I, q. 56 a. 1
Ob der Engel sich selbst erkennt?
Quaestio 56 · Von der Erkenntnis der Engel hinsichtlich der immateriellen Dinge
Einwand 1: Es scheint, dass der Engel sich selbst nicht erkennt. Denn Dionysius sagt (Coel. Hier. vi), dass „die Engel ihre eigenen Kräfte nicht kennen“. Wenn aber die Substanz erkannt wird, wird auch die Kraft erkannt. Also erkennt ein Engel sein eigenes Wesen nicht.
Einwand 2: Ferner ist der Engel eine einzelne Substanz, sonst würde er nicht handeln, da Handlungen einzelnen Subsistenzen zukommen. Aber nichts Einzelnes ist intelligibel. Da der Engel also nur intellektuelle Erkenntnis besitzt, kann kein Engel sich selbst erkennen.
Einwand 3: Ferner wird der Intellekt vom intelligiblen Gegenstand bewegt: denn wie in De Anima iii, 4 gesagt wird, ist das Verstehen eine Art Erleiden. Aber nichts wird von sich selbst bewegt oder erleidet etwas von sich selbst; wie bei den körperlichen Dingen ersichtlich ist. Also kann der Engel sich selbst nicht verstehen.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (Gen. ad lit. ii), dass „der Engel sich selbst erkannte, als er erschaffen wurde, das heißt, von der Wahrheit erleuchtet wurde.“
Ich antworte darauf, dass, wie aus dem zuvor Gesagten ersichtlich ist (Quaestio [14], Artikel [2]; Quaestio [54], Artikel [2]), der Gegenstand bei einer immanenten und bei einer transitiven Handlung eine unterschiedliche Stellung einnimmt. Bei einer transitiven Handlung ist der Gegenstand oder die Materie, worauf die Handlung übergeht, etwas vom Handelnden Getrenntes, wie das Erhitzte von dem, was die Hitze gab, und das Gebäude vom Baumeister; wohingegen bei einer immanenten Handlung, damit die Handlung vollzogen werde, der Gegenstand mit dem Handelnden vereint sein muss; so wie der sinnlich wahrnehmbare Gegenstand mit dem Sinn in Kontakt sein muss, damit der Sinn aktuell wahrnehme. Und der Gegenstand, der mit einem Vermögen vereint ist, verhält sich zu Handlungen dieser Art wie die Form, die das Prinzip des Handelns bei anderen Agentien ist: denn wie die Hitze das formale Prinzip des Erhitzens im Feuer ist, so ist die Spezies des gesehenen Dinges das formale Prinzip des Sehens für das Auge.
Es muss jedoch bedacht werden, dass dieses Bild des Gegenstandes manchmal nur potentiell im Erkenntnisvermögen existiert; und dann gibt es nur Erkenntnis der Möglichkeit nach (in potentia); und damit es aktuelle Erkenntnis gebe, ist es erforderlich, dass das Erkenntnisvermögen durch die Spezies in den Akt überführt werde. Wenn es aber die Spezies immer aktuell besitzt, kann es dadurch aktuelle Erkenntnis haben ohne irgendeine vorhergehende Veränderung oder Aufnahme. Daraus ist ersichtlich, dass es nicht zur Natur des Erkennenden als solchem gehört, vom Gegenstand bewegt zu werden, sondern nur als Erkennendem in Potenz. Damit nun die Form das Prinzip der Handlung sei, macht es keinen Unterschied, ob sie in etwas anderem inhäriert oder für sich selbst subsistiert; denn die Hitze würde nicht weniger Hitze abgeben, wenn sie für sich selbst subsistierte, als sie es tut, indem sie in etwas anderem inhäriert. So wird also, wenn es in der Ordnung der intelligiblen Wesen irgendeine subsistierende intelligible Form gibt, diese sich selbst verstehen. Und da ein Engel immateriell ist, ist er eine subsistierende Form; und folglich ist er aktuell intelligibel. Daher folgt, dass er sich selbst durch seine Form versteht, welche seine Substanz ist.
Antwort auf Einwand 1: Dies ist der Text der alten Übersetzung, welcher in der neuen verbessert ist und so lautet: „ferner erkannten sie“, das heißt die Engel, „ihre eigenen Kräfte“: stattdessen las die alte Übersetzung – „und ferner kennen sie ihre eigenen Kräfte nicht.“ Obwohl auch der Wortlaut der alten Übersetzung in dieser Hinsicht beibehalten werden könnte, dass die Engel ihre eigene Kraft nicht vollkommen erkennen; insofern sie aus der Ordnung der göttlichen Weisheit hervorgeht, welche für die Engel unbegreiflich ist.
Antwort auf Einwand 2: Wir haben keine Erkenntnis von einzelnen körperlichen Dingen, nicht wegen ihrer Besonderheit, sondern aufgrund der Materie, welche ihr Prinzip der Individuation ist. Dementsprechend, wenn es irgendwelche einzelnen Dinge gibt, die ohne Materie subsistieren, wie es die Engel sind, hindert nichts daran, dass sie aktuell intelligibel sind.
Antwort auf Einwand 3: Es kommt dem Intellekt zu, insofern er in Potenz ist, bewegt zu werden und zu erleiden. Daher geschieht dies nicht im engelhaften Intellekt, besonders was die Tatsache betrifft, dass er sich selbst versteht. Außerdem ist die Handlung des Intellekts nicht von derselben Natur wie die Handlung, die in körperlichen Dingen gefunden wird, welche in eine andere Materie übergeht.