I-II, q. 44 a. 4
Ob die Furcht die Tätigkeit behindert?
Quaestio 44 · Von den Wirkungen der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass die Furcht die Tätigkeit behindert. Denn die Tätigkeit wird hauptsächlich durch eine Störung in der Vernunft behindert, welche die Tätigkeit lenkt. Aber die Furcht stört die Vernunft, wie oben dargelegt (Artikel [2]). Also behindert die Furcht die Tätigkeit.
Einwand 2: Ferner sind diejenigen, die sich fürchten, während sie etwas tun, eher geneigt zu scheitern: so fällt ein Mann, der auf einem hochgelegenen Balken geht, leicht aus Furcht herunter; wohingegen er, wenn er auf demselben Balken unten am Boden ginge, nicht fallen würde, da er sich nicht fürchtet. Also behindert die Furcht die Tätigkeit.
Einwand 3: Ferner ist Trägheit oder Überdruss eine Art von Furcht. Aber Trägheit behindert die Tätigkeit. Also tut dies auch die Furcht.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Phil 2,12): „Wirkt euer Heil mit Furcht und Zittern“: und er würde dies nicht sagen, wenn die Furcht ein Hindernis für ein gutes Werk wäre. Also behindert die Furcht eine gute Tätigkeit nicht.
Ich antworte darauf, Die äußeren Handlungen des Menschen werden durch die Seele als erstem Beweger verursacht, aber durch die körperlichen Glieder als Werkzeuge. Nun kann eine Handlung sowohl durch einen Defekt des Werkzeugs als auch durch einen Defekt des Hauptbewegers behindert werden. Seitens der körperlichen Werkzeuge ist die Furcht, in sich betrachtet, immer dazu angetan, die äußere Handlung zu behindern, da die äußeren Glieder durch die Furcht ihrer Wärme beraubt werden. Aber seitens der Seele, wenn die Furcht mäßig ist, ohne große Störung der Vernunft, ist sie dem guten Wirken förderlich, insofern sie eine gewisse Sorgfalt verursacht und einen Menschen dazu bringt, Rat einzuholen und mit größerer Aufmerksamkeit zu arbeiten. Wenn jedoch die Furcht so sehr zunimmt, dass sie die Vernunft stört, behindert sie die Tätigkeit auch seitens der Seele. Aber von einer solchen Furcht spricht der Apostel nicht.
Dies genügt für die Antwort auf den ersten Einwand.
Antwort auf Einwand 2: Wer von einem hochgelegenen Balken fällt, erleidet eine Störung seiner Einbildungskraft durch die Furcht vor dem Sturz, der in seiner Einbildungskraft abgebildet wird.
Antwort auf Einwand 3: Jeder, der sich fürchtet, meidet das, was er fürchtet: und deshalb, da die Trägheit eine Furcht vor der Arbeit selbst ist, weil sie mühsam ist, behindert sie die Arbeit, indem sie den Willen von ihr abzieht. Aber die Furcht vor anderen Dingen ist der Tätigkeit förderlich, insofern sie den Willen dazu neigt, das zu tun, wodurch ein Mensch dem entkommt, was er fürchtet.