I, q. 92 a. 2
Ob die Frau aus dem Manne hätte gemacht werden sollen?
Quaestio 92 · Die Hervorbringung der Frau
Einwand 1: Es scheint, dass die Frau nicht aus dem Manne hätte gemacht werden sollen. Denn das Geschlecht kommt sowohl dem Menschen als auch den Tieren zu. Aber bei den anderen Tieren wurde das Weibchen nicht aus dem Männchen gemacht. Daher hätte es auch beim Menschen nicht so sein sollen.
Einwand 2: Ferner sind Dinge derselben Spezies aus derselben Materie. Aber Mann und Frau sind von derselben Spezies. Daher hätte die Frau, wie der Mann aus dem Lehm der Erde gemacht wurde, aus demselben gemacht werden sollen und nicht aus dem Mann.
Einwand 3: Ferner wurde die Frau gemacht, um dem Mann eine Gehilfin im Werk der Zeugung zu sein. Aber enge Verwandtschaft macht eine Person untauglich für dieses Amt; daher sind nahe Verwandte von der Heirat ausgeschlossen, wie geschrieben steht (Lev 18,6). Daher hätte die Frau nicht aus dem Mann gemacht werden sollen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Sir 17,5): „Er schuf aus ihm“, das heißt aus dem Mann, „eine Gehilfin, ihm ähnlich“, das heißt die Frau.
Ich antworte darauf, dass es bei der ersten Bildung aller Dinge angemessener war, dass die Frau aus dem Mann gemacht wurde, als (dass das Weibchen aus dem Männchen gemacht würde) bei anderen Tieren. Erstens, um so dem ersten Menschen eine gewisse Würde zu verleihen, die darin besteht, dass, wie Gott das Prinzip des ganzen Universums ist, so der erste Mensch, in Ähnlichkeit zu Gott, das Prinzip des ganzen Menschengeschlechts war. Weshalb Paulus sagt, dass „Gott das ganze Menschengeschlecht aus einem gemacht hat“ (Apg 17,26). Zweitens, damit der Mann die Frau umso mehr liebe und ihr enger anhangen möge, da er weiß, dass sie aus ihm selbst gebildet ist. Daher steht geschrieben (Gen 2,23.24): „Sie ist aus dem Manne genommen, darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen.“ Dies war im Hinblick auf das Menschengeschlecht höchst notwendig, in welchem Männchen und Weibchen für das ganze Leben zusammenbleiben; was bei anderen Tieren nicht der Fall ist. Drittens, weil, wie der Philosoph sagt (Ethic. viii, 12), das menschliche Männchen und Weibchen nicht nur zur Zeugung vereint sind, wie bei anderen Tieren, sondern auch zum Zweck des häuslichen Lebens, in welchem jeder seine besondere Pflicht hat und in welchem der Mann das Haupt der Frau ist. Weshalb es angemessen war, dass die Frau aus dem Mann gemacht wurde, als aus ihrem Prinzip. Viertens gibt es dafür einen sakramentalen Grund. Denn dadurch wird bezeichnet, dass die Kirche ihren Ursprung von Christus nimmt. Weshalb der Apostel sagt (Eph 5,32): „Dies ist ein großes Sakrament; ich rede aber von Christus und der Kirche.“
Antwort auf Einwand 1: Dies ist aus dem Vorhergehenden klar.
Antwort auf Einwand 2: Materie ist das, woraus etwas gemacht wird. Die geschaffene Natur hat nun ein bestimmtes Prinzip; und da sie auf eines festgelegt ist, hat sie auch eine bestimmte Weise des Hervorgehens. Weshalb sie aus bestimmter Materie etwas in einer bestimmten Spezies hervorbringt. Andererseits kann die göttliche Macht, da sie unendlich ist, Dinge derselben Spezies aus jeder beliebigen Materie hervorbringen, wie etwa einen Mann aus dem Lehm der Erde und eine Frau aus dem Manne.
Antwort auf Einwand 3: Eine gewisse Verwandtschaft entsteht aus der natürlichen Zeugung, und diese ist ein Ehehindernis. Die Frau wurde jedoch nicht durch natürliche Zeugung aus dem Mann hervorgebracht, sondern allein durch die göttliche Macht. Weshalb Eva nicht die Tochter Adams genannt wird; und so beweist dieses Argument nichts.