I, q. 87 a. 3
Ob unser Intellekt seinen eigenen Akt erkennt?
Quaestio 87 · Wie die geistige Seele sich selbst und alles, was in ihr ist, erkennt.
Einwand 1: Es scheint, dass unser Intellekt seinen eigenen Akt nicht erkennt. Denn was erkannt wird, ist das Objekt des erkennenden Vermögens. Der Akt aber unterscheidet sich vom Objekt. Also erkennt der Intellekt seinen eigenen Akt nicht.
Einwand 2: Ferner wird alles, was erkannt wird, durch irgendeinen Akt erkannt. Wenn also der Intellekt seinen eigenen Akt erkennt, erkennt er ihn durch irgendeinen Akt, und wiederum erkennt er jenen Akt durch irgendeinen anderen Akt; dies hieße, ins Unendliche fortzuschreiten, was unmöglich scheint.
Einwand 3: Ferner hat der Intellekt dieselbe Beziehung zu seinem Akt wie der Sinn zu seinem Akt. Aber der eigentliche Sinn fühlt seinen eigenen Akt nicht, denn dies gehört zum Gemeinsinn, wie in De Anima iii, 2 dargelegt wird. Also versteht auch der Intellekt seinen eigenen Akt nicht.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. x, 11): „Ich verstehe, dass ich verstehe.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1], 2), ein Ding insoweit intelligibel ist, als es im Akt ist. Nun besteht die letzte Vollkommenheit des Intellekts in seiner eigenen Operation: denn dies ist kein Akt, der auf etwas anderes hinzielt, in dem die Vollkommenheit des vollbrachten Werkes liegt, wie das Bauen die Vollkommenheit des Gebauten ist; sondern er verbleibt im Handelnden als dessen Vollkommenheit und Akt, wie in Metaph. ix, Did. viii, 8 gesagt wird. Daher ist das Erste, was vom Intellekt verstanden wird, sein eigener Akt des Verstehens. Dies geschieht auf unterschiedliche Weise bei verschiedenen Intellekten. Denn es gibt einen Intellekt, nämlich den göttlichen, der sein eigener Akt des Erkennens ist, so dass in Gott das Verstehen seines Erkennens und das Verstehen seines Wesens ein und derselbe Akt sind, weil sein Wesen sein Akt des Verstehens ist. Aber es gibt einen anderen Intellekt, den engelhaften, der nicht sein eigener Akt des Verstehens ist, wie wir oben gesagt haben (Quaestio [79], Artikel [1]), und doch ist das erste Objekt jenes Aktes das engelhafte Wesen. Weshalb, obwohl es eine logische Unterscheidung gibt zwischen dem Akt, wodurch er versteht, dass er versteht, und dem, wodurch er sein Wesen versteht, er dennoch beides durch ein und denselben Akt versteht; weil das Verstehen seines eigenen Wesens die eigentliche Vollkommenheit seines Wesens ist, und durch ein und denselben Akt ein Ding zusammen mit seiner Vollkommenheit verstanden wird. Und es gibt noch einen anderen, nämlich den menschlichen Intellekt, der weder sein eigener Akt des Verstehens ist, noch ist sein eigenes Wesen das erste Objekt seines Aktes des Verstehens, denn dieses Objekt ist die Natur eines materiellen Dinges. Und daher ist das, was vom menschlichen Intellekt zuerst erkannt wird, ein Objekt dieser Art, und das, was sekundär erkannt wird, ist der Akt, durch den jenes Objekt erkannt wird; und durch den Akt wird der Intellekt selbst erkannt, dessen Vollkommenheit dieser Akt des Verstehens ist. Aus diesem Grund behauptete der Philosoph, dass Objekte vor Akten erkannt werden und Akte vor Vermögen (De Anima ii, 4).
Antwort auf Einwand 1: Das Objekt des Intellekts ist etwas Universelles, nämlich das „Seiende“ und das „Wahre“, worin auch der Akt des Verstehens enthalten ist. Weshalb der Intellekt seinen eigenen Akt verstehen kann. Aber nicht primär, da das erste Objekt unseres Intellekts in diesem Lebenszustand nicht jedes Seiende und alles Wahre ist, sondern das „Seiende“ und „Wahre“, wie es in materiellen Dingen betrachtet wird, wie wir oben gesagt haben (Quaestio [84], Artikel [7]), woraus er die Erkenntnis aller anderen Dinge erwirbt.
Antwort auf Einwand 2: Der Erkenntnisakt des menschlichen Intellekts ist nicht der Akt und die Vollkommenheit der verstandenen materiellen Natur, so als ob die Natur des materiellen Dinges und der Erkenntnisakt durch einen einzigen Akt verstanden werden könnten; so wie ein Ding und seine Vollkommenheit durch einen einzigen Akt verstanden werden. Daher ist der Akt, wodurch der Intellekt einen Stein versteht, verschieden von dem Akt, wodurch er versteht, dass er einen Stein versteht; und so weiter. Auch besteht keine Schwierigkeit darin, dass der Intellekt auf diese Weise potentiell unendlich ist, wie oben erklärt (Quaestio [86], Artikel [2]).
Antwort auf Einwand 3: Der eigentliche Sinn empfindet aufgrund der Veränderung im materiellen Organ, die durch das äußere Sinnliche verursacht wird. Ein materielles Objekt kann sich jedoch nicht selbst verändern; sondern eines wird durch ein anderes verändert, und daher wird der Akt des eigentlichen Sinnes durch den Gemeinsinn wahrgenommen. Der Intellekt hingegen vollzieht den Akt des Verstehens nicht durch die materielle Veränderung eines Organs; und so gibt es keinen Vergleich.