I, q. 70 a. 2
Ob die für die Hervorbringung der Lichter angegebene Ursache vernünftig ist?
Quaestio 70 · Vom Werk der Ausschmückung hinsichtlich des vierten Tages
Einwand 1: Es scheint, dass die für die Hervorbringung der Lichter angegebene Ursache nicht vernünftig ist. Denn es heißt (Jer 10,2): „Fürchtet euch nicht vor den Zeichen des Himmels, die die Heiden fürchten.“ Daher wurden die himmlischen Lichter nicht gemacht, um Zeichen zu sein.
Einwand 2: Ferner wird das Zeichen von der Ursache unterschieden. Aber die Lichter sind die Ursache dessen, was auf der Erde geschieht. Daher sind sie keine Zeichen.
Einwand 3: Ferner begann die Unterscheidung von Jahreszeiten und Tagen ab dem ersten Tag. Daher wurden die Lichter nicht „für Zeiten und Tage und Jahre“ gemacht, das heißt, um sie zu unterscheiden.
Einwand 4: Ferner wird nichts um dessen willen gemacht, was geringer ist als es selbst, „da das Ziel besser ist als das Mittel“ (Topic. iii). Aber die Lichter sind edler als die Erde. Daher wurden sie nicht gemacht, „um sie zu erleuchten“.
Einwand 5: Ferner kann man vom Neumond nicht sagen, dass er „die Nacht beherrscht“. Aber so war er wahrscheinlich, als er zuerst gemacht wurde; denn die Menschen beginnen vom Neumond an zu zählen. Der Mond wurde daher nicht gemacht, „um die Nacht zu beherrschen“.
Dagegen spricht die Autorität der Schrift.
Ich antworte darauf, dass, wie wir oben gesagt haben (Frage [65], Artikel [2]), ein körperliches Geschöpf betrachtet werden kann als gemacht entweder um seines eigenen Aktes willen, oder für andere Geschöpfe, oder für das ganze Universum, oder für die Ehre Gottes. Von diesen Gründen wird von Moses nur jener berührt, der auf die Nützlichkeit dieser Dinge für den Menschen hinweist, um sein Volk vom Götzendienst abzubringen. Daher steht geschrieben (Dtn 4,19): „Damit du nicht etwa deine Augen zum Himmel erhebst und Sonne und Mond und alle Sterne des Himmels siehst und durch Irrtum verführt sie anbetest und ihnen dienst, die der Herr, dein Gott, zum Dienst aller Völker erschaffen hat.“ Nun erklärt er diesen Dienst am Anfang der Genesis als dreifach. Erstens dienen die Lichter dem Menschen in Bezug auf das Sehen, welches ihn in seinen Werken leitet und höchst nützlich für die Wahrnehmung von Objekten ist. In Bezug darauf sagt er: „Sie sollen am Firmament leuchten und der Erde Leben geben.“ Zweitens in Bezug auf den Wechsel der Jahreszeiten, welche Überdruss verhindern, die Gesundheit bewahren und für die Notwendigkeiten der Nahrung sorgen; all diese Dinge könnten nicht gesichert werden, wenn es immer Sommer oder Winter wäre. In Bezug darauf sagt er: „Sie sollen für Zeiten sein und für Tage und Jahre.“ Drittens in Bezug auf die Erleichterung von Geschäft und Arbeit, insofern die Lichter am Himmel gesetzt sind, um schönes oder schlechtes Wetter anzuzeigen, als günstig für verschiedene Beschäftigungen. Und in dieser Hinsicht sagt er: „Sie sollen für Zeichen sein.“
Antwort auf Einwand 1: Die Lichter am Himmel sind als Zeichen für Veränderungen gesetzt, die in körperlichen Geschöpfen bewirkt werden, aber nicht für jene Veränderungen, die vom freien Willen abhängen.
Antwort auf Einwand 2: Wir gelangen manchmal durch ihre sinnlich wahrnehmbaren Ursachen zur Kenntnis verborgener Wirkungen, und umgekehrt. Daher hindert nichts eine sinnlich wahrnehmbare Ursache daran, ein Zeichen zu sein. Aber er sagt „Zeichen“ statt „Ursachen“, um vor Götzendienst zu schützen.
Antwort auf Einwand 3: Die allgemeine Einteilung der Zeit in Tag und Nacht fand am ersten Tag statt, was die tägliche Bewegung betrifft, die dem ganzen Himmel gemeinsam ist und von der verstanden werden kann, dass sie an jenem ersten Tag begann. Aber die besonderen Unterscheidungen von Tagen und Jahreszeiten und Jahren, je nachdem ein Tag heißer ist als ein anderer, eine Jahreszeit als eine andere und ein Jahr als ein anderes, sind auf gewisse besondere Bewegungen der Sterne zurückzuführen: welche Bewegungen ihren Anfang am vierten Tag gehabt haben mögen.
Antwort auf Einwand 4: Das Licht wurde der Erde zum Dienst des Menschen gegeben, der aufgrund seiner Seele edler ist als die Himmelskörper. Noch ist es unwahr zu sagen, dass ein höheres Geschöpf um eines niedrigeren willen gemacht sein kann, betrachtet nicht in sich selbst, sondern als hingeordnet auf das Gut des Universums.
Antwort auf Einwand 5: Wenn der Mond in seiner Vollendung ist, geht er am Abend auf und am Morgen unter, und so beherrscht er die Nacht, und er wurde wahrscheinlich in seiner vollen Vollendung gemacht, wie auch Pflanzen, die Samen tragen, und wie auch Tiere und der Mensch selbst. Denn obwohl das Vollkommene durch natürliche Prozesse aus dem Unvollkommenen entwickelt wird, muss doch das Vollkommene schlechthin vor dem Unvollkommenen existieren. Augustinus jedoch (Gen. ad lit. ii) sagt dies nicht, denn er sagt, dass es nicht unpassend ist, dass Gott Dinge unvollkommen machte, die Er später vollendete.