I-II, q. 21 a. 2
Ob eine menschliche Handlung Lob oder Tadel verdient, weil sie gut oder böse ist?
Quaestio 21 · Von den Folgen der menschlichen Handlungen aufgrund ihrer Güte und Bosheit
Einwand 1: Es scheint, dass eine menschliche Handlung nicht deshalb Lob oder Tadel verdient, weil sie gut oder böse ist. Denn „Sünde geschieht auch in Dingen, die von der Natur getan werden“ (Phys. ii, 8). Und doch verdienen natürliche Dinge weder Lob noch Tadel (Ethic. iii, 5). Daher verdient eine menschliche Handlung keinen Tadel, weil sie böse oder sündhaft ist; und folglich verdient sie auch kein Lob, weil sie gut ist.
Einwand 2: Ferner, so wie Sünde in moralischen Handlungen vorkommt, so geschieht sie auch in den Erzeugnissen der Kunst: denn wie in Phys. ii, 8 gesagt wird, „ist es eine Sünde bei einem Grammatiker, schlecht zu schreiben, und bei einem Arzt, die falsche Medizin zu geben.“ Aber der Künstler wird nicht getadelt, weil er etwas Schlechtes macht: denn das Werk des Künstlers ist derart, dass er ein gutes oder ein schlechtes Ding hervorbringen kann, ganz wie es ihm beliebt. Daher scheint es, dass es auch keinen Grund gibt, eine moralische Handlung aufgrund der Tatsache zu tadeln, dass sie böse ist.
Einwand 3: Ferner sagt Dionysius (Div. Nom. iv), dass das Übel „schwach und unvermögend“ ist. Aber Schwäche oder Unvermögen nimmt die Schuld entweder weg oder vermindert sie. Daher zieht sich eine menschliche Handlung keine Schuld zu, weil sie böse ist.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (De Virt. et Vit. i), dass „tugendhafte Taten Lob verdienen, während Taten, die der Tugend entgegengesetzt sind, Zurechtweisung und Tadel verdienen.“ Aber gute Handlungen sind tugendhaft; denn „die Tugend macht das, was sie besitzt, gut und macht dessen Handlung gut“ (Ethic. ii, 6): weshalb Handlungen, die der Tugend entgegengesetzt sind, böse sind. Daher verdient eine menschliche Handlung Lob oder Tadel, dadurch dass sie gut oder böse ist.
Ich antworte darauf, dass, so wie das Übel umfassender ist als die Sünde, so ist die Sünde umfassender als der Tadel. Denn von einer Handlung wird gesagt, dass sie Lob oder Tadel verdient, weil sie dem Handelnden zugerechnet wird: da loben oder tadeln nichts anderes bedeutet, als jemandem die Bosheit oder Güte seiner Handlung zuzurechnen. Nun wird eine Handlung einem Handelnden zugerechnet, wenn sie in seiner Macht steht, so dass er Herrschaft über sie hat: denn durch seinen Willen hat der Mensch Herrschaft über seine Handlungen, wie oben klargestellt wurde (Quaestio [1], Artikel [1],2). Daraus folgt, dass Gut oder Böse allein in freiwilligen Handlungen diese des Lobes oder Tadels würdig macht: und in solch gleichen Handlungen sind Übel, Sünde und Schuld ein und dasselbe.
Antwort auf Einwand 1: Natürliche Handlungen stehen nicht in der Macht des natürlichen Handelnden: da die Handlung der Natur determiniert ist. Und deshalb gibt es, obwohl es Sünde in natürlichen Handlungen gibt, keinen Tadel.
Antwort auf Einwand 2: Die Vernunft steht in unterschiedlichen Beziehungen zu den Erzeugnissen der Kunst und zu moralischen Handlungen. In Angelegenheiten der Kunst ist die Vernunft auf ein partikulares Ziel gerichtet, welches etwas von der Vernunft Erdachtes ist: wohingegen sie in moralischen Angelegenheiten auf das allgemeine Ziel des gesamten menschlichen Lebens gerichtet ist. Nun ist ein partikulares Ziel dem allgemeinen Ziel untergeordnet. Da also Sünde ein Abweichen von der Ordnung zum Ziel ist, wie oben gesagt (Artikel [1]), kann Sünde auf zwei Arten in einem Erzeugnis der Kunst vorkommen. Erstens durch ein Abweichen von dem partikularen Ziel, das vom Künstler beabsichtigt wurde: und diese Sünde wird der Kunst eigentümlich sein; zum Beispiel, wenn ein Künstler ein schlechtes Ding hervorbringt, während er beabsichtigt, etwas Gutes hervorzubringen; oder etwas Gutes hervorbringt, während er beabsichtigt, etwas Schlechtes hervorzubringen. Zweitens durch ein Abweichen vom allgemeinen Ziel des menschlichen Lebens: und dann wird man sagen, dass er sündigt, wenn er beabsichtigt, ein schlechtes Werk hervorzubringen, und dies tatsächlich tut, so dass ein anderer dadurch getäuscht wird. Aber diese Sünde ist dem Künstler nicht als solchem eigentümlich, sondern als Mensch. Folglich wird der Künstler für die erstere Sünde als Künstler getadelt; während er für die letztere als Mensch getadelt wird. Andererseits sind in moralischen Angelegenheiten, wo wir die Ordnung der Vernunft zum allgemeinen Ziel des menschlichen Lebens betrachten, Sünde und Übel immer auf ein Abweichen von der Ordnung der Vernunft zum allgemeinen Ziel des menschlichen Lebens zurückzuführen. Weshalb der Mensch für eine solche Sünde getadelt wird, sowohl als Mensch als auch als moralisches Wesen. Daher sagt der Philosoph (Ethic. vi, 5), dass „in der Kunst derjenige, der freiwillig sündigt, vorzuziehen ist; aber in der Klugheit, wie in den moralischen Tugenden“, welche die Klugheit lenkt, „ist er das Gegenteil.“
Antwort auf Einwand 3: Schwäche, die in freiwilligen Übeln vorkommt, unterliegt der Macht des Menschen: weshalb sie die Schuld weder wegnimmt noch vermindert.