I, q. 73 a. 2
Ob Gott am siebten Tag von all seinem Werk ruhte?
Quaestio 73 · Von dem, was zum siebten Tag gehört.
Einwand 1: Es scheint, dass Gott am siebten Tag nicht von all seinem Werk ruhte. Denn es heißt (Joh 5,17): "Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke." Gott ruhte also am siebten Tag nicht von all seinem Werk.
Einwand 2: Ferner ist Ruhe der Bewegung entgegengesetzt oder der Arbeit, welche die Bewegung verursacht. Da Gott aber sein Werk ohne Bewegung und ohne Arbeit hervorbrachte, kann nicht gesagt werden, dass Er am siebten Tag von seinem Werk ruhte.
Einwand 3: Ferner, sollte man sagen, dass Gott am siebten Tag ruhte, indem Er den Menschen ruhen ließ; dagegen lässt sich argumentieren, dass Ruhe im Gegensatz zu seinem Werk gesetzt wird; nun können die Worte "Gott schuf" oder "machte" dieses oder jenes Ding nicht so erklärt werden, dass Er den Menschen diese Dinge erschaffen oder machen ließ. Deshalb kann das Ruhen Gottes nicht als sein Ruhenlassen des Menschen erklärt werden.
Dagegen spricht: Es heißt (Gen 2,2): "Gott ruhte am siebten Tag von allem Werk, das er getan hatte."
Ich antworte darauf: Ruhe ist eigentlich der Bewegung entgegengesetzt und folglich der Arbeit, die aus der Bewegung entsteht. Aber obwohl Bewegung streng genommen eine Eigenschaft von Körpern ist, wird das Wort doch auch auf geistige Dinge angewendet, und zwar in zweifachem Sinne. Einerseits kann jede Tätigkeit eine Bewegung genannt werden, und so wird gesagt, dass die göttliche Güte sich bewegt und zu ihrem Gegenstand ausgeht, indem sie sich diesem Gegenstand mitteilt, wie Dionysius sagt (Div. Nom. ii). Andererseits wird gesagt, dass das Begehren, das zu einem Gegenstand außerhalb seiner selbst tendiert, sich auf diesen zubewegt. Daher wird Ruhe in zwei Sinnen verstanden: im einen Sinne als Aufhören der Arbeit, im anderen als Befriedigung des Begehrens. Nun wird in beiden Sinnen gesagt, dass Gott am siebten Tag ruhte. Erstens, weil Er an jenem Tag aufhörte, neue Geschöpfe zu erschaffen, denn, wie oben gesagt (Artikel [1], ad 3), machte Er danach nichts, was nicht zuvor in irgendeinem Grad in den ersten Werken existiert hätte; zweitens, weil Er selbst der Dinge nicht bedurfte, die Er gemacht hatte, sondern glückselig war im Genuss seiner selbst. Daher wird, als alle Dinge gemacht waren, nicht gesagt, dass Er "in" seinen Werken ruhte, als ob Er ihrer zu seiner eigenen Glückseligkeit bedürfte, sondern dass Er "von" ihnen ruhte, da Er tatsächlich in sich selbst ruhte, da Er sich selbst genügt und sein eigenes Begehren erfüllt. Und obwohl Er von aller Ewigkeit her in sich selbst ruhte, ist doch die Ruhe in sich selbst, die Er nahm, nachdem Er seine Werke vollendet hatte, jene Ruhe, die zum siebten Tag gehört. Und dies, sagt Augustinus, ist die Bedeutung von Gottes Ruhen von seinen Werken an jenem Tag (Gen. ad lit. iv).
Antwort auf Einwand 1: Gott "wirkt" tatsächlich "bis jetzt", indem Er die Geschöpfe, die Er gemacht hat, erhält und für sie sorgt, aber nicht durch das Machen neuer.
Antwort auf Einwand 2: Ruhe ist hier nicht der Arbeit oder der Bewegung entgegengesetzt, sondern der Hervorbringung neuer Geschöpfe und dem Begehren, das zu einem äußeren Gegenstand tendiert.
Antwort auf Einwand 3: Ebenso wie Gott in sich allein ruht und im Genuss seiner selbst glückselig ist, so liegt unsere eigene einzige Glückseligkeit im Genuss Gottes. So lässt Er auch uns in sich selbst Ruhe finden, sowohl von seinen Werken als auch von unseren eigenen. Es ist also nicht unvernünftig zu sagen, dass Gott ruhte, indem Er uns Ruhe gab. Dennoch darf diese Erklärung nicht als die einzige festgesetzt werden, und die andere ist die erste und vornehmste Erklärung.