I, q. 70 a. 3
Ob die Lichter des Himmels Lebewesen sind?
Quaestio 70 · Vom Werk der Ausschmückung hinsichtlich des vierten Tages
Einwand 1: Es scheint, dass die Lichter des Himmels Lebewesen sind. Denn je edler ein Körper ist, desto edler sollte er geschmückt sein. Aber ein Körper, der weniger edel ist als der Himmel, ist mit Lebewesen geschmückt, mit Fischen, Vögeln und den Tieren des Feldes. Daher sollten die Lichter des Himmels, da sie zu seinem Schmuck gehören, auch Lebewesen sein.
Einwand 2: Ferner, je edler ein Körper ist, desto edler muss seine Form sein. Aber Sonne, Mond und Sterne sind edlere Körper als Pflanzen oder Tiere und müssen daher edlere Formen haben. Nun ist die edelste aller Formen die Seele, da sie das erste Prinzip des Lebens ist. Daher sagt Augustinus (De Vera Relig. xxix): „Jede lebende Substanz steht in der Ordnung der Natur höher als eine, die kein Leben hat.“ Die Lichter des Himmels sind daher Lebewesen.
Einwand 3: Ferner ist eine Ursache edler als ihre Wirkung. Aber Sonne, Mond und Sterne sind eine Ursache des Lebens, wie besonders im Fall von Tieren ersichtlich ist, die aus Fäulnis entstehen und Leben durch die Kraft der Sonne und der Sterne empfangen. Viel mehr also haben die Himmelskörper eine lebendige Seele.
Einwand 4: Ferner sind die Bewegung des Himmels und der Himmelskörper natürlich (De Coel. i, text. 7,8): und natürliche Bewegung kommt von einem inneren Prinzip. Nun ist das Prinzip der Bewegung in den Himmelskörpern eine Substanz, die der Erkenntnis fähig ist, und sie wird bewegt, wie der Begehrende vom begehrten Objekt bewegt wird (Metaph. xii, text. 36). Daher ist das erkennende Prinzip den Himmelskörpern anscheinend innerlich: und folglich sind sie Lebewesen.
Einwand 5: Ferner ist der Himmel das erste der beweglichen Dinge. Nun bewegt sich von allen Dingen, die mit Bewegung begabt sind, das erste selbst, wie in Phys. viii, text. 34 bewiesen wird, weil das, was von sich aus so ist, dem vorausgeht, was durch ein anderes ist. Aber nur Wesen, die leben, bewegen sich selbst, wie im selben Buch (text. 27) gezeigt wird. Daher sind die Himmelskörper Lebewesen.
Dagegen spricht, dass Damascenus sagt (De Fide Orth. ii): „Niemand halte die Himmel oder die Himmelskörper für lebendige Dinge, denn sie haben weder Leben noch Sinn.“
Ich antworte darauf, dass Philosophen in dieser Frage unterschiedlicher Meinung waren. Anaxagoras zum Beispiel, wie Augustinus erwähnt (De Civ. Dei xviii, 41), „wurde von den Athenern verurteilt, weil er lehrte, die Sonne sei eine feurige Steinmasse und weder ein Gott noch auch nur ein Lebewesen.“ Andererseits nahmen die Platoniker an, dass die Himmelskörper Leben haben. Auch unter den Lehrern der Kirche herrschte nicht weniger Meinungsverschiedenheit. Es war der Glaube von Origenes (Peri Archon i) und Hieronymus, dass diese Körper lebendig seien, und letzterer scheint in diesem Sinne die Worte (Pred 1,6) zu erklären: „Der Geist geht vorwärts und betrachtet alle Orte ringsum.“ Aber Basilius (Hom. iii, vi in Hexaem.) und Damascenus (De Fide Orth. ii) behaupten, dass die Himmelskörper unbelebt sind. Augustinus lässt die Angelegenheit im Zweifel, ohne sich auf eine der beiden Theorien festzulegen, obwohl er so weit geht zu sagen, dass, wenn die Himmelskörper wirklich Lebewesen sind, ihre Seelen der engelgleichen Natur verwandt sein müssen (Gen. ad lit. ii, 18; Enchiridion lviii).
Bei der Prüfung der Wahrheit dieser Frage, wo eine solche Meinungsverschiedenheit besteht, tun wir gut daran zu bedenken, dass die Vereinigung von Seele und Körper um der Seele willen existiert und nicht um des Körpers willen; denn die Form existiert nicht für die Materie, sondern die Materie für die Form. Nun werden die Natur und Kraft der Seele durch ihre Tätigkeit erfasst, welche bis zu einem gewissen Grad ihr Ziel ist. Doch für einige dieser Tätigkeiten, wie Empfindung und Ernährung, ist unser Körper ein notwendiges Instrument. Daher ist es klar, dass die sinnliche und die vegetative Seele mit einem Körper vereinigt sein müssen, um ihre Funktionen auszuüben. Es gibt jedoch Tätigkeiten der Seele, die nicht durch das Medium des Körpers ausgeübt werden, obwohl der Körper gleichsam zu ihrer Hervorbringung dient. Der Intellekt zum Beispiel bedient sich der Phantasmen, die von den körperlichen Sinnen stammen, und ist insofern vom Körper abhängig, obwohl er fähig ist, getrennt von ihm zu existieren. Es ist jedoch nicht möglich, dass die Funktionen der Ernährung, des Wachstums und der Zeugung, durch welche die vegetative Seele wirkt, von den Himmelskörpern ausgeübt werden, denn solche Tätigkeiten sind unvereinbar mit einem von Natur aus unvergänglichen Körper. Ebenso unmöglich ist es, dass die Funktionen der sinnlichen Seele dem Himmelskörper zukommen, da alle Sinne vom Tastsinn abhängen, der elementare Qualitäten wahrnimmt, und alle Sinnesorgane eine gewisse Proportion in der Mischung der Elemente erfordern, wohingegen die Natur der Himmelskörper nicht elementar ist. Daraus folgt dann, dass von den Tätigkeiten der Seele die einzigen, die den Himmelskörpern zugeschrieben werden können, jene des Verstehens und Bewegens sind; denn das Begehren folgt sowohl der sinnlichen als auch der intellektuellen Wahrnehmung und steht im Verhältnis dazu. Aber die Tätigkeiten des Intellekts, der nicht durch den Körper wirkt, benötigen keinen Körper als ihr Instrument, außer um Phantasmen durch die Sinne zu liefern. Überdies können die Tätigkeiten der sinnlichen Seele, wie wir gesehen haben, den Himmelskörpern nicht zugeschrieben werden. Dementsprechend kann die Vereinigung einer Seele mit einem Himmelskörper nicht zum Zweck der Tätigkeiten des Intellekts sein. Es bleibt dann nur zu betrachten, ob die Bewegung der Himmelskörper eine Seele als bewegende Kraft erfordert, nicht dass die Seele, um den Himmelskörper zu bewegen, mit letzterem als seine Form vereinigt sein muss; sondern durch Kontakt der Kraft, wie ein Beweger mit dem vereinigt ist, was er bewegt. Weshalb Aristoteles (Phys. viii, text. 42,43), nachdem er gezeigt hat, dass der erste Beweger aus zwei Teilen besteht, dem Bewegenden und dem Bewegten, fortfährt, die Natur der Vereinigung zwischen diesen beiden Teilen zu zeigen. Dies, sagt er, wird durch Kontakt bewirkt, der gegenseitig ist, wenn beide Körper sind; seitens nur eines, wenn einer ein Körper ist und der andere nicht. Die Platoniker erklären die Vereinigung von Seele und Körper auf die gleiche Weise, als einen Kontakt einer bewegenden Kraft mit dem bewegten Objekt, und da Plato annimmt, die Himmelskörper seien Lebewesen, bedeutet dies nichts anderes, als dass Substanzen geistiger Natur mit ihnen vereinigt sind und als ihre bewegende Kraft wirken. Ein Beweis dafür, dass die Himmelskörper durch den direkten Einfluss und Kontakt irgendeiner geistigen Substanz bewegt werden, und nicht, wie Körper von spezifischem Gewicht, durch die Natur, liegt in der Tatsache, dass, während die Natur auf ein festes Ziel hin bewegt, nach dessen Erreichung sie ruht, dies in der Bewegung der Himmelskörper nicht erscheint. Daraus folgt, dass sie von irgendwelchen intellektuellen Substanzen bewegt werden. Augustinus scheint derselben Meinung zu sein, wenn er seinen Glauben ausdrückt, dass alle körperlichen Dinge von Gott durch den Geist des Lebens regiert werden (De Trin. iii, 4).
Aus dem Gesagten ist also klar, dass die Himmelskörper nicht im gleichen Sinne Lebewesen sind wie Pflanzen und Tiere, und dass, wenn sie so genannt werden, dies nur äquivok geschehen kann. Man wird auch sehen, dass der Meinungsunterschied zwischen jenen, die bejahen, und jenen, die verneinen, dass diese Körper Leben haben, kein Unterschied der Sachen, sondern der Worte ist.
Antwort auf Einwand 1: Gewisse Dinge gehören zum Schmuck des Universums aufgrund ihrer eigenen Bewegung; und auf diese Weise stimmen die himmlischen Leuchtkörper mit anderen überein, die zu diesem Schmuck beitragen, denn sie werden von einer lebendigen Substanz bewegt.
Antwort auf Einwand 2: Ein Wesen kann absolut edler sein als ein anderes, aber nicht in einer bestimmten Hinsicht. Während also nicht zugestanden wird, dass die Seelen der Himmelskörper absolut edler sind als die Seelen der Tiere, muss zugestanden werden, dass sie ihnen im Hinblick auf ihre jeweiligen Formen überlegen sind, da ihre Form ihre Materie gänzlich vervollkommnet, welche nicht in Potenz zu anderen Formen ist; wohingegen eine Seele dies nicht tut. Auch was die Bewegung betrifft, ist die Kraft, die die Himmelskörper bewegt, von edlerer Art.
Antwort auf Einwand 3: Da der Himmelskörper ein bewegter Beweger ist, hat er die Natur eines Instruments, welches kraft des Agens wirkt: und daher, da dieses Agens eine lebendige Substanz ist, kann der Himmelskörper kraft jenes Agens Leben verleihen.
Antwort auf Einwand 4: Die Bewegungen der Himmelskörper sind natürlich, nicht wegen ihres aktiven Prinzips, sondern wegen ihres passiven Prinzips; das heißt, aufgrund einer gewissen natürlichen Eignung, von einer intelligenten Kraft bewegt zu werden.
Antwort auf Einwand 5: Der Himmel wird insofern gesagt, sich selbst zu bewegen, als er aus Beweger und Bewegtem zusammengesetzt ist; nicht durch die Vereinigung des Bewegers, als der Form, mit dem Bewegten, als der Materie, sondern durch Kontakt mit der bewegenden Kraft, wie wir gesagt haben. Insofern also kann das Prinzip, das ihn bewegt, innerlich genannt werden, und folglich seine Bewegung natürlich in Bezug auf jenes aktive Prinzip; so wie wir sagen, dass die willkürliche Bewegung dem Tier als Tier natürlich ist (Phys. viii, text. 27).