I-II, q. 102 a. 4
Ob für die Zeremonien, die sich auf heilige Dinge beziehen, ein hinreichender Grund angegeben werden kann?
Quaestio 102 · Von den Ursachen der Zeremonialvorschriften
Einwand 1: Es scheint, dass für die Zeremonien des Alten Gesetzes, die sich auf heilige Dinge beziehen, kein hinreichender Grund angegeben werden kann. Denn Paulus sagte (Apg 17,24): „Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Händen gemacht sind.“ Daher war es unpassend, im Alten Gesetz ein Zelt oder einen Tempel für die Verehrung Gottes zu errichten.
Einwand 2: Ferner wurde der Stand des Alten Gesetzes nicht geändert außer durch Christus. Das Zelt aber bezeichnete den Stand des Alten Gesetzes. Daher hätte es nicht durch den Bau eines Tempels geändert werden dürfen.
Einwand 3: Ferner soll das göttliche Gesetz den Menschen mehr als jedes andere zur Verehrung Gottes führen. Aber eine Vermehrung der göttlichen Verehrung erfordert eine Vermehrung von Altären und Tempeln, wie es im Neuen Gesetz offensichtlich ist. Daher scheint es, dass auch unter dem Alten Gesetz nicht nur ein Zelt oder Tempel, sondern viele hätten sein sollen.
Einwand 4: Ferner war das Zelt oder der Tempel zur Verehrung Gottes geordnet. In Gott aber müssen wir vor allem seine Einheit und Einfachheit verehren. Daher scheint es unziemlich, dass das Zelt oder der Tempel durch Vorhänge unterteilt wurde.
Einwand 5: Ferner zeigt sich die Macht des Ersten Bewegers, d.h. Gottes, zuerst im Osten, denn in dieser Himmelsgegend beginnt die erste Bewegung. Aber das Zelt wurde zur Verehrung Gottes errichtet. Daher hätte es so gebaut werden müssen, dass es nach Osten weist und nicht nach Westen.
Einwand 6: Ferner gebot der Herr (Ex 20,4), man solle „kein Schnitzbild machen noch ein Gleichnis von irgendetwas“. Daher war es unpassend, geschnitzte Bilder der Cherubim im Zelt oder Tempel aufzustellen. Ebenso scheinen die Lade, der Gnadenthron, der Leuchter, der Tisch und die zwei Altäre ohne vernünftigen Grund dort aufgestellt worden zu sein.
Einwand 7: Ferner gebot der Herr (Ex 20,24): „Einen Altar aus Erde sollst du mir machen“; und wiederum (Ex 20,26): „Du sollst nicht auf Stufen zu meinem Altar hinaufsteigen.“ Daher war es unpassend, dass ihnen später befohlen wurde, einen Altar aus Holz zu machen, der mit Gold oder Erz überzogen war; und von einer solchen Höhe, dass es unmöglich war, ohne Stufen zu ihm hinaufzusteigen. Denn es steht geschrieben (Ex 27,1.2): „Du sollst auch einen Altar aus Akazienholz machen, fünf Ellen lang und ebenso breit ... und drei Ellen hoch ... und du sollst ihn mit Erz überziehen“; und (Ex 30,1.3): „Du sollst ... einen Altar zum Räuchern machen, aus Akazienholz ... und du sollst ihn mit reinstem Gold überziehen.“
Einwand 8: Ferner darf in Gottes Werken nichts überflüssig sein; denn nicht einmal in den Werken der Natur findet sich etwas Überflüssiges. Aber eine Decke genügt für ein Zelt oder Haus. Daher war es unziemlich, das Zelt mit vielen Decken auszustatten, nämlich mit Vorhängen, Decken aus Ziegenhaar, rotgefärbten Widderfellen und violetten Fellen (Ex 26).
Einwand 9: Ferner bezeichnet die äußere Weihe die innere Heiligkeit, deren Subjekt die Seele ist. Daher war es unpassend, das Zelt und seine Gefäße zu weihen, da sie unbelebte Dinge waren.
Einwand 10: Ferner steht geschrieben (Ps 33,2): „Ich will den Herrn allezeit preisen, sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.“ Aber die feierlichen Feste wurden zum Lobpreis Gottes eingesetzt. Daher war es nicht passend, dass bestimmte Tage für die Feier von Festen festgesetzt wurden; so dass es scheint, als gäbe es keinen angemessenen Grund für die Zeremonien, die sich auf heilige Dinge beziehen.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Hebr 8,4), dass jene, die „nach dem Gesetz Gaben opfern ... dem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge dienen. Wie Mose geantwortet wurde, als er das Zelt vollenden sollte: Sieh zu, spricht er, dass du alles nach dem Muster machst, das dir auf dem Berge gezeigt wurde.“ Das aber ist höchst vernünftig, was ein Abbild himmlischer Dinge darstellt. Daher hatten die Zeremonien, die sich auf heilige Dinge beziehen, einen vernünftigen Grund.
Ich antworte darauf, dass der Hauptzweck des ganzen äußeren Kultus ist, dass der Mensch Gott Ehre erweist. Nun neigt der Mensch dazu, jene Dinge weniger zu verehren, die alltäglich sind und sich nicht von anderen Dingen unterscheiden; wohingegen er jene Dinge bewundert und verehrt, die sich durch irgendeinen Vorzug von anderen unterscheiden. Daher ist es auch unter Menschen üblich, dass Könige und Fürsten, die von ihren Untertanen verehrt werden sollen, in kostbarere Kleider gehüllt sind und größere und schönere Wohnstätten besitzen. Und aus diesem Grund geziemte es sich, dass besondere Zeiten, eine besondere Wohnstätte, besondere Gefäße und besondere Diener für den göttlichen Kult bestimmt wurden, damit dadurch die Seele des Menschen zu größerer Ehrfurcht vor Gott geführt werde.
In gleicher Weise wurde der Stand des Alten Gesetzes, wie oben bemerkt (Art. 2; Q. 100, Art. 12; Q. 101, Art. 2), eingesetzt, um das Geheimnis Christi vorzuschatten. Nun muss das, was etwas vorschattet, bestimmt sein, damit es eine Ähnlichkeit dazu aufweisen kann. Folglich mussten gewisse besondere Punkte in den Dingen beobachtet werden, die den Gottesdienst betreffen.
Zu Einwand 1: Der göttliche Kult betrifft zwei Dinge: nämlich Gott, der verehrt wird, und die Menschen, die Ihn verehren. Dementsprechend ist Gott, der verehrt wird, an keinen körperlichen Ort gebunden: weshalb es Seinerseits keiner Errichtung eines Zeltes oder Tempels bedurfte. Aber die Menschen, die Ihn verehren, sind körperliche Wesen: und um ihretwillen war es notwendig, ein besonderes Zelt oder einen Tempel für die Verehrung Gottes zu errichten, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, damit sie, wenn sie mit dem Gedanken zusammenkommen, dass dieser Ort für die Verehrung Gottes ausgesondert ist, sich dort mit größerer Ehrfurcht nähern. Zweitens, damit durch die Anordnung der verschiedenen Einzelheiten in einem solchen Tempel oder Zelt gewisse Dinge bezeichnet werden, die sich auf die Vorzüglichkeit der göttlichen oder menschlichen Natur Christi beziehen.
Darauf bezieht sich Salomo (1 Kön 8,27), wenn er sagt: „Wenn der Himmel und die Himmel der Himmel dich nicht fassen können, wie viel weniger dieses Haus, das ich für dich gebaut habe?“ Und weiter unten (1 Kön 8,29.30) fügt er hinzu: „Dass deine Augen offen seien über dieses Haus ... von dem du gesagt hast: Mein Name soll dort sein; ... dass du auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel hören mögest.“ Daraus ist ersichtlich, dass das Haus des Heiligtums nicht errichtet wurde, um Gott zu fassen, als ob er dort örtlich wohnte, sondern damit Gott dort durch die Dinge, die dort getan und gesagt wurden, bekannt gemacht werde; und damit jene, die dort beteten, aus Ehrfurcht vor dem Ort andächtiger beteten, um so eher erhört zu werden.
Zu Einwand 2: Vor der Ankunft Christi wurde der Stand des Alten Gesetzes nicht geändert in Bezug auf die Erfüllung des Gesetzes, die allein in Christus bewirkt wurde: aber er wurde geändert in Bezug auf den Zustand des Volkes, das unter dem Gesetz stand. Denn zuerst war das Volk in der Wüste und hatte keine feste Wohnstätte; danach waren sie in verschiedene Kriege mit den benachbarten Völkern verwickelt; und schließlich, zur Zeit Davids und Salomos, war der Zustand dieses Volkes einer des großen Friedens. Und dann wurde zum ersten Mal der Tempel an dem Ort gebaut, den Abraham, von Gott unterwiesen, für den Zweck des Opfers gewählt hatte. Denn es steht geschrieben (Gen 22,2), dass der Herr Abraham befahl, seinen Sohn „als Brandopfer auf einem der Berge zu opfern, den ich dir zeigen werde“: und weiter unten wird berichtet (Gen 22,14), dass „er den Namen jenes Ortes nannte: Der Herr sieht“, als ob nach der göttlichen Vorsehung jener Ort für die Verehrung Gottes erwählt wäre. Daher steht geschrieben (Dtn 12,5.6): „Ihr sollt an den Ort kommen, den der Herr, euer Gott, erwählen wird ... und ihr sollt dort eure Brandopfer und Schlachtopfer darbringen.“
Es war nun nicht angemessen, dass jener Ort durch den Bau des Tempels vor der besagten Zeit angezeigt wurde; aus drei Gründen, die Rabbi Moses angibt. Erstens, damit die Heiden jenen Ort nicht in Besitz nehmen. Zweitens, damit die Heiden ihn nicht zerstören. Der dritte Grund ist, damit nicht jeder Stamm wünsche, dass jener Ort ihm zufalle, und daraus Streit und Zank entstünden. Daher wurde der Tempel nicht gebaut, bis sie einen König hatten, der fähig war, solche Streitigkeiten zu unterdrücken. Bis zu jener Zeit wurde ein tragbares Zelt für den Gottesdienst verwendet, da noch kein Ort für die Verehrung Gottes festgesetzt war. Dies ist der wörtliche Grund für die Unterscheidung zwischen dem Zelt und dem Tempel.
Der figürliche Grund kann der Tatsache zugeschrieben werden, dass sie einen zweifachen Zustand bezeichnen. Denn das Zelt, das veränderlich war, bezeichnet den Zustand des gegenwärtigen veränderlichen Lebens; wohingegen der Tempel, der fest und stabil war, den Zustand des zukünftigen Lebens bezeichnet, das gänzlich unveränderlich ist. Aus diesem Grund heißt es, dass beim Bau des Tempels kein Laut von Hammer oder Säge gehört wurde, um zu bezeichnen, dass alle Bewegungen der Unruhe vom zukünftigen Zustand weit entfernt sein werden. Oder aber das Zelt bezeichnet den Stand des Alten Gesetzes, während der von Salomo gebaute Tempel den Stand des Neuen Gesetzes bedeutet. Daher arbeiteten allein die Juden am Bau des Zeltes; wohingegen der Tempel unter Mitwirkung der Heiden, nämlich der Tyrer und Sidonier, gebaut wurde.
Zu Einwand 3: Der Grund für die Einheit des Tempels oder Zeltes kann entweder wörtlich oder figürlich sein. Der wörtliche Grund war der Ausschluss des Götzendienstes. Denn die Heiden errichteten verschiedenen Göttern verschiedene Tempel: und so wollte Gott, um im Geist der Menschen den Glauben an die Einheit der Gottheit zu stärken, dass Ihm Opfer nur an einem einzigen Ort dargebracht würden. Ein weiterer Grund war, um zu zeigen, dass körperlicher Kult an sich nicht annehmbar ist: und so hielt er sie davon ab, überall und an jedem Ort Opfer darzubringen. Aber der Kult des Neuen Gesetzes, in dessen Opfer geistige Gnade enthalten ist, ist Gott an sich wohlgefällig; und folglich ist die Vermehrung von Altären und Tempeln im Neuen Gesetz erlaubt.
Was jene Dinge betrifft, die den geistigen Gottesdienst betrafen, bestehend in der Lehre des Gesetzes und der Propheten, so gab es auch unter dem Alten Gesetz verschiedene Orte, Synagogen genannt, die dazu bestimmt waren, dass das Volk sich zum Lobpreis Gottes versammelte; so wie es jetzt Orte gibt, die Kirchen genannt werden, in denen sich das christliche Volk zum Gottesdienst versammelt. So nimmt unsere Kirche den Platz sowohl des Tempels als auch der Synagoge ein: da das Opfer der Kirche selbst geistig ist; weshalb bei uns der Ort des Opfers nicht vom Ort der Lehre unterschieden ist. Der figürliche Grund mag sein, dass hierdurch die Einheit der Kirche bezeichnet wird, sei es der streitenden oder der triumphierenden.
Zu Einwand 4: So wie die Einheit des Tempels oder Zeltes die Einheit Gottes oder die Einheit der Kirche bezeichnete, so bezeichnete auch die Unterteilung des Zeltes oder Tempels die Unterscheidung jener Dinge, die Gott unterworfen sind und von denen wir zur Verehrung Gottes aufsteigen. Nun war das Zelt in zwei Teile geteilt: einer wurde das „Allerheiligste“ genannt und war nach Westen gelegen; der andere wurde das „Heilige“ genannt, welches nach Osten lag. Zudem gab es einen Vorhof, der dem Zelt zugewandt war. Dementsprechend gibt es zwei Gründe für diese Unterscheidung. Einer bezieht sich darauf, dass das Zelt zur Verehrung Gottes geordnet war. Denn die verschiedenen Teile der Welt werden so durch die Unterteilung des Zeltes bezeichnet. Denn jener Teil, der das Allerheiligste genannt wurde, bezeichnete die höhere Welt, welche die der geistigen Substanzen ist; während jener Teil, der das Heilige genannt wird, die körperliche Welt bezeichnete. Daher war das Heilige vom Allerheiligsten durch einen Vorhang getrennt, der aus vier verschiedenen Farben bestand (die die vier Elemente bezeichnen), nämlich aus Leinen, was die Erde bezeichnet, weil Leinen, d.h. Flachs, aus der Erde wächst; Purpur, was das Wasser bezeichnet, weil der Purpurfarbstoff aus bestimmten Muscheln gewonnen wurde, die im Meer gefunden werden; Violett, was die Luft bezeichnet, weil es die Farbe der Luft hat; und zweimal gefärbtem Scharlach, was das Feuer bezeichnet: und dies, weil die aus den vier Elementen zusammengesetzte Materie ein Vorhang zwischen uns und den unkörperlichen Substanzen ist. Daher trat der Hohepriester allein, und das einmal im Jahr, in das innere Zelt, d.h. das Allerheiligste, ein: wodurch wir gelehrt werden, dass die letzte Vollkommenheit des Menschen darin besteht, in jene (höhere) Welt einzutreten: wohingegen die Priester jeden Tag in das äußere Zelt, d.h. das Heilige, eintraten; während das Volk nur zum Vorhof zugelassen war; weil das Volk fähig war, materielle Dinge wahrzunehmen, deren innere Natur nur weise Männer durch Studium zu entdecken vermögen.
Was aber den figürlichen Grund betrifft, so bezeichnete das äußere Zelt, das das Heilige genannt wurde, den Stand des Alten Gesetzes, wie der Apostel sagt (Hebr 9,6 ff.): weil in jenes Zelt „die Priester allezeit eintraten, um den Opferdienst zu verrichten“. Aber das innere Zelt, das das Allerheiligste genannt wurde, bezeichnete entweder die Herrlichkeit des Himmels oder den geistigen Stand des kommenden Neuen Gesetzes. Zu letzterem Stand hat uns Christus gebracht; und dies wurde dadurch bezeichnet, dass der Hohepriester allein, einmal im Jahr, in das Allerheiligste eintrat. Der Vorhang bezeichnete die Verhüllung der geistigen Opfer unter den Opfern der alten Zeit. Dieser Vorhang war mit vier Farben geschmückt: nämlich mit Leinen, um die Reinheit des Fleisches zu bezeichnen; Purpur, um die Leiden zu bezeichnen, die die Heiligen für Gott ertrugen; zweimal gefärbtem Scharlach, was die zweifache Liebe zu Gott und zum Nächsten bezeichnet; und Violett, als Zeichen der himmlischen Kontemplation. In Bezug auf den Stand des Alten Gesetzes waren das Volk und die Priester unterschiedlich gestellt. Denn das Volk sah die bloßen körperlichen Opfer, die im Vorhof dargebracht wurden: wohingegen die Priester auf die innere Bedeutung der Opfer bedacht waren, weil ihr Glaube an die Geheimnisse Christi ausdrücklicher war. Daher traten sie in das äußere Zelt ein. Dieses äußere Zelt war vom Vorhof durch einen Vorhang getrennt; weil einige Dinge, die sich auf das Geheimnis Christi bezogen, dem Volk verborgen waren, während sie den Priestern bekannt waren: obwohl sie ihnen nicht vollständig offenbart waren, wie sie es später im Neuen Testament wurden (vgl. Eph 3,5).
Zu Einwand 5: Die Anbetung nach Westen wurde im Gesetz zum Ausschluss des Götzendienstes eingeführt: weil alle Heiden aus Ehrfurcht vor der Sonne nach Osten anbeteten; daher steht geschrieben (Ez 8,16), dass gewisse Männer „ihren Rücken gegen den Tempel des Herrn und ihre Gesichter nach Osten hatten und sie beteten gegen den Aufgang der Sonne an“. Um dies zu verhindern, hatte das Zelt das Allerheiligste im Westen, damit sie nach Westen anbeteten. Ein figürlicher Grund kann auch in der Tatsache gefunden werden, dass der ganze Stand des ersten Zeltes dazu geordnet war, den Tod Christi vorzuschatten, der durch den Westen (Untergang) bezeichnet wird, gemäß Ps 67,5: „Der nach Westen aufsteigt; der Herr ist sein Name.“
Zu Einwand 6: Sowohl wörtliche als auch figürliche Gründe können für die Dinge angegeben werden, die im Zelt enthalten waren. Der wörtliche Grund steht in Verbindung mit dem Gottesdienst. Und weil, wie bereits bemerkt (zu 4), das innere Zelt, das Allerheiligste genannt, die höhere Welt der geistigen Substanzen bezeichnete, enthielt jenes Zelt drei Dinge, nämlich „die Lade des Bundes, in der ein goldener Krug war, der das Manna enthielt, und der Stab Aarons, der geblüht hatte, und die Tafeln“ (Hebr 9,4), auf denen die zehn Gebote des Gesetzes geschrieben waren. Nun stand die Lade zwischen zwei „Cherubim“, die einander anblickten: und über der Lade war eine Platte, der „Gnadenthron“ (Propitiatorium) genannt, erhoben über die Flügel der Cherubim, als ob sie von ihnen gehalten würde; und sie erschien der Vorstellung als der eigentliche Sitz Gottes. Aus diesem Grund wurde sie „Gnadenthron“ genannt, als ob das Volk von dort auf die Gebete des Hohepriesters hin Versöhnung empfing. Und so wurde sie sozusagen von den Cherubim gehalten, gleichsam im Gehorsam gegenüber Gott: während die Lade des Bundes wie der Schemel für Ihn war, der auf dem Gnadenthron saß. Diese drei Dinge bezeichnen drei Dinge in jener höheren Welt: nämlich Gott, der über allem ist und für jedes Geschöpf unbegreiflich. Daher wurde kein Bildnis von Ihm aufgestellt; um Seine Unsichtbarkeit zu bezeichnen. Aber es gab etwas, um seinen Sitz darzustellen; da nämlich das Geschöpf, das unter Gott ist, wie der Sitz unter dem Sitzenden, begreiflich ist. Wiederum gibt es in jener höheren Welt geistige Substanzen, Engel genannt. Diese werden durch die zwei Cherubim bezeichnet, die einander anblicken, um zu zeigen, dass sie in Frieden miteinander sind, gemäß Ijob 25,2: „Der Frieden schafft in ... seinen Höhen.“ Aus diesem Grund gab es auch mehr als einen Cherub, um die Vielzahl der himmlischen Geister zu bezeichnen und zu verhindern, dass sie Anbetung von jenen empfingen, denen geboten worden war, nur den einen Gott anzubeten. Zudem sind dort, gleichsam eingeschlossen in jener geistigen Welt, die intelligiblen Urbilder von allem, was in dieser Welt geschieht, so wie in jeder Ursache die Typen ihrer Wirkungen eingeschlossen sind und im Handwerker die Typen der Werke seiner Kunst. Dies wurde durch die Lade bezeichnet, die mittels der drei Dinge, die sie enthielt, die drei Dinge von größter Bedeutung in menschlichen Angelegenheiten darstellte. Diese sind Weisheit, bezeichnet durch die Tafeln des Bundes; die Macht zu regieren, bezeichnet durch den Stab Aarons; und das Leben, bezeichnet durch das Manna, das das Mittel zum Unterhalt war. Oder aber diese drei Dinge bezeichneten die drei göttlichen Attribute, nämlich Weisheit in den Tafeln; Macht im Stab; Güte im Manna – sowohl wegen seiner Süße als auch weil es durch die Güte Gottes dem Menschen gewährt wurde, weshalb es als Denkmal der göttlichen Barmherzigkeit bewahrt wurde. Wiederum wurden diese drei Dinge in der Vision des Isaias dargestellt. Denn er „sah den Herrn auf einem hohen und erhabenen Thron sitzen“; und die Seraphim standen dabei; und dass das Haus voll der Herrlichkeit des Herrn war; worauf die Seraphim riefen: „Die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit“ (Jes 6,1.3). Und so wurden die Bilder der Seraphim aufgestellt, nicht um angebetet zu werden, denn dies war durch das erste Gebot verboten; sondern als Zeichen ihrer Funktion, wie oben gesagt.
Das äußere Zelt, das diese gegenwärtige Welt bezeichnet, enthielt ebenfalls drei Dinge, nämlich den „Räucheraltar“, der direkt gegenüber der Lade war; den „Tisch der Schaubrote“ mit den zwölf Schaubroten darauf, der auf der Nordseite stand; und den „Leuchter“, der gegen Süden platziert war. Diese drei Dinge scheinen den dreien zu entsprechen, die in der Lade eingeschlossen waren; und sie stellten dieselben Dinge dar wie letztere, aber deutlicher: weil es notwendig war, um weisen Männern, bezeichnet durch die Priester, die in den Tempel eintraten, das Verständnis dieser Typen zu ermöglichen, sie offenkundiger auszudrücken, als sie im göttlichen oder englischen Geist sind. Dementsprechend bezeichnete der Leuchter als sinnliches Zeichen dafür die Weisheit, die auf den Tafeln (des Gesetzes) in verständlichen Worten ausgedrückt war. Der Räucheraltar bezeichnete das Amt des Priesters, dessen Pflicht es war, das Volk zu Gott zu bringen: und dies wurde auch durch den Stab bezeichnet: weil auf jenem Altar der wohlriechende Weihrauch verbrannt wurde, was die Heiligkeit des Volkes bezeichnet, die Gott wohlgefällig ist: denn es steht geschrieben (Offb 8,3), dass der Rauch der wohlriechenden Spezereien die „Gerechtigkeit der Heiligen“ bezeichnet (vgl. Offb 19,8). Zudem war es passend, dass die Würde des Priestertums in der Lade durch den Stab und im äußeren Zelt durch den Räucheraltar bezeichnet wurde: weil der Priester der Mittler zwischen Gott und dem Volk ist, der das Volk durch göttliche Macht regiert, bezeichnet durch den Stab; und Gott die Frucht seiner Regierung darbringt, d.h. die Heiligkeit des Volkes, sozusagen auf dem Räucheraltar. Der Tisch bezeichnete den Unterhalt des Lebens, so wie das Manna es tat: aber ersterer eine allgemeinere und gröbere Art von Nahrung; letzteres eine süßere und feinere. Wiederum war der Leuchter passenderweise auf der Südseite platziert, während der Tisch im Norden stand: weil der Süden die rechte Seite der Welt ist, während der Norden die linke Seite ist, wie in De Coelo et Mundo ii dargelegt; und Weisheit, wie andere geistige Güter, zur rechten Hand gehört, während zeitliche Nahrung zur linken gehört, gemäß Spr 3,16: „In ihrer Linken (sind) Reichtum und Ehre.“ Und die priesterliche Macht steht in der Mitte zwischen zeitlichen Gütern und geistiger Weisheit; weil durch sie sowohl geistige Weisheit als auch zeitliche Güter ausgeteilt werden.
Eine andere wörtliche Bedeutung kann angegeben werden. Denn die Lade enthielt die Tafeln des Gesetzes, um das Vergessen des Gesetzes zu verhindern, weshalb geschrieben steht (Ex 24,12): „Ich will dir zwei steinerne Tafeln geben und das Gesetz und die Gebote, die ich geschrieben habe: damit du sie lehrest“ den Kindern Israel. Der Stab Aarons wurde dort platziert, um das Volk von der Auflehnung gegen das Priestertum Aarons abzuhalten; weshalb geschrieben steht (Num 17,10): „Trag den Stab Aarons zurück in das Zelt des Zeugnisses, damit er dort aufbewahrt werde zum Zeichen für die widerspenstigen Kinder Israel.“ Das Manna wurde in der Lade aufbewahrt, um sie an die Wohltat zu erinnern, die Gott den Kindern Israel in der Wüste erwiesen hatte; weshalb geschrieben steht (Ex 16,32): „Fülle ein Gomer davon, und es soll aufbewahrt werden für die kommenden Geschlechter, damit sie das Brot kennen, mit dem ich euch in der Wüste gespeist habe.“ Der Leuchter wurde aufgestellt, um die Schönheit des Tempels zu erhöhen, denn die Pracht eines Hauses hängt davon ab, dass es gut beleuchtet ist. Nun hatte der Leuchter sieben Arme, wie Josephus bemerkt (Antiquit. iii, 7,8), um die sieben Planeten zu bezeichnen, von denen die ganze Welt erleuchtet wird. Daher war der Leuchter nach Süden gerichtet; weil für uns der Lauf der Planeten von dieser Himmelsgegend ist. Der Räucheraltar wurde eingesetzt, damit im Zelt immer ein wohlriechender Rauch sei; sowohl aus Respekt vor dem Zelt als auch als Mittel gegen den Gestank, der vom Blutvergießen und dem Schlachten der Tiere herrührte. Denn Menschen verachten übelriechende Dinge als gemein, wohingegen wohlriechende Dinge sehr geschätzt werden. Der Tisch wurde dort platziert, um zu bezeichnen, dass die Priester, die dem Tempel dienten, ihre Nahrung im Tempel einnehmen sollten: weshalb es, wie in Mt 12,4 gesagt wird, niemandem außer den Priestern erlaubt war, die zwölf Brote zu essen, die zur Erinnerung an die zwölf Stämme auf den Tisch gelegt wurden. Und der Tisch wurde nicht in die Mitte direkt vor den Gnadenthron gestellt, um einen götzendienerischen Ritus auszuschließen: denn die Heiden stellten an den Festen des Mondes einen Tisch vor dem Götzenbild des Mondes auf, weshalb geschrieben steht (Jer 7,18): „Die Frauen kneten den Teig, um der Himmelskönigin Kuchen zu backen.“
Im Vorhof außerhalb des Zeltes war der Brandopferaltar, auf dem Opfer von jenen Dingen, die das Volk besaß, Gott dargebracht wurden: und folglich konnte das Volk, das diese Opfer Gott durch die Hände des Priesters darbrachte, im Vorhof anwesend sein. Aber die Priester allein, deren Aufgabe es war, das Volk Gott darzubringen, konnten sich dem inneren Altar nähern, auf dem die eigentliche Andacht und Heiligkeit des Volkes Gott dargebracht wurde. Und dieser Altar wurde außerhalb des Zeltes und im Vorhof aufgestellt, zum Ausschluss des götzendienerischen Kultes: denn die Heiden stellten Altäre im Inneren der Tempel auf, um darauf den Götzen Opfer darzubringen.
Der figürliche Grund für all diese Dinge kann aus der Beziehung des Zeltes zu Christus genommen werden, der darin vorgeschattet wurde. Nun muss bemerkt werden, dass, um die Unvollkommenheit der Figuren des Gesetzes zu zeigen, verschiedene Figuren im Tempel eingesetzt wurden, um Christus zu bezeichnen. Denn Er wurde durch den „Gnadenthron“ (Propitiatorium) vorgeschattet, da Er „eine Versöhnung (Propitiation) für unsere Sünden“ ist (1 Joh 2,2). Dieser Gnadenthron wurde passenderweise von Cherubim getragen, da von Ihm geschrieben steht (Hebr 1,6): „Alle Engel Gottes sollen ihn anbeten.“ Er wird auch durch die Lade bezeichnet: denn so wie die Lade aus Akazienholz gemacht war, so war der Leib Christi aus reinsten Gliedern zusammengesetzt. Überdies war sie vergoldet: denn Christus war voll von Weisheit und Liebe, die durch Gold bezeichnet werden. Und in der Lade war ein goldener Krug, d.h. Seine heilige Seele, die Manna enthielt, d.h. „die ganze Fülle der Gottheit“ (Kol 2,9). Auch war ein Stab in der Lade, d.h. Seine priesterliche Macht: denn „Er wurde Priester in Ewigkeit“ (Hebr 6,20). Und darin waren die Tafeln des Bundes, um zu bezeichnen, dass Christus selbst ein Gesetzgeber ist. Wiederum wurde Christus durch den Leuchter bezeichnet, denn Er sagte selbst (Joh 8,12): „Ich bin das Licht der Welt“; während die sieben Lampen die sieben Gaben des Heiligen Geistes bezeichneten. Er wird auch im Tisch bezeichnet, weil Er unsere geistige Speise ist, gemäß Joh 6,41.51: „Ich bin das lebendige Brot“: und die zwölf Brote bezeichneten die zwölf Apostel oder ihre Lehre. Oder wiederum können der Leuchter und der Tisch die Lehre der Kirche und den Glauben bezeichnen, der ebenfalls erleuchtet und erquickt. Wiederum wird Christus durch die zwei Altäre der Brandopfer und des Räucherwerks bezeichnet. Weil alle Werke der Tugend uns Gott durch Ihn dargebracht werden müssen; sowohl jene, durch die wir den Leib kasteien, die gleichsam auf dem Brandopferaltar dargebracht werden; als auch jene, die mit größerer Vollkommenheit des Geistes Gott in Christus durch die geistigen Begierden der Vollkommenen auf dem Räucheraltar dargebracht werden, gleichsam gemäß Hebr 13,15: „Durch Ihn also lasst uns Gott allezeit das Opfer des Lobes darbringen.“
Zu Einwand 7: Der Herr gebot, einen Altar für die Darbringung von Opfern und Gaben zu machen, zur Ehre Gottes und für den Unterhalt der Diener, die dem Zelt dienten. Nun erließ der Herr bezüglich des Baus des Altars eine zweifache Vorschrift. Eine war am Anfang des Gesetzes (Ex 20,24 ff.), als der Herr ihnen gebot, „einen Altar aus Erde“ zu machen, oder zumindest „nicht aus behauenen Steinen“; und wiederum, den Altar nicht hoch zu machen, so dass es notwendig wäre, „auf Stufen“ zu ihm „hinaufzusteigen“. Dies geschah aus Abscheu vor dem götzendienerischen Kult: denn die Heiden machten ihre Altäre geschmückt und hoch, in der Meinung, dass in solchen Dingen etwas Heiliges und Göttliches sei. Aus diesem Grund gebot der Herr auch (Dtn 16,21): „Du sollst keinen Hain pflanzen noch irgendeinen Baum nahe beim Altar des Herrn, deines Gottes“: da die Götzendiener gewohnt waren, Opfer unter Bäumen darzubringen, wegen der Annehmlichkeit und des Schattens, den sie boten. Es gab auch einen figürlichen Grund für diese Vorschriften. Weil wir bekennen müssen, dass in Christus, der unser Altar ist, die wahre Natur des Fleisches ist, was seine Menschheit betrifft – und dies heißt, einen Altar aus Erde zu machen; und wiederum müssen wir in Bezug auf seine Gottheit seine Gleichheit mit dem Vater bekennen – und dies heißt, „nicht auf Stufen“ zum Altar hinaufzusteigen. Überdies sollten wir die Lehre Christi nicht mit der der Heiden verbinden, die die Menschen zur Unzucht reizt.
Aber als das Zelt einmal zur Ehre Gottes errichtet war, gab es keinen Grund mehr, diese Gelegenheiten zum Götzendienst zu fürchten. Weshalb der Herr gebot, den Brandopferaltar aus Erz zu machen und für das ganze Volk sichtbar zu sein; und den Räucheraltar, der für niemanden außer die Priester sichtbar war. Auch war Erz nicht so kostbar, dass es dem Volk einen Anlass zum Götzendienst gegeben hätte.
Da jedoch der Grund für das Gebot „Du sollst nicht auf Stufen zu meinem Altar hinaufsteigen“ (Ex 20,26) angegeben wird als „damit deine Blöße nicht aufgedeckt werde“, sollte bemerkt werden, dass auch dies mit der Absicht eingesetzt wurde, Götzendienst zu verhindern, denn bei den Festen des Priapus entblößten die Heiden ihre Blöße vor dem Volk. Aber später wurde den Priestern der Gebrauch von Beinkleidern um des Anstands willen vorgeschrieben: so dass der Altar ohne Gefahr so hoch platziert werden konnte, dass die Priester beim Opfern über Stufen aus Holz hinaufstiegen, die nicht fest, sondern beweglich waren.
Zu Einwand 8: Der Körper des Zeltes bestand aus aufrecht stehenden Brettern und war innen mit Vorhängen aus vier verschiedenen Farben bedeckt, nämlich gezwirntem Leinen, Violett, Purpur und zweimal gefärbtem Scharlach. Diese Vorhänge bedeckten jedoch nur die Seiten des Zeltes; und das Dach des Zeltes war mit violetten Fellen bedeckt; und darüber war eine weitere Decke aus rotgefärbten Widderfellen; und darüber war ein dritter Vorhang aus Ziegenhaar, der nicht nur das Dach des Zeltes bedeckte, sondern auch bis zum Boden reichte und die Bretter des Zeltes an der Außenseite bedeckte. Der wörtliche Grund dieser Decken insgesamt war der Schmuck und Schutz des Zeltes, damit es ein Gegenstand des Respekts sei. Einzeln genommen bezeichneten die Vorhänge nach einigen den Sternenhimmel, der mit verschiedenen Sternen geschmückt ist; der Vorhang (aus Ziegenfell) bezeichnete die Wasser, die über dem Firmament sind; die rotgefärbten Felle bezeichneten den empyreischen Himmel, wo die Engel sind; die violetten Felle den Himmel der Heiligen Dreifaltigkeit.
Die figürliche Bedeutung dieser Dinge ist, dass die Bretter, aus denen das Zelt gebaut war, die Gläubigen Christi bezeichnen, die die Kirche bilden. Die Bretter waren auf der Innenseite von Vorhängen aus vier Farben bedeckt: weil die Gläubigen innerlich mit den vier Tugenden geschmückt sind: denn „das gezwirnte Leinen“, wie die Glosse bemerkt, „bezeichnet das Fleisch, das vor Reinheit strahlt; Violett bezeichnet den Geist, der nach himmlischen Dingen verlangt; Purpur bezeichnet das Fleisch, das den Leiden unterworfen ist; das zweimal gefärbte Scharlach bezeichnet den Geist inmitten der Leiden, erleuchtet durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten.“ Die Decken des Gebäudes bezeichnen die Prälaten und Lehrer, die durch ihren himmlischen Lebenswandel, bezeichnet durch die violetten Felle, hervorstechen sollten: und die auch bereit sein sollten, das Martyrium zu erleiden, bezeichnet durch die rotgefärbten Felle; und streng im Leben und geduldig im Unglück, bezeichnet durch die Vorhänge aus Ziegenhaar, die Wind und Regen ausgesetzt waren, wie die Glosse bemerkt.
Zu Einwand 9: Der wörtliche Grund für die Heiligung des Zeltes und der Gefäße war, dass sie mit größerer Ehrfurcht behandelt würden, da sie durch diese Weihe gleichsam für den göttlichen Kult bestimmt waren. Der figürliche Grund ist, dass diese Heiligung die Heiligung des lebendigen Zeltes bezeichnete, d.h. der Gläubigen, aus denen die Kirche Christi besteht.
Zu Einwand 10: Unter dem Alten Gesetz gab es sieben zeitliche Festlichkeiten und eine fortwährende Festlichkeit, wie aus Num 28,29 entnommen werden kann. Es gab ein fortwährendes Fest, da das Lamm jeden Tag geopfert wurde, morgens und abends: und dieses fortwährende Fest eines bleibenden Opfers bezeichnete die Ewigkeit der göttlichen Seligkeit. Von den zeitlichen Festen war das erste jenes, das jede Woche wiederholt wurde. Dies war die Feier des „Sabbats“, begangen zur Erinnerung an das Werk der Erschaffung des Universums. Eine andere Feierlichkeit, nämlich der „Neumond“, wurde jeden Monat wiederholt und wurde zur Erinnerung an das Werk der göttlichen Regierung begangen. Denn die Dinge dieser niederen Welt verdanken ihre Vielfalt hauptsächlich der Bewegung des Mondes; weshalb dieses Fest am Neumond gehalten wurde: und nicht am Vollmond, um die Verehrung der Götzendiener zu vermeiden, die zu jener bestimmten Zeit dem Mond Opfer darzubringen pflegten. Und diese zwei Segnungen werden dem ganzen Menschengeschlecht gemeinsam verliehen; und daher wurden sie häufiger wiederholt.
Die anderen fünf Feste wurden einmal im Jahr gefeiert: und sie gedachten der Wohltaten, die speziell jenem Volk erwiesen worden waren. Denn es gab das Fest des „Passah“ im ersten Monat, um der Wohltat der Befreiung aus Ägypten zu gedenken. Das Fest „Pfingsten“ wurde fünfzig Tage später gefeiert, um an die Wohltat der Gesetzesgebung zu erinnern. Die anderen drei Feste wurden im siebten Monat gehalten, der fast ganz von ihnen gefeiert wurde, so wie der siebte Tag. Denn am ersten des siebten Monats war das Fest der „Posaunen“, zur Erinnerung an die Befreiung Isaaks, als Abraham den Widder fand, der sich mit seinen Hörnern verfangen hatte, was sie durch die Hörner darstellten, die sie bliesen. Das Posaunenfest war eine Art Einladung, wodurch sie sich vorbereiteten, das folgende Fest zu halten, das am zehnten Tag begangen wurde. Dies war das Fest der „Versöhnung“, zur Erinnerung an die Wohltat, wodurch Gott auf das Gebet des Mose hin die Sünde des Volkes, das Kalb angebetet zu haben, vergab. Danach war das Fest der „Szenopegie“ oder der „Laubhütten“, das sieben Tage lang gehalten wurde, um der Wohltat zu gedenken, von Gott beschützt und durch die Wüste geführt worden zu sein, wo sie in Zelten lebten. Daher mussten sie während dieses Festes „die Früchte des schönsten Baumes“, d.h. die Zitrone, nehmen, „und die Bäume mit dichtem Laub“, d.h. die Myrte, die wohlriechend ist, „und die Zweige von Palmen und Weiden des Baches“, die ihre Grüne lange behalten; und diese sind im Land der Verheißung zu finden; um zu bezeichnen, dass Gott sie durch das dürre Land der Wüste in ein Land der Wonnen gebracht hatte. Am achten Tag wurde ein weiteres Fest begangen, der „Versammlung und Gemeinde“, an dem das Volk die für den Gottesdienst notwendigen Ausgaben sammelte: und es bezeichnete die Vereinigung des Volkes und den ihnen im Land der Verheißung gewährten Frieden.
Der figürliche Grund für diese Feste war, dass das fortwährende Opfer des Lammes die Ewigkeit Christi vorschattete, der das „Lamm Gottes“ ist, gemäß Hebr 13,8: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit.“ Der Sabbat bezeichnete die geistige Ruhe, die durch Christus verliehen wird, wie in Hebr 4 dargelegt. Die Neomenia, die der Beginn des neuen Mondes ist, bezeichnete die Erleuchtung der Urkirche durch Christi Predigt und Wunder. Das Pfingstfest bezeichnete die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel. Das Posaunenfest bezeichnete die Predigt der Apostel. Das Versöhnungsfest bezeichnete die Reinigung des christlichen Volkes von Sünden: und das Laubhüttenfest bezeichnete ihre Pilgerschaft in dieser Welt, worin sie durch Fortschritt in der Tugend wandeln. Das Fest der Versammlung oder Gemeinde schattete die Versammlung der Gläubigen im Himmelreich vor: weshalb dieses Fest als „heiligstes“ beschrieben wird (Lev 23,36). Diese drei Feste folgten unmittelbar aufeinander, weil jene, die ihre Laster sühnen, in der Tugend fortschreiten sollen, bis sie dazu kommen, Gott zu schauen, wie in Ps 83,8 gesagt wird.