I, q. 73 a. 1
Ob die Vollendung der göttlichen Werke dem siebten Tag zuzuschreiben ist?
Quaestio 73 · Von dem, was zum siebten Tag gehört.
Einwand 1: Es scheint, dass die Vollendung der göttlichen Werke nicht dem siebten Tag zugeschrieben werden sollte. Denn alles, was in dieser Welt geschieht, gehört zu den göttlichen Werken. Aber die Vollendung der Welt wird am Ende der Welt sein (Mt 13,39.40). Zudem ist die Zeit der Menschwerdung Christi eine Zeit der Vollendung, weshalb sie "die Fülle der Zeit" genannt wird (Gal 4,4). Und Christus selbst rief im Augenblick seines Todes aus: "Es ist vollbracht" (Joh 19,30). Daher gehört die Vollendung der göttlichen Werke nicht zum siebten Tag.
Einwand 2: Ferner ist die Vollendung eines Werkes ein Akt an sich. Wir lesen aber nicht, dass Gott am siebten Tag überhaupt handelte, sondern vielmehr, dass Er von all seinem Werk ruhte. Deshalb gehört die Vollendung der Werke nicht zum siebten Tag.
Einwand 3: Ferner wird nichts als vollendet bezeichnet, dem noch vieles hinzugefügt wird, es sei denn, es wäre bloß überflüssig; denn ein Ding wird vollkommen genannt, dem nichts fehlt, was es besitzen sollte. Aber viele Dinge wurden nach dem siebten Tag gemacht, wie die Hervorbringung vieler Einzelwesen und sogar gewisser neuer Arten, die häufig erscheinen, besonders im Fall von Tieren, die aus Fäulnis entstehen. Auch erschafft Gott täglich neue Seelen. Wiederum war das Werk der Menschwerdung ein neues Werk, von dem es heißt (Jer 31,22): "Der Herr hat ein Neues geschaffen auf Erden." Auch Wunder sind neue Werke, von denen es heißt (Sir 36,6): "Erneuere die Zeichen und wirke neue Wunder." Überdies werden alle Dinge neu gemacht werden, wenn die Heiligen verherrlicht werden, gemäß Offb 21,5: "Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu." Deshalb sollte die Vollendung der göttlichen Werke nicht dem siebten Tag zugeschrieben werden.
Dagegen spricht: Es heißt (Gen 2,2): "Am siebten Tag vollendete Gott sein Werk, das er gemacht hatte."
Ich antworte darauf: Die Vollkommenheit eines Dinges ist zweifach: die erste Vollkommenheit und die zweite Vollkommenheit. Die 'erste' Vollkommenheit ist jene, gemäß derer ein Ding substantiell vollkommen ist, und diese Vollkommenheit ist die Form des Ganzen; welche Form daraus resultiert, dass das Ganze seine Teile vollständig hat. Die 'zweite' Vollkommenheit aber ist das Ziel, welches entweder eine Tätigkeit ist, wie das Ziel des Harfenspielers das Harfenspielen ist; oder etwas, das durch eine Tätigkeit erreicht wird, wie das Ziel des Baumeisters das Haus ist, das er durch Bauen macht. Die erste Vollkommenheit aber ist die Ursache der zweiten, weil die Form das Prinzip der Tätigkeit ist. Nun ist die endgültige Vollkommenheit, welche das Ziel des ganzen Universums ist, die vollkommene Glückseligkeit der Heiligen bei der Vollendung der Welt; und die erste Vollkommenheit ist die Vollständigkeit des Universums bei seiner ersten Gründung, und dies ist es, was dem siebten Tag zugeschrieben wird.
Antwort auf Einwand 1: Die erste Vollkommenheit ist die Ursache der zweiten, wie oben gesagt. Nun sind zur Erlangung der Glückseligkeit zwei Dinge erforderlich: Natur und Gnade. Daher wird, wie oben gesagt, die Vollkommenheit der Glückseligkeit am Ende der Welt sein. Aber diese Vollendung existierte zuvor in ihren Ursachen: was die Natur betrifft, bei der ersten Gründung der Welt; was die Gnade betrifft, in der Menschwerdung Christi. Denn: "Gnade und Wahrheit sind durch Jesus Christus geworden" (Joh 1,17). So war also am siebten Tag die Vollendung der Natur, in der Menschwerdung Christi die Vollendung der Gnade, und am Ende der Welt wird die Vollendung der Herrlichkeit sein.
Antwort auf Einwand 2: Gott handelte tatsächlich am siebten Tag, nicht indem Er neue Geschöpfe erschuf, sondern indem Er seine Geschöpfe zu dem ihnen eigenen Werk lenkte und bewegte, und so machte Er einen gewissen Anfang der "zweiten" Vollkommenheit. So dass gemäß unserer Version der Schrift die Vollendung der Werke dem siebten Tag zugeschrieben wird, obwohl sie gemäß einer anderen dem sechsten zugeordnet wird. Beide Versionen können jedoch bestehen, da die Vollendung des Universums hinsichtlich der Vollständigkeit seiner Teile zum sechsten Tag gehört, seine Vollendung aber hinsichtlich ihrer Tätigkeit zum siebten. Es kann auch hinzugefügt werden, dass bei einer kontinuierlichen Bewegung, solange noch irgendeine weitere Bewegung möglich ist, die Bewegung nicht als vollendet bezeichnet werden kann, bis sie zur Ruhe kommt; denn Ruhe bezeichnet die Vollendung der Bewegung. Nun hätte Gott viele andere Geschöpfe machen können außer denen, die Er in den sechs Tagen machte, und daher wird gesagt, dass Er an jenem Tag sein Werk vollendete, durch die Tatsache, dass Er am siebten Tag aufhörte, sie zu machen.
Antwort auf Einwand 3: Nichts gänzlich Neues wurde danach von Gott gemacht, sondern alle Dinge, die später gemacht wurden, waren in gewissem Sinne zuvor im Werk der sechs Tage gemacht worden. Einige Dinge hatten tatsächlich ein vorheriges Dasein dem Stoff nach, wie die Rippe aus der Seite Adams, aus der Gott Eva bildete; während andere nicht nur im Stoff, sondern auch in ihren Ursachen existierten, wie jene einzelnen Geschöpfe, die jetzt gezeugt werden, in den ersten ihrer Art existierten. Auch Arten, die neu sind, falls solche erscheinen, existierten im Vorhinein in verschiedenen Wirkkräften; so dass Tiere, und vielleicht sogar neue Tierarten, durch Fäulnis hervorgebracht werden durch die Kraft, welche die Sterne und Elemente am Anfang empfingen. Wiederum entstehen gelegentlich Tiere neuer Arten aus der Verbindung von Individuen, die verschiedenen Arten angehören, wie das Maultier der Nachkomme eines Esels und einer Stute ist; aber selbst diese existierten zuvor in ihren Ursachen, in den Werken der sechs Tage. Einige existierten auch im Vorhinein im Sinne der Ähnlichkeit, wie die jetzt erschaffenen Seelen. Und das Werk der Menschwerdung selbst war so vorausgeschattet, denn wie wir lesen (Phil 2,7): Der Sohn Gottes "ist den Menschen gleich geworden". Und wiederum wurde die Herrlichkeit, die geistig ist, in den Engeln im Sinne der Ähnlichkeit vorweggenommen; und jene des Leibes im Himmel, besonders im Empyreum. Daher steht geschrieben (Koh 1,10): "Nichts unter der Sonne ist neu, denn es ist schon dagewesen in den Zeiten, die vor uns waren."