I, q. 52 a. 2
Ob ein Engel zugleich an mehreren Orten sein kann?
Quaestio 52 · Von den Engeln im Verhältnis zum Ort
Einwand 1: Es scheint, dass ein Engel zugleich an mehreren Orten sein kann. Denn ein Engel ist nicht weniger mit Kraft begabt als die Seele. Die Seele aber ist zugleich an mehreren Orten, denn sie ist ganz in jedem Teil des Körpers, wie Augustinus sagt (De Trin. vi). Also kann ein Engel zugleich an mehreren Orten sein.
Einwand 2: Ferner ist ein Engel in dem Körper, den er annimmt; und da der Körper, den er annimmt, kontinuierlich ist, scheint es, dass er in jedem Teil desselben ist. Aber den verschiedenen Teilen entsprechen verschiedene Orte. Also ist der Engel zu einer Zeit an verschiedenen Orten.
Einwand 3: Ferner sagt Damascenus (De Fide Orth. ii), dass "wo der Engel wirkt, da ist er." Gelegentlich aber wirkt er zur gleichen Zeit an mehreren Orten, wie am Engel ersichtlich ist, der Sodom zerstörte (Gen 19,25). Also kann ein Engel zur gleichen Zeit an mehreren Orten sein.
Dagegen spricht, dass Damascenus sagt (De Fide Orth. ii): "Während die Engel im Himmel sind, sind sie nicht auf Erden."
Ich antworte darauf, dass die Macht und Natur eines Engels endlich sind, wohingegen die göttliche Macht und Wesenheit, welche die Universalursache aller Dinge ist, unendlich ist: folglich berührt Gott durch seine Macht alle Dinge und ist nicht bloß an einigen Orten anwesend, sondern überall. Da nun die Macht des Engels endlich ist, erstreckt sie sich nicht auf alle Dinge, sondern auf ein bestimmtes Ding. Denn was immer mit einer Macht verglichen wird, muss mit ihr als ein bestimmtes Ding verglichen werden. Da folglich alles Sein zur universalen Macht Gottes wie ein Ding verglichen wird, so wird ein partikulares Sein als eines zur Engelskraft verglichen. Daher folgt, da der Engel durch die Anwendung seiner Macht auf den Ort an einem Ort ist, dass er nicht überall ist, noch an mehreren Orten, sondern nur an einem Ort.
Einige jedoch haben sich in dieser Sache getäuscht. Denn manche, die nicht über die Reichweite ihrer Einbildungskraft hinausgehen konnten, nahmen an, die Unteilbarkeit des Engels sei wie die eines Punktes; folglich dachten sie, dass ein Engel nur an einem Ort sein könne, der ein Punkt ist. Aber sie wurden offensichtlich getäuscht, weil ein Punkt etwas Unteilbares ist, das jedoch eine Lage hat; wohingegen der Engel unteilbar ist und jenseits der Gattung von Quantität und Lage steht. Folglich gibt es keinen Anlass, in Bezug auf ihn einen hinsichtlich der Lage unteilbaren Ort zu bestimmen: jeder Ort, der entweder teilbar oder unteilbar, groß oder klein ist, genügt, je nachdem er aus seinem eigenen freien Willen seine Macht auf einen großen oder einen kleinen Körper anwendet. So entspricht der ganze Körper, auf den er durch seine Macht angewendet wird, für ihn einem Ort.
Auch wenn ein Engel die Himmel bewegt, ist es nicht notwendig, dass er überall ist. Erstens, weil seine Macht nur auf das angewendet wird, was zuerst von ihm bewegt wird. Nun gibt es einen Teil des Himmels, in dem die Bewegung zuerst stattfindet, nämlich den Teil im Osten: daher schreibt der Philosoph (Phys. vii, text 84) die Macht des himmlischen Bewegers dem Teil zu, der im Osten ist. Zweitens, weil die Philosophen nicht der Ansicht sind, dass eine getrennte Substanz alle Sphären unmittelbar bewegt. Daher muss sie nicht überall sein.
So ist also offensichtlich, dass das An-einem-Ort-Sein einem Körper, einem Engel und Gott auf ganz unterschiedliche Weise zukommt. Denn ein Körper ist auf umschriebene Weise (circumscriptive) an einem Ort, da er vom Ort gemessen wird. Ein Engel jedoch ist nicht auf umschriebene Weise dort, da er nicht vom Ort gemessen wird, sondern auf definitive Weise (definitive), weil er in der Weise an einem Ort ist, dass er nicht an einem anderen ist. Gott aber ist weder umschrieben noch definitiv dort, weil Er überall ist.
Daraus können wir leicht eine Antwort auf die Einwände entnehmen: weil das gesamte Subjekt, auf das die Engelskraft unmittelbar angewendet wird, als ein Ort erachtet wird, auch wenn es kontinuierlich ist.