I, q. 81 a. 1
Ob die Sinnlichkeit nur ein Begehrungsvermögen ist?
Quaestio 81 · Vom Vermögen der Sinnlichkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Sinnlichkeit nicht nur begehrend, sondern auch erkennend ist. Denn Augustinus sagt (De Trin. xii, 12), dass „die sinnliche Bewegung der Seele, die auf die körperlichen Sinne gerichtet ist, uns und den Tieren gemeinsam ist.“ Aber die körperlichen Sinne gehören zu den Erkenntniskräften. Also ist die Sinnlichkeit eine Erkenntniskraft.
Einwand 2: Ferner scheinen Dinge, die unter eine Einteilung fallen, von einer Gattung zu sein. Augustinus (De Trin. xii, 12) aber teilt die Sinnlichkeit gegen die höhere und niedere Vernunft ab, welche zur Erkenntnis gehören. Also ist auch die Sinnlichkeit auffassend.
Einwand 3: Ferner steht in den Versuchungen des Menschen die Sinnlichkeit an der Stelle der „Schlange“. Aber in der Versuchung unserer ersten Eltern stellte sich die Schlange dar als jemand, der Auskunft gibt und Sünde vorschlägt, was zur Erkenntniskraft gehört. Also ist die Sinnlichkeit eine Erkenntniskraft.
Dagegen spricht, dass die Sinnlichkeit definiert wird als „das Begehren der Dinge, die zum Körper gehören“.
Ich antworte darauf, dass der Name Sinnlichkeit von der sinnlichen Bewegung hergenommen zu sein scheint, von der Augustinus spricht (De Trin. xii, 12, 13), so wie der Name einer Kraft von ihrem Akt hergenommen wird; zum Beispiel das Sehen vom Sehvorgang. Nun ist die sinnliche Bewegung ein Begehren, das der sinnlichen Auffassung folgt. Denn der Akt der Erkenntniskraft wird nicht so eigentlich Bewegung genannt wie der Akt des Begehrens: da die Operation der Erkenntniskraft dadurch vollendet ist, dass das Erkannte in dem ist, der erkennt; während die Operation der Begehrungskraft dadurch vollendet ist, dass der Begehrende zum Begehrten hin geneigt wird. Daher gleicht die Operation der Erkenntniskraft der Ruhe, wohingegen die Operation der Begehrungskraft eher der Bewegung gleicht. Daher verstehen wir unter sinnlicher Bewegung die Operation der Begehrungskraft: so dass Sinnlichkeit der Name für das sinnliche Begehrungsvermögen ist.
Antwort auf Einwand 1: Wenn Augustinus sagt, dass die sinnliche Bewegung der Seele auf die körperlichen Sinne gerichtet ist, gibt er uns nicht zu verstehen, dass die körperlichen Sinne in der Sinnlichkeit enthalten sind, sondern vielmehr, dass die Bewegung der Sinnlichkeit eine gewisse Neigung zu den körperlichen Sinnen ist, da wir Dinge begehren, die durch die körperlichen Sinne aufgefasst werden. Und so gehören die körperlichen Sinne als Vorstufe zur Sinnlichkeit.
Antwort auf Einwand 2: Die Sinnlichkeit wird gegen die höhere und niedere Vernunft abgeteilt, insofern sie mit ihnen den Akt der Bewegung gemeinsam hat: denn die Erkenntniskraft, zu der die höhere und niedere Vernunft gehören, ist eine bewegende Kraft; ebenso wie das Begehren, zu dem die Sinnlichkeit gehört.
Antwort auf Einwand 3: Die Schlange zeigte und schlug die Sünde nicht nur vor, sondern reizte auch zur Begehung der Sünde an. Und darin wird die Sinnlichkeit durch die Schlange bezeichnet.