I, q. 8 a. 1
Ob Gott in allen Dingen ist?
Quaestio 8 · Die Existenz Gottes in den Dingen
Einwand 1: Es scheint, dass Gott nicht in allen Dingen ist. Denn was über allen Dingen ist, ist nicht in allen Dingen. Gott aber ist über allem, gemäß dem Psalm (Ps 112,4): „Der Herr ist hoch über allen Völkern“ usw. Also ist Gott nicht in allen Dingen.
Einwand 2: Ferner, was in etwas ist, wird dadurch enthalten. Gott aber wird nicht von den Dingen enthalten, sondern vielmehr enthält Er sie. Also ist Gott nicht in den Dingen, sondern die Dinge sind vielmehr in Ihm. Daher sagt Augustinus (Octog. Tri. Quaest. qu. 20), dass „die Dinge vielmehr in Ihm sind, als dass Er an irgendeinem Ort ist.“
Einwand 3: Ferner, je mächtiger ein Wirkender ist, desto weitreichender ist seine Wirkung. Gott aber ist der mächtigste aller Wirkenden. Also kann sich seine Wirkung auf Dinge erstrecken, die weit von Ihm entfernt sind; und es ist nicht notwendig, dass Er in allen Dingen ist.
Einwand 4: Ferner, die Dämonen sind Wesen. Aber Gott ist nicht in den Dämonen; denn es gibt keine Gemeinschaft zwischen Licht und Finsternis (2 Kor 6,14). Also ist Gott nicht in allen Dingen.
Dagegen spricht: Ein Ding ist überall dort, wo es wirkt. Gott aber wirkt in allen Dingen, gemäß Jes 26,12: „Herr... du hast alle unsere Werke in [Vulg.: ‚für‘] uns gewirkt.“ Also ist Gott in allen Dingen.
Ich antworte darauf, dass Gott in allen Dingen ist; zwar nicht als Teil ihres Wesens oder als Akzidens, sondern wie ein Wirkender demjenigen gegenwärtig ist, worauf er einwirkt. Denn ein Wirkender muss mit dem verbunden sein, worin er unmittelbar wirkt, und es durch seine Kraft berühren; daher wird in Phys. VII bewiesen, dass das Bewegte und der Beweger verbunden sein müssen. Da nun Gott durch sein eigenes Wesen das Sein selbst ist, muss das geschaffene Sein seine eigentümliche Wirkung sein; wie das Entzünden die eigentümliche Wirkung des Feuers ist. Gott verursacht diese Wirkung in den Dingen nun nicht nur, wenn sie erstmals zu sein beginnen, sondern solange sie im Sein erhalten werden; wie das Licht in der Luft durch die Sonne verursacht wird, solange die Luft erleuchtet bleibt. Daher muss Gott, solange ein Ding Sein hat, diesem gegenwärtig sein, gemäß der Art, wie es Sein hat. Das Sein aber ist das Innerste in jedem Ding und das, was allen Dingen am tiefsten innewohnt, da es formal in Bezug auf alles ist, was in einem Ding gefunden wird, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [7], Artikel [1]). Daher muss es sein, dass Gott in allen Dingen ist, und zwar im Innersten.
Antwort auf Einwand 1: Gott ist über allen Dingen durch die Erhabenheit seiner Natur; dennoch ist Er in allen Dingen als Ursache des Seins aller Dinge, wie oben in diesem Artikel gezeigt wurde.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl von körperlichen Dingen gesagt wird, sie seien in einem anderen wie in dem, was sie enthält, enthalten dennoch geistige Dinge jene Dinge, in denen sie sind; wie die Seele den Körper enthält. Daher ist auch Gott in den Dingen, indem Er sie enthält; dennoch wird durch eine gewisse Ähnlichkeit zu körperlichen Dingen gesagt, dass alle Dinge in Gott sind, insofern sie von Ihm enthalten werden.
Antwort auf Einwand 3: Keine Handlung eines Wirkenden, wie mächtig er auch sei, wirkt in die Ferne, außer durch ein Medium. Aber es gehört zur großen Macht Gottes, dass Er unmittelbar in allen Dingen wirkt. Daher ist nichts fern von Ihm, als ob es ohne Gott in sich selbst sein könnte. Aber Dinge werden als fern von Gott bezeichnet durch die Unähnlichkeit zu Ihm in Natur oder Gnade; wie Er auch über allem ist durch die Erhabenheit seiner eigenen Natur.
Antwort auf Einwand 4: In den Dämonen ist ihre Natur, die von Gott ist, und auch die Entstellung der Sünde, die nicht von Ihm ist; daher ist nicht absolut zuzugeben, dass Gott in den Dämonen ist, außer mit dem Zusatz: „insofern sie Wesen sind.“ Aber bei Dingen, die in ihrer Natur nicht entstellt sind, müssen wir absolut sagen, dass Gott [in ihnen] ist.