I, q. 52 a. 1
Ob ein Engel an einem Ort ist?
Quaestio 52 · Von den Engeln im Verhältnis zum Ort
Einwand 1: Es scheint, dass ein Engel nicht an einem Ort ist. Denn Boethius sagt (De Hebdom.): "Die allgemeine Meinung der Gelehrten ist, dass unkörperliche Dinge nicht an einem Ort sind." Und wiederum bemerkt Aristoteles (Phys. iv, text 48,57), dass "nicht alles Existierende an einem Ort ist, sondern nur ein beweglicher Körper." Ein Engel aber ist kein Körper, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [50]). Also ist ein Engel nicht an einem Ort.
Einwand 2: Ferner ist der Ort eine "Quantität, die eine Lage hat". Aber alles, was an einem Ort ist, hat eine gewisse Lage. Eine Lage zu haben, kann jedoch einem Engel nicht zukommen, da seine Substanz frei von Quantität ist, deren eigentümliches Merkmal es ist, eine Lage zu haben. Also ist ein Engel nicht an einem Ort.
Einwand 3: Ferner heißt an einem Ort sein, von diesem Ort gemessen und umfangen zu werden, wie aus dem Philosophen hervorgeht (Phys. iv, text 14,119). Ein Engel aber kann weder von einem Ort gemessen noch umfangen werden, weil das Umfangende formeller ist als das Umfangene; wie die Luft im Verhältnis zum Wasser (Phys. iv, text 35,49). Also ist ein Engel nicht an einem Ort.
Dagegen spricht, dass es im Kollektengebet [*Komplet, Dominikanisches Brevier] heißt: "Lass deine heiligen Engel, die hier wohnen, uns im Frieden bewahren."
Ich antworte darauf, dass es einem Engel zukommt, an einem Ort zu sein; jedoch wird von einem Engel und einem Körper in ganz unterschiedlichem Sinne gesagt, sie seien an einem Ort. Ein Körper wird in der Weise an einem Ort seiend genannt, dass er diesem Ort gemäß der Berührung der dimensiven Quantität zugeordnet ist; eine solche Quantität aber gibt es bei den Engeln nicht, denn die ihrige ist eine virtuelle. Folglich wird von einem Engel gesagt, er sei an einem körperlichen Ort durch die Anwendung der Engelskraft in irgendeiner Weise auf irgendeinen Ort.
Dementsprechend ist es nicht notwendig zu sagen, dass ein Engel als dem Ort angemessen (kommensurabel) erachtet werden kann, oder dass er einen Raum im Kontinuum einnimmt; denn dies ist einem lokalisierten Körper eigen, der mit dimensiver Quantität begabt ist. In ähnlicher Weise ist es aus diesem Grund nicht notwendig, dass der Engel von einem Ort umfangen wird; denn eine unkörperliche Substanz enthält virtuell das Ding, mit dem sie in Berührung kommt, und wird nicht von ihm enthalten: denn die Seele ist im Körper als ihn enthaltend, nicht als von ihm enthalten. In gleicher Weise wird vom Engel gesagt, er sei an einem Ort, der körperlich ist, nicht als das enthaltene Ding, sondern als es irgendwie enthaltend.
Und hiermit haben wir die Antworten auf die Einwände.