I, q. 87 a. 1
Ob die geistige Seele sich selbst durch ihr Wesen erkennt?
Quaestio 87 · Wie die geistige Seele sich selbst und alles, was in ihr ist, erkennt.
Einwand 1: Es scheint, dass die geistige Seele sich selbst durch ihr eigenes Wesen erkennt. Denn Augustinus sagt (De Trin. ix, 3), dass „der Geist sich selbst erkennt, weil er unkörperlich ist.“
Einwand 2: Ferner gehören sowohl Engel als auch menschliche Seelen zur Gattung der intellektiven Substanz. Ein Engel aber erkennt sich selbst durch sein eigenes Wesen. Also tut dies gleichermaßen die menschliche Seele.
Einwand 3: Ferner sind „in den Dingen, die frei von Materie sind, der Intellekt und das, was erkannt wird, dasselbe“ (De Anima iii, 4). Der menschliche Geist aber ist frei von Materie, da er nicht der Akt eines Körpers ist, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [76], Artikel [1]). Daher sind im menschlichen Geist der Intellekt und sein Objekt dasselbe; und folglich erkennt der menschliche Geist sich selbst durch sein eigenes Wesen.
Dagegen spricht, dass es heißt (De Anima iii, 4), „der Intellekt erkennt sich selbst auf die gleiche Weise, wie er andere Dinge erkennt.“ Andere Dinge aber erkennt er nicht durch ihr Wesen, sondern durch ihre Ähnlichkeiten. Also erkennt er sich selbst nicht durch sein eigenes Wesen.
Ich antworte darauf, dass alles insoweit erkennbar ist, als es im Akt ist, und nicht, insoweit es in Potenz ist (Metaph. ix, Did. viii, 9): denn ein Ding ist ein Seiendes und ist wahr und somit erkennbar, insofern es aktuell ist. Dies ist ganz offensichtlich in Bezug auf sinnliche Dinge; denn das Auge sieht nicht das, was potentiell gefärbt ist, sondern was aktuell gefärbt ist. In gleicher Weise ist es klar, dass der Intellekt, insoweit er materielle Dinge erkennt, nichts erkennt, außer was im Akt ist: und daher erkennt er die erste Materie nicht, außer in ihrer Hinordnung zur Form, wie in Phys. i, 7 dargelegt wird. Folglich sind immaterielle Substanzen durch ihr eigenes Wesen erkennbar, insofern eine jede durch ihr eigenes Wesen aktuell ist.
Daher ist das Wesen Gottes, der reine und vollkommene Akt, einfachhin und vollkommen in sich selbst erkennbar; und daher erkennt Gott durch sein eigenes Wesen sich selbst und auch alle anderen Dinge. Das Wesen des Engels gehört zwar zur Gattung der erkennbaren Dinge als „Akt“, aber nicht als „reiner Akt“ noch als „vollständiger Akt“, und daher wird der Erkenntnisakt des Engels nicht durch sein Wesen vervollständigt. Denn obwohl ein Engel sich selbst durch sein eigenes Wesen erkennt, kann er doch nicht alle anderen Dinge durch sein eigenes Wesen erkennen; denn er erkennt die Dinge, die anders sind als er, durch ihre Ähnlichkeiten. Der menschliche Intellekt nun ist nur eine Potenz in der Gattung der erkennbaren Wesen, so wie die erste Materie eine Potenz in Bezug auf die sinnlichen Wesen ist; und daher wird er „möglich“ genannt [*Possibilis – an anderer Stelle in dieser Übersetzung als „passiv“ wiedergegeben – Ed.]. Daher ist der menschliche Geist in seinem Wesen potentiell erkennend. Somit hat er in sich selbst die Kraft zu erkennen, aber nicht erkannt zu werden, außer insofern er aktuell gemacht wird. Denn selbst die Platoniker behaupteten, dass eine Ordnung erkennbarer Wesen über der Ordnung der Intellekte existiere, insofern der Intellekt nur durch Teilhabe am Erkennbaren erkennt; denn sie sagten, dass das Teilhabende unter dem steht, woran es teilhat. Wenn also der menschliche Intellekt, wie die Platoniker meinten, dadurch aktuell würde, dass er an getrennten intelligiblen Formen teilhat, so würde er sich selbst durch eine solche Teilhabe an unkörperlichen Wesen erkennen. Da aber in diesem Leben unser Intellekt materielle und sinnliche Dinge als sein eigentliches natürliches Objekt hat, wie oben dargelegt (Quaestio [84], Artikel [7]), erkennt er sich selbst insofern, als er durch die von den sinnlichen Dingen abstrahierten Spezies aktuell gemacht wird, durch das Licht des tätigen Intellekts, der nicht nur die intelligiblen Dinge selbst in den Akt überführt, sondern auch durch deren Vermittlung den möglichen Intellekt in den Akt setzt. Daher erkennt der Intellekt sich selbst nicht durch sein Wesen, sondern durch seinen Akt. Dies geschieht auf zweifache Weise: Erstens singulär, wie wenn Sokrates oder Platon wahrnimmt, dass er eine geistige Seele hat, weil er wahrnimmt, dass er erkennt. Zweitens universell, wie wenn wir die Natur des menschlichen Geistes aus der Erkenntnis des intellektiven Aktes betrachten. Es ist jedoch wahr, dass das Urteil und die Kraft dieser Erkenntnis, wodurch wir die Natur der Seele erkennen, uns gemäß der Ableitung unseres intellektuellen Lichts von der göttlichen Wahrheit zukommt, welche die Urbilder aller Dinge enthält, wie oben dargelegt (Quaestio [84], Artikel [5]). Daher sagt Augustinus (De Trin. ix, 6): „Wir schauen auf die unverletzliche Wahrheit, von wo aus wir so vollkommen wie möglich definieren können, nicht was der Geist eines jeden Menschen ist, sondern was er im Licht der ewigen Urbilder sein sollte.“ Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen diesen beiden Arten der Erkenntnis, und er besteht darin, dass für die erste die bloße Gegenwart des Geistes ausreicht; da der Geist selbst das Prinzip des Handelns ist, wodurch er sich selbst wahrnimmt, und daher sagt man, er erkenne sich selbst durch seine eigene Gegenwart. Was aber die zweite Art der Erkenntnis betrifft, so genügt die bloße Gegenwart des Geistes nicht, sondern es ist ferner eine sorgfältige und subtile Untersuchung erforderlich. Daher sind viele in Unkenntnis über die Natur der Seele, und viele haben sich darüber geirrt. So sagt Augustinus (De Trin. x, 9) bezüglich einer solchen geistigen Untersuchung: „Der Geist strebe nicht danach, sich selbst zu sehen, als ob er abwesend wäre, sondern sich selbst als anwesend zu unterscheiden“ – d.h. zu erkennen, wie er sich von anderen Dingen unterscheidet; was bedeutet, sein Wesen und seine Natur zu erkennen.
Antwort auf Einwand 1: Der Geist erkennt sich selbst mittels seiner selbst, weil er schließlich zur Erkenntnis seiner selbst gelangt, wenngleich er durch seinen eigenen Akt dazu geführt wird: denn er ist es selbst, den er erkennt, da er sich selbst liebt, wie er an derselben Stelle sagt. Denn ein Ding kann auf zwei Arten als evident bezeichnet werden: entweder weil wir es durch nichts anderes außer durch es selbst erkennen können, wie die ersten Prinzipien evident genannt werden; oder weil es nicht akzidentell erkennbar ist, wie Farbe von sich aus sichtbar ist, während die Substanz durch ihr Akzidens sichtbar ist.
Antwort auf Einwand 2: Das Wesen eines Engels ist ein Akt in der Gattung der intelligiblen Dinge, und daher ist es sowohl Intellekt als auch das verstandene Ding. Daher erfasst ein Engel sein eigenes Wesen durch sich selbst: nicht so der menschliche Geist, der entweder gänzlich in Potenz zu den intelligiblen Dingen ist – wie der mögliche Intellekt – oder der Akt der von den Phantasmen abstrahierten intelligiblen Dinge ist – wie der tätige Intellekt.
Antwort auf Einwand 3: Dieser Ausspruch des Philosophen ist universell wahr für jede Art von Intellekt. Denn wie der Sinn im Akt das Sinnliche im Akt ist, aufgrund der sinnlichen Ähnlichkeit, die die Form des Sinnes im Akt ist, so ist gleichermaßen der Intellekt im Akt das verstandene Objekt im Akt, aufgrund der Ähnlichkeit des verstandenen Dinges, welche die Form des Intellekts im Akt ist. So wird der menschliche Intellekt, der durch die Spezies des verstandenen Objekts aktuell wird, selbst durch dieselbe Spezies wie durch seine eigene Form verstanden. Zu sagen, dass in „Dingen ohne Materie der Intellekt und das Verstandene dasselbe sind“, ist nun gleichbedeutend damit zu sagen, dass „in Bezug auf aktuell verstandene Dinge der Intellekt und das Verstandene dasselbe sind“. Denn ein Ding wird insofern aktuell verstanden, als es immateriell ist. Aber es muss eine Unterscheidung getroffen werden: da die Wesenheiten einiger Dinge immateriell sind – wie die getrennten Substanzen, die Engel genannt werden, von denen jede verstanden wird und versteht, wohingegen es andere Dinge gibt, deren Wesenheiten nicht gänzlich immateriell sind, sondern nur deren abstrakte Ähnlichkeiten. Daher sagt der Kommentator (De Anima iii), dass der zitierte Satz nur von den getrennten Substanzen wahr ist; weil er sich in gewissem Sinne in Bezug auf sie bewahrheitet, und nicht in Bezug auf andere Substanzen, wie bereits dargelegt (Antwort auf Einwand 2).