I-II, q. 22 a. 3
Ob die Leidenschaft eher im sinnlichen Begehren ist als im geistigen Begehren, welches Wille genannt wird?
Quaestio 22 · Vom Subjekt der Leidenschaften der Seele
Einwand 1: Es scheint, dass die Leidenschaft nicht mehr im sinnlichen als im geistigen Begehren ist. Denn Dionysius erklärt (Div. Nom. ii), Hierotheus sei "durch eine Art noch göttlicherer Unterweisung gelehrt; nicht nur durch das Lernen göttlicher Dinge, sondern auch durch das Erleiden [patiens] derselben." Aber das sinnliche Begehren kann göttliche Dinge nicht "erleiden", da sein Objekt das sinnliche Gut ist. Also ist die Leidenschaft im geistigen Begehren, so wie sie auch im sinnlichen Begehren ist.
Einwand 2: Ferner, je mächtiger die wirkende Kraft, desto intensiver die Leidenschaft. Aber das Objekt des geistigen Begehrens, welches das universale Gut ist, ist eine mächtigere wirkende Kraft als das Objekt des sinnlichen Begehrens, welches ein partikulares Gut ist. Also stimmt die Leidenschaft eher mit dem geistigen als mit dem sinnlichen Begehren überein.
Einwand 3: Ferner werden Freude und Liebe Leidenschaften genannt. Aber diese sind im geistigen und nicht nur im sinnlichen Begehren zu finden: sonst würden sie von der Schrift nicht Gott und den Engeln zugeschrieben. Also sind die Leidenschaften nicht mehr im sinnlichen als im geistigen Begehren.
Dagegen spricht, was Damascenus sagt (De Fide Orth. ii, 22), indem er die tierischen Leidenschaften beschreibt: "Leidenschaft ist eine Bewegung des sinnlichen Begehrens, wenn wir uns Gutes oder Böses vorstellen: mit anderen Worten, Leidenschaft ist eine Bewegung der vernunftlosen Seele, wenn wir an Gutes oder Böses denken."
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1]), Leidenschaft eigentlich dort zu finden ist, wo eine körperliche Veränderung stattfindet. Diese körperliche Veränderung findet sich im Akt des sinnlichen Begehrens und ist nicht nur geistig, wie in der sinnlichen Erkenntnis, sondern auch natürlich. Nun bedarf es keiner körperlichen Veränderung im Akt des geistigen Begehrens: weil dieses Begehren nicht mittels eines körperlichen Organs ausgeübt wird. Es ist daher offensichtlich, dass die Leidenschaft eigentlicher im Akt des sinnlichen Begehrens ist als in dem des geistigen Begehrens; und dies ist wiederum aus den oben zitierten Definitionen des Damascenus ersichtlich.
Antwort auf Einwand 1: Mit dem "Erleiden" göttlicher Dinge ist gemeint, ihnen gegenüber gut gestimmt zu sein und mit ihnen durch Liebe vereint zu sein: und dies geschieht ohne irgendeine Veränderung im Körper.
Antwort auf Einwand 2: Die Intensität der Leidenschaft hängt nicht nur von der Kraft des Agens ab, sondern auch von der Leidensfähigkeit des Patienten: weil Dinge, die zur Leidenschaft disponiert sind, selbst durch geringfügige Agentien viel erleiden. Daher ist das sinnliche Begehren passiver, obwohl das Objekt des geistigen Begehrens eine größere Aktivität besitzt als das Objekt des sinnlichen Begehrens.
Antwort auf Einwand 3: Wenn Liebe und Freude und dergleichen Gott oder den Engeln oder dem Menschen in Bezug auf sein geistiges Begehren zugeschrieben werden, bezeichnen sie einfache Willensakte, die gleiche Wirkungen haben, aber ohne Leidenschaft sind. Daher sagt Augustinus (De Civ. Dei ix, 5): "Die heiligen Engel empfinden keinen Zorn, während sie strafen... kein Mitleid mit dem Elend, während sie den Unglücklichen helfen: und doch pflegt die gewöhnliche menschliche Rede ihnen auch diese Leidenschaften namentlich zuzuschreiben, weil, obwohl sie keine unserer Schwächen haben, ihre Handlungen eine gewisse Ähnlichkeit mit den unseren tragen."