I-II, q. 107 a. 4
Ob das Neue Gesetz schwerer ist als das Alte?
Quaestio 107 · Vom Neuen Gesetz im Vergleich mit dem Alten
Einwand 1: Es scheint, dass das Neue Gesetz schwerer ist als das Alte. Denn Chrysostomus (Opus Imp. in Matth., Hom. x [*Das Werk eines unbekannten Autors]) sagt: „Die dem Moses gegebenen Gebote sind leicht zu befolgen: Du sollst nicht töten; Du sollst nicht ehebrechen: aber die Gebote Christi sind schwer zu erfüllen, zum Beispiel: Du sollst dem Zorn nicht nachgeben oder der Begierde.“ Daher ist das Neue Gesetz schwerer als das Alte.
Einwand 2: Ferner ist es leichter, irdischen Wohlstand zu nutzen, als Trübsale zu erleiden. Aber im Alten Testament folgte auf die Befolgung des Gesetzes zeitlicher Wohlstand, wie aus Dtn 28,1-14 entnommen werden kann; wohingegen viele Arten von Mühsal jenen folgen, die das Neue Gesetz befolgen, wie in 2 Kor 6,4-10 gesagt wird: „Lasst uns uns als Diener Gottes erweisen, in viel Geduld, in Trübsal, in Nöten, in Ängsten“ usw. Daher ist das Neue Gesetz schwerer als das Alte.
Einwand 3: Je mehr man zu tun hat, desto schwieriger ist es. Aber das Neue Gesetz ist etwas zum Alten Hinzugefügtes. Denn das Alte Gesetz verbot den Meineid, während das Neue Gesetz sogar das Schwören untersagte: das Alte Gesetz verbot einem Mann, seine Frau ohne einen Scheidebrief zu verstossen, während das Neue Gesetz die Scheidung gänzlich verbot; wie in Mt 5,31 ff. klar gesagt wird, gemäß der Auslegung Augustinus'. Daher ist das Neue Gesetz schwerer als das Alte.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Mt 11,28): „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid“: welche Worte Hilarius so auslegt: „Er ruft alle zu sich, die unter der Schwierigkeit der Gesetzesbefolgung leiden und mit den Sünden dieser Welt beladen sind.“ Und weiter unten sagt Er vom Joch des Evangeliums: „Denn mein Joch ist süß und meine Last ist leicht.“ Daher ist das Neue Gesetz eine leichtere Last als das Alte.
Ich antworte darauf, dass eine zweifache Schwierigkeit den Werken der Tugend anhaften kann, mit denen sich die Gebote des Gesetzes befassen. Eine ist seitens der äußeren Werke, die an sich in gewisser Weise schwierig und beschwerlich sind. Und in dieser Hinsicht ist das Alte Gesetz eine viel schwerere Last als das Neue: da das Alte Gesetz durch seine zahlreichen Zeremonien viel mehr äußere Handlungen vorschrieb als das Neue Gesetz, welches in der Lehre Christi und der Apostel sehr wenige Gebote zu denen des Naturgesetzes hinzufügte; obwohl später einige hinzugefügt wurden, indem sie durch die heiligen Väter eingesetzt wurden. Selbst bei diesen sagt Augustinus, dass Maß gehalten werden sollte, damit gutes Verhalten nicht zu einer Last für die Gläubigen werde. Denn er sagt in Antwort auf die Anfragen des Januarius (Ep. lv), dass, „während Gott in seiner Barmherzigkeit wollte, dass die Religion ein freier Dienst sei, der durch die öffentliche Feier einer kleinen Anzahl offensichtlichster Sakramente geleistet wird, gewisse Personen daraus eine Sklavenlast machen; so sehr, dass der Zustand der Juden, die den Sakramenten des Gesetzes unterworfen waren und nicht den anmaßenden Erfindungen des Menschen, erträglicher war.“
Die andere Schwierigkeit haftet den Werken der Tugend hinsichtlich der inneren Akte an: zum Beispiel, dass eine tugendhafte Tat mit Bereitschaft und Freude getan werde. Es ist diese Schwierigkeit, die die Tugend löst: weil so zu handeln für einen Menschen ohne Tugend schwierig ist: aber durch die Tugend wird es für ihn leicht. In dieser Hinsicht sind die Gebote des Neuen Gesetzes schwerer als jene des Alten; weil das Neue Gesetz gewisse innere Regungen der Seele verbietet, die im Alten Gesetz nicht in allen Fällen ausdrücklich verboten waren, obwohl sie in einigen verboten waren, ohne dass jedoch eine Strafe an das Verbot geknüpft war. Nun ist dies für einen Menschen ohne Tugend sehr schwierig: so stellt selbst der Philosoph fest (Ethic. v, 9), dass es leicht ist, das zu tun, was ein gerechter Mann tut; aber dass es schwierig ist, es auf dieselbe Weise zu tun, nämlich mit Freude und Bereitschaft, für einen Mann, der nicht gerecht ist. Dementsprechend lesen wir auch (1 Joh 5,3), dass „Seine Gebote nicht schwer sind“: welche Worte Augustinus auslegt, indem er sagt, dass „sie nicht schwer sind für den Menschen, der liebt; wohingegen sie eine Last sind für den, der nicht liebt.“
Antwort auf Einwand 1: Die zitierte Stelle spricht ausdrücklich von der Schwierigkeit des Neuen Gesetzes hinsichtlich der bewussten Zügelung innerer Regungen.
Antwort auf Einwand 2: Die Trübsale, die von jenen erlitten werden, die das Neue Gesetz befolgen, sind nicht durch das Gesetz selbst auferlegt. Überdies werden sie leicht ertragen aufgrund der Liebe, in welcher dasselbe Gesetz besteht: da, wie Augustinus sagt (De Verb. Dom., Serm. lxx), „die Liebe Dinge leicht und zu nichts macht, die mühsam und über unsere Kraft scheinen.“
Antwort auf Einwand 3: Der Zweck dieser Hinzufügungen zu den Geboten des Alten Gesetzes war, es leichter zu machen, das zu tun, was es vorschrieb, wie Augustinus feststellt [*De Serm. Dom. in Monte i, 17, 21; xix, 23, 26]. Dementsprechend beweist dies nicht, dass das Neue Gesetz schwerer ist, sondern vielmehr, dass es eine leichtere Last ist.