I-II, q. 22 a. 2
Ob die Leidenschaft eher im begehrenden als im erkennenden Teil ist?
Quaestio 22 · Vom Subjekt der Leidenschaften der Seele
Einwand 1: Es scheint, dass die Leidenschaft eher im erkennenden Teil der Seele ist als im begehrenden. Denn das, was das Erste in irgendeiner Gattung ist, scheint den ersten Rang unter allen Dingen einzunehmen, die in dieser Gattung sind, und ihre Ursache zu sein, wie in Metaph. ii, 1 dargelegt wird. Nun findet sich Leidenschaft im erkennenden Teil, bevor sie im begehrenden Teil ist: denn der begehrende Teil wird nicht affiziert, es sei denn, es gibt eine vorausgehende Leidenschaft im erkennenden Teil. Also ist die Leidenschaft mehr im erkennenden Teil als im begehrenden.
Einwand 2: Ferner ist das, was aktiver ist, weniger passiv; denn Handeln ist das Gegenteil von Leiden. Nun ist der begehrende Teil aktiver als der erkennende Teil. Also scheint es, dass die Leidenschaft mehr im erkennenden Teil ist.
Einwand 3: Ferner, so wie das sinnliche Begehren die Kraft eines körperlichen Organs ist, so ist es auch die Kraft der sinnlichen Erkenntnis. Aber Leidenschaft in der Seele geschieht eigentlich in Bezug auf eine körperliche Veränderung. Also ist die Leidenschaft nicht mehr im sinnlichen begehrenden als im sinnlichen erkennenden Teil.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Civ. Dei ix, 4), dass "die Bewegungen der Seele, welche die Griechen {pathe} nannten, von einigen unserer Schriftsteller, wie Cicero [*Jene Dinge, welche die Griechen {pathe} nennen, ziehen wir vor, Störungen statt Krankheiten zu nennen (Tusc. iv. 5)], Störungen genannt werden; von einigen Affektionen oder Gemütsbewegungen; während andere, die das Griechische genauer wiedergeben, sie Leidenschaften nennen." Daraus ist ersichtlich, dass die Leidenschaften der Seele dasselbe sind wie Affektionen. Aber Affektionen gehören offensichtlich zum begehrenden und nicht zum erkennenden Teil. Also sind die Leidenschaften eher im begehrenden als im erkennenden Teil.
Ich antworte darauf, dass, wie wir bereits dargelegt haben (Artikel [1]), das Wort "Leidenschaft" impliziert, dass das Leidende zu dem gezogen wird, was dem Agens angehört. Nun wird die Seele eher durch die begehrende Kraft zu einem Ding gezogen als durch die erkennende Kraft: weil die Seele durch ihre begehrende Kraft eine Ordnung zu den Dingen hat, wie sie in sich selbst sind: daher sagt der Philosoph (Metaph. vi, 4), dass "Gut und Böse", d.h. die Objekte der begehrenden Kraft, "in den Dingen selbst sind". Andererseits wird die erkennende Kraft nicht zu einem Ding gezogen, wie es in sich selbst ist; sondern sie erkennt es aufgrund einer "Intention" des Dinges, welche "Intention" sie in sich selbst hat oder auf ihre eigene Weise empfängt. Daher finden wir die Aussage (Metaph. vi, 4), dass "das Wahre und das Falsche", welche zur Erkenntnis gehören, "nicht in den Dingen sind, sondern im Geist". Folglich ist es offensichtlich, dass die Natur der Leidenschaft eher mit dem begehrenden als mit dem erkennenden Teil übereinstimmt.
Antwort auf Einwand 1: Bei Dingen, die sich auf Vollkommenheit beziehen, verhält es sich umgekehrt im Vergleich zu Dingen, die zum Mangel gehören. Denn bei Dingen, die sich auf Vollkommenheit beziehen, steht die Intensität im Verhältnis zur Annäherung an ein erstes Prinzip; je näher sich ein Ding diesem nähert, desto intensiver ist es. So hängt die Intensität eines lichtbegabten Dinges von seiner Annäherung an etwas ab, das im höchsten Maße mit Licht begabt ist, und je näher sich ein Ding diesem nähert, desto mehr Licht besitzt es. Aber bei Dingen, die sich auf Mangel beziehen, hängt die Intensität nicht von der Annäherung an etwas Höchstes ab, sondern vom Zurückweichen von dem, was vollkommen ist; denn darin besteht der eigentliche Begriff von Beraubung und Mangel. Weshalb ein Ding, je weniger es von dem zurückweicht, was an erster Stelle steht, desto weniger intensiv ist: und das Ergebnis ist, dass wir zuerst immer einen kleinen Mangel finden, der danach zunimmt, während es weitergeht. Nun gehört Leidenschaft zum Mangel, weil sie einem Ding zukommt, insofern es in Potenz ist. Weshalb in jenen Dingen, die sich der Höchsten Vollkommenheit, d.h. Gott, nähern, nur wenig Potenz und Leidenschaft ist: während in anderen Dingen folglich mehr ist. Daher findet sich auch in der höchsten, d.h. der erkennenden Kraft der Seele, weniger Leidenschaft als in den anderen Kräften.
Antwort auf Einwand 2: Die begehrende Kraft wird als aktiver bezeichnet, weil sie mehr als die erkennende Kraft das Prinzip der äußeren Handlung ist: und dies aus demselben Grund, aus dem sie passiver ist, nämlich weil sie auf die Dinge bezogen ist, wie sie in sich selbst existieren: da wir durch die äußere Handlung in Kontakt mit den Dingen kommen.
Antwort auf Einwand 3: Wie im ersten Teil, Frage [78], Artikel [3] dargelegt wurde, können die Organe der Seele auf zwei Arten verändert werden. Erstens durch eine geistige Veränderung, in Bezug auf welche das Organ eine "Intention" des Objekts empfängt. Und dies ist wesentlich für den Akt der sinnlichen Erkenntnis: so wird das Auge durch das sichtbare Objekt verändert, nicht indem es gefärbt wird, sondern indem es eine Intention der Farbe empfängt. Aber die Organe sind empfänglich für eine andere und natürliche Veränderung, welche ihre natürliche Beschaffenheit betrifft; zum Beispiel, wenn sie heiß oder kalt werden oder eine ähnliche Veränderung erfahren. Und während diese Art der Veränderung für den Akt der sinnlichen Erkenntnis akzidentell ist; zum Beispiel, wenn das Auge durch intensives Starren auf etwas ermüdet oder durch die Intensität des Objekts überwältigt wird: ist sie andererseits wesentlich für den Akt des sinnlichen Begehrens; weshalb das materielle Element in den Definitionen der Bewegungen des begehrenden Teils die natürliche Veränderung des Organs ist; zum Beispiel wird gesagt, "Zorn sei" ein "Entzünden des Blutes um das Herz". Daher ist es offensichtlich, dass der Begriff der Leidenschaft eher mit dem Akt des sinnlichen Begehrens übereinstimmt als mit dem der sinnlichen Erkenntnis, obwohl beide Handlungen eines körperlichen Organs sind.