I, q. 70 a. 1
Ob die Lichter am vierten Tag hätten hervorgebracht werden sollen?
Quaestio 70 · Vom Werk der Ausschmückung hinsichtlich des vierten Tages
Einwand 1: Es scheint, dass die Lichter nicht am vierten Tag hätten hervorgebracht werden sollen. Denn die himmlischen Leuchtkörper sind von Natur aus unvergängliche Körper: weshalb ihre Materie nicht ohne ihre Form existieren kann. Da aber ihre Materie im Werk der Schöpfung hervorgebracht wurde, bevor es irgendeinen Tag gab, so waren es auch ihre Formen. Daraus folgt, dass die Lichter nicht am vierten Tag hervorgebracht wurden.
Einwand 2: Ferner sind die Leuchtkörper gleichsam Gefäße des Lichts. Aber das Licht wurde am ersten Tag gemacht. Die Leuchtkörper hätten daher am ersten Tag gemacht werden sollen, nicht am vierten.
Einwand 3: Ferner sind die Lichter am Firmament befestigt, wie Pflanzen in der Erde befestigt sind. Denn die Schrift sagt: „Er setzte sie an das Firmament.“ Pflanzen werden aber als hervorgebracht beschrieben, als die Erde, an der sie haften, ihre Form empfing. Die Lichter hätten daher zur gleichen Zeit wie das Firmament hervorgebracht werden sollen, das heißt am zweiten Tag.
Einwand 4: Ferner sind Pflanzen eine Wirkung der Sonne, des Mondes und anderer Himmelskörper. Nun geht die Ursache der Wirkung in der Ordnung der Natur voraus. Die Lichter hätten daher nicht am vierten Tag, sondern am dritten Tag hervorgebracht werden sollen.
Einwand 5: Ferner gibt es, wie die Astronomen sagen, viele Sterne, die größer sind als der Mond. Daher werden Sonne und Mond allein nicht korrekt als die „zwei großen Lichter“ beschrieben.
Dagegen spricht die Autorität der Schrift.
Ich antworte darauf, dass die Schrift bei der Zusammenfassung der göttlichen Werke sagt (Gen 2,1): „So wurden vollendet Himmel und Erde und ihr ganzer Schmuck“, und damit andeutet, dass das Werk dreifach war. Im ersten Werk, dem der „Schöpfung“, wurden Himmel und Erde hervorgebracht, aber noch ohne Form. Im zweiten, dem Werk der „Unterscheidung“, wurden Himmel und Erde vollendet, entweder durch Hinzufügung der substantiellen Form zur formlosen Materie, wie Augustinus annimmt (Gen. ad lit. ii, 11), oder indem ihnen die Ordnung und Schönheit gegeben wurde, die ihnen gebührt, wie andere heilige Schriftsteller vermuten. Zu diesen beiden Werken kommt das Werk des Schmuckes hinzu, das sich von der Vollendung unterscheidet. Denn die Vollendung von Himmel und Erde betrifft anscheinend jene Dinge, die ihnen innerlich zugehören, der Schmuck aber jene, die äußerlich sind, so wie die Vollendung eines Menschen in seinen eigenen Teilen und Formen liegt, sein Schmuck aber in Kleidung oder dergleichen. Wie nun die Unterscheidung gewisser Dinge am deutlichsten durch ihre örtliche Bewegung wird, da sie das eine vom anderen trennt, so wird das Werk des Schmuckes durch die Hervorbringung von Dingen dargelegt, die Bewegung am Himmel und auf der Erde haben. Es wurde aber oben dargelegt (Frage [69], Artikel [1]), dass drei Dinge als erschaffen berichtet werden, nämlich der Himmel, das Wasser und die Erde; und diese drei empfingen ihre Form durch das dreitägige Werk der Unterscheidung, so dass der Himmel am ersten Tag geformt wurde; am zweiten Tag wurden die Wasser getrennt; und am dritten Tag wurde die Erde in Meer und trockenes Land geschieden. So verhält es sich auch beim Werk des Schmuckes; am ersten Tag dieses Werkes, welches der vierte der Schöpfung ist, werden die Lichter hervorgebracht, um den Himmel durch ihre Bewegungen zu schmücken; am zweiten Tag, welcher der fünfte ist, werden Vögel und Fische ins Dasein gerufen, um das mittlere Element zu verschönern, denn sie bewegen sich in Luft und Wasser, die hier als eins genommen werden; während am dritten Tag, welcher der sechste ist, die Tiere hervorgebracht werden, um sich auf der Erde zu bewegen und sie zu schmücken. Es muss hier auch angemerkt werden, dass Augustinus' Meinung (Gen. ad lit. v, 5) über die Hervorbringung der Lichter nicht im Widerspruch zu der anderer heiliger Schriftsteller steht, da er sagt, dass sie aktuell und nicht bloß virtuell gemacht wurden, denn das Firmament hat nicht die Kraft, Lichter hervorzubringen, wie die Erde die Kraft hat, Pflanzen hervorzubringen. Weshalb die Schrift nicht sagt: „Das Firmament bringe Lichter hervor“, obwohl sie sagt: „Die Erde bringe grünes Kraut hervor.“
Antwort auf Einwand 1: Nach Augustinus' Meinung gibt es hier keine Schwierigkeit; denn er nimmt keine zeitliche Aufeinanderfolge in diesen Werken an, und so gab es keine Notwendigkeit, dass die Materie der Lichter unter einer anderen Form existierte. Auch gibt es keine Schwierigkeit nach der Meinung jener, die annehmen, die Himmelskörper seien von der Natur der vier Elemente, denn man kann sagen, dass sie aus bereits existierender Materie geformt wurden, wie Tiere und Pflanzen geformt wurden. Für jene jedoch, die annehmen, die Himmelskörper seien von anderer Natur als die Elemente und von Natur aus unvergängliche, muss die Antwort lauten, dass die Lichter der Substanz nach am Anfang erschaffen wurden, dass aber ihre Substanz, anfangs formlos, an diesem Tag geformt wird, indem sie nicht ihre substantielle Form, sondern eine Bestimmung der Kraft empfängt. Was die Tatsache betrifft, dass die Lichter nicht als von Anfang an existierend erwähnt werden, sondern erst als am vierten Tag gemacht, so erklärt Chrysostomus (Hom. vi in Gen.) dies durch die Notwendigkeit, das Volk vor der Gefahr des Götzendienstes zu bewahren: da bewiesen wird, dass die Lichter keine Götter sind, durch die Tatsache, dass sie nicht von Anfang an waren.
Antwort auf Einwand 2: Es besteht keine Schwierigkeit, wenn wir Augustinus folgen und annehmen, das am ersten Tag gemachte Licht sei geistig, und das an diesem Tag gemachte sei körperlich. Wenn jedoch das am ersten Tag gemachte Licht als selbst körperlich verstanden wird, dann muss angenommen werden, dass es an jenem Tag bloß als Licht im Allgemeinen hervorgebracht wurde; und dass die Lichter am vierten Tag eine bestimmte Kraft empfingen, um bestimmte Wirkungen hervorzubringen. So beobachten wir, dass die Strahlen der Sonne eine Wirkung haben, jene des Mondes eine andere, und so weiter. Daher sagt Dionysius (Div. Nom. iv), wenn er von einer solchen Bestimmung der Kraft spricht, dass das Licht der Sonne, das zuvor ohne Form war, am vierten Tag geformt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Nach Ptolemäus sind die himmlischen Leuchtkörper nicht in den Sphären befestigt, sondern haben ihre eigene Bewegung, unterschieden von der Bewegung der Sphären. Weshalb Chrysostomus sagt (Hom. vi in Gen.), dass Er sie nicht deshalb an das Firmament gesetzt haben soll, weil Er sie dort unbeweglich befestigte, sondern weil Er ihnen gebot, dort zu sein, so wie Er den Menschen in das Paradies setzte, um dort zu sein. Nach der Meinung des Aristoteles jedoch sind die Sterne in ihren Bahnen befestigt und haben in Wirklichkeit keine andere Bewegung als die der Sphären; und doch nehmen unsere Sinne die Bewegung der Leuchtkörper wahr und nicht die der Sphären (De Coel. ii, text. 43). Aber Moses beschreibt das, was den Sinnen offensichtlich ist, aus Herablassung gegenüber der Unwissenheit des Volkes, wie wir bereits gesagt haben (Frage [67], Artikel [4]; Frage [68], Artikel [3]). Der Einwand fällt jedoch zu Boden, wenn wir das am zweiten Tag gemachte Firmament als von jenem natürlich unterschieden betrachten, in dem die Sterne platziert sind, auch wenn die Unterscheidung den Sinnen nicht offenbar ist, deren Zeugnis Moses folgt, wie oben dargelegt (De Coel. ii, text. 43). Denn obwohl den Sinnen nur ein Firmament erscheint, so wird, wenn wir ein höheres und ein niedrigeres Firmament zulassen, das niedrigere jenes sein, das am zweiten Tag gemacht wurde, und am vierten wurden die Sterne im höheren Firmament befestigt.
Antwort auf Einwand 4: Mit den Worten des Basilius (Hom. v in Hexaem.) wurde berichtet, dass Pflanzen vor Sonne und Mond hervorgebracht wurden, um Götzendienst zu verhindern, da jene, die glauben, die Himmelskörper seien Götter, annehmen, dass Pflanzen primär von diesen Körpern stammen. Obwohl, wie Chrysostomus anmerkt (Hom. vi in Gen.), Sonne, Mond und Sterne durch ihre Bewegungen am Werk der Hervorbringung mitwirken, wie der Landmann durch seine Arbeit mitwirkt.
Antwort auf Einwand 5: Wie Chrysostomus sagt, werden die zwei Lichter groß genannt, nicht so sehr im Hinblick auf ihre Abmessungen als auf ihren Einfluss und ihre Kraft. Denn obwohl die Sterne von größerer Masse sind als der Mond, ist doch der Einfluss des Mondes in dieser unteren Welt für die Sinne wahrnehmbarer. Überdies ist, was die Sinne betrifft, seine scheinbare Größe bedeutender.