werden; dass andere sich über unser Unglück freuen; dass sie unsere Übel bekannt machen; daran gehindert zu werden, zu tun, was wir wollen.“ Also ist Geringschätzung nicht der einzige Beweggrund, zornig zu sein.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Rhet. ii, 2), Zorn sei „ein Verlangen, verbunden mit Schmerz, nach Rache wegen einer scheinbaren Geringschätzung, die ungebührlich zugefügt wurde.“
Ich antworte darauf, dass alle Ursachen des Zorns auf Geringschätzung zurückgeführt werden. Denn die Geringschätzung ist dreifacher Art, wie in Rhet. ii, 2 dargelegt wird, nämlich „Verachtung“, „Böswilligkeit“ (d.h. jemanden daran hindern, seinen Willen zu tun) und „Übermut“: und alle Beweggründe des Zorns werden auf diese drei zurückgeführt. Dafür können zwei Gründe angegeben werden. Erstens, weil der Zorn den Schaden des anderen als Mittel gerechter Rache sucht: weshalb er Rache sucht, insofern sie gerecht erscheint. Nun wird gerechte Rache nur für das genommen, was ungerechterweise getan wurde; daher ist das, was den Zorn reizt, immer etwas, das im Licht einer Ungerechtigkeit betrachtet wird. Deshalb sagt der Philosoph (Rhet. ii, 3), dass „die Menschen nicht zürnen, wenn sie glauben, jemandem Unrecht getan zu haben und deswegen zu Recht leiden; denn es gibt keinen Zorn über das, was gerecht ist.“ Nun geschieht einem anderen auf dreifache Weise Unrecht: nämlich aus Unwissenheit, aus Leidenschaft und aus freier Wahl. Dann tut ein Mensch am meisten Unrecht, wenn er ein Unrecht aus freier Wahl, mit Absicht oder aus vorsätzlicher Bosheit tut, wie in Ethic. v, 8 dargelegt. Deshalb zürnen wir am meisten jenen, die uns unserer Meinung nach absichtlich geschadet haben. Denn wenn wir denken, dass uns jemand aus Unwissenheit oder aus Leidenschaft ein Unrecht getan hat, zürnen wir ihnen entweder gar nicht oder sehr viel weniger: da etwas aus Unwissenheit oder aus Leidenschaft zu tun, dem Begriff des Unrechts etwas nimmt und gewissermaßen nach Barmherzigkeit und Vergebung ruft. Jene hingegen, die absichtlich ein Unrecht tun, scheinen aus Verachtung zu sündigen; weshalb wir ihnen am meisten zürnen. Daher sagt der Philosoph (Rhet. ii, 3), dass „wir jenen, die aus Zorn gehandelt haben, entweder gar nicht oder nicht sehr zürnen, weil sie nicht aus Geringschätzung gehandelt zu haben scheinen.“
Der zweite Grund ist, weil eine Geringschätzung der Vorzüglichkeit eines Menschen entgegengesetzt ist: denn „die Menschen denken gering von Dingen, die nicht viel Aufhebens wert sind“ (Rhet. ii, 2). Nun suchen wir irgendeine Art von Vorzüglichkeit aus all unseren Gütern. Folglich scheint jedes Unrecht, das uns zugefügt wird, insofern es unserer Vorzüglichkeit abträglich ist, nach Geringschätzung zu schmecken.
Antwort auf Einwand 1: Jede andere Ursache außer der Verachtung, durch die ein Mensch ein Unrecht erleidet, nimmt dem Begriff des Unrechts etwas weg: Verachtung oder Geringschätzung allein fügt dem Beweggrund des Zorns etwas hinzu und ist folglich an sich die Ursache des Zorns.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl ein vernunftloses Tier nicht Ehre als solche sucht, sucht es doch von Natur aus eine gewisse Überlegenheit und zürnt über alles, was dieser abträglich ist.
Antwort auf Einwand 3: Jede dieser Ursachen läuft auf eine Art von Geringschätzung hinaus. So ist Vergesslichkeit ein klares Zeichen geringer Wertschätzung, denn je mehr wir an eine Sache denken, desto fester ist sie in unserem Gedächtnis verankert. Auch wenn ein Mensch nicht zögert, durch seine Bemerkungen einem anderen Schmerz zu bereiten, scheint dies zu zeigen, dass er gering von ihm denkt: und auch jene, die Zeichen von Heiterkeit zeigen, wenn ein anderer im Unglück ist, scheinen sich wenig um dessen Wohl oder Wehe zu kümmern. Ebenso scheint derjenige, der einen anderen daran hindert, seinen Willen auszuführen, ohne daraus selbst einen Nutzen zu ziehen, sich nicht viel aus dessen Freundschaft zu machen. Folglich reizen alle diese Dinge, insofern sie Zeichen der Verachtung sind, zum Zorn.