I-II, q. 22 a. 1
Ob in der Seele irgendeine Leidenschaft ist?
Quaestio 22 · Vom Subjekt der Leidenschaften der Seele
Einwand 1: Es scheint, dass keine Leidenschaft in der Seele ist. Denn das Leiden gehört der Materie an. Die Seele aber ist nicht aus Materie und Form zusammengesetzt, wie im ersten Teil, Frage [75], Artikel [5] dargelegt wurde. Also gibt es keine Leidenschaft in der Seele.
Einwand 2: Ferner ist Leidenschaft Bewegung, wie in Phys. iii, 3 gesagt wird. Die Seele aber wird nicht bewegt, wie in De Anima i, 3 bewiesen wird. Also ist die Leidenschaft nicht in der Seele.
Einwand 3: Ferner ist Leidenschaft der Weg zur Verderbnis; denn "jede Leidenschaft verändert, wenn sie zunimmt, die Substanz", wie in Topic. vi, 6 gesagt wird. Die Seele aber ist unvergänglich. Also ist keine Leidenschaft in der Seele.
Dagegen spricht, was der Apostel sagt (Röm 7,5): "Als wir im Fleische waren, da wirkten die Leidenschaften der Sünden, die durch das Gesetz waren, in unseren Gliedern." Nun sind Sünden eigentlich in der Seele. Also sind auch die Leidenschaften, die als "der Sünden" bezeichnet werden, in der Seele.
Ich antworte darauf, dass das Wort "leiden" (pati) auf dreifache Weise gebraucht wird. Erstens auf allgemeine Weise, insofern alles, was etwas empfängt, leidet, auch wenn ihm nichts genommen wird: so können wir sagen, dass die Luft leidet, wenn sie erleuchtet wird. Dies bedeutet jedoch eher vervollkommnet zu werden als zu leiden. Zweitens wird das Wort "leiden" im eigentlichen Sinne gebraucht, wenn etwas empfangen wird, während etwas anderes weggenommen wird: und dies geschieht auf zweifache Weise. Denn manchmal ist das, was verloren geht, für das Ding unpassend: so etwa, wenn der Körper eines Tieres geheilt wird und die Krankheit verliert. Ein anderes Mal geschieht das Gegenteil: so bedeutet krank zu sein zu leiden; weil die Krankheit empfangen wird und die Gesundheit verloren geht. Und hier haben wir das Leiden in seiner eigentlichsten Bedeutung. Denn ein Ding wird als leidend bezeichnet, weil es zum Agens hingezogen wird: und wenn ein Ding von dem zurückweicht, was ihm angemessen ist, dann scheint es besonders zu etwas anderem hingezogen zu werden. Zudem wird in De Generat. i, 3 festgestellt, dass, wenn ein vorzüglicheres Ding aus einem weniger vorzüglichen entsteht, wir ein Entstehen schlechthin und ein Vergehen in gewisser Hinsicht haben: wohingegen das Gegenteil der Fall ist, wenn aus einem vorzüglicheren Ding ein weniger vorzügliches entsteht. Auf diese drei Arten kommt es vor, dass Leidenschaften in der Seele sind. Denn im Sinne des bloßen Empfangens sprechen wir davon, dass "Empfinden und Verstehen eine Art Leiden ist" (De Anima i, 5). Aber Leidenschaft, die mit dem Verlust von etwas einhergeht, gibt es nur in Bezug auf eine körperliche Veränderung; weshalb Leidenschaft im eigentlichen Sinne nicht in der Seele sein kann, außer akzidentell, insofern nämlich das "Kompositum" leidet. Aber auch hier finden wir einen Unterschied; denn wenn diese Veränderung zum Schlechteren hin geschieht, hat sie mehr von der Natur einer Leidenschaft, als wenn sie zum Besseren hin geschieht: daher ist Trauer eigentlicher eine Leidenschaft als Freude.
Antwort auf Einwand 1: Der Materie kommt es zu, auf solche Weise zu leiden, dass sie etwas verliert und verändert wird: daher geschieht dies nur in jenen Dingen, die aus Materie und Form zusammengesetzt sind. Aber das Leiden, das bloßes Empfangen impliziert, muss nicht in der Materie sein, sondern kann in allem sein, was in Potenz ist. Nun ist die Seele zwar nicht aus Materie und Form zusammengesetzt, doch hat sie etwas von Potenz an sich, in Bezug worauf sie fähig ist, zu empfangen oder zu leiden, insofern der Akt des Verstehens eine Art Leidenschaft ist, wie in De Anima iii, 4 dargelegt wird.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl es der Seele an sich nicht zukommt, zu leiden und bewegt zu werden, so kommt es ihr doch akzidentell zu, wie in De Anima i, 3 dargelegt wird.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument gilt für die Leidenschaft, die mit einer Veränderung zu etwas Schlechterem einhergeht. Und Leidenschaft in diesem Sinne findet sich nicht in der Seele, außer akzidentell: aber das Kompositum, welches vergänglich ist, lässt dies aufgrund seiner eigenen Natur zu.