I, q. 51 a. 3
Ob die Engel in den angenommenen Körpern Lebensverrichtungen ausüben?
Quaestio 51 · Von den Engeln im Verhältnis zu den Körpern
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel in angenommenen Körpern Lebensverrichtungen ausüben. Denn Verstellung ziemt Engeln der Wahrheit nicht. Aber es wäre Verstellung, wenn der von ihnen angenommene Körper, der zu leben und vitale Funktionen auszuüben scheint, diese Funktionen nicht besäße. Also üben die Engel Lebensverrichtungen im angenommenen Körper aus.
Einwand 2: Ferner ist in den Werken der Engel nichts ohne Zweck. Aber Augen, Nasenlöcher und die anderen Werkzeuge der Sinne wären in dem vom Engel angenommenen Körper ohne Zweck geformt, wenn er durch ihre Mittel nichts wahrnähme. Folglich nimmt der Engel durch den angenommenen Körper wahr; und dies ist die speziellste Funktion des Lebens.
Einwand 3: Ferner ist das Hin- und Herbewegen eine der Funktionen des Lebens, wie der Philosoph sagt (De Anima ii). Aber die Engel werden offensichtlich gesehen, wie sie sich in ihren angenommenen Körpern bewegen. Denn es wurde gesagt (Gen 18,16), dass „Abraham mit“ den Engeln „ging“, die ihm erschienen waren, „um sie auf den Weg zu bringen“; und als Tobias zum Engel sagte (Tob 5,7.8): „Kennst du den Weg, der zur Stadt der Meder führt?“, antwortete er: „Ich kenne ihn; und ich bin oft alle seine Wege gegangen.“ Also üben die Engel oft Lebensverrichtungen in angenommenen Körpern aus.
Einwand 4: Ferner ist Sprechen die Funktion eines lebenden Subjekts, denn es wird durch die Stimme erzeugt, während die Stimme selbst ein vom Mund hervorgebrachter Laut ist. Aber es ist aus vielen Stellen der Heiligen Schrift ersichtlich, dass Engel in angenommenen Körpern sprachen. Also üben sie in ihren angenommenen Körpern Lebensverrichtungen aus.
Einwand 5: Ferner ist Essen eine rein tierische Funktion. Daher aß der Herr nach seiner Auferstehung mit seinen Jüngern zum Beweis dafür, dass er das Leben wiederaufgenommen hatte (Lk 24). Nun aßen Engel, als sie in ihren angenommenen Körpern erschienen, und Abraham bot ihnen Speise an, nachdem er sie zuvor als Gott angebetet hatte (Gen 18). Also üben die Engel Lebensverrichtungen in angenommenen Körpern aus.
Einwand 6: Ferner ist das Zeugen von Nachkommen ein Lebensakt. Aber dies ist den Engeln in ihren angenommenen Körpern widerfahren; denn es wird berichtet: „Nachdem die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, sind dies die Mächtigen der Vorzeit, Männer von Ruhm“ (Gen 6,4). Folglich übten die Engel vitale Funktionen in ihren angenommenen Körpern aus.
Dagegen spricht, dass die von Engeln angenommenen Körper kein Leben haben, wie im vorhergehenden Artikel (ad 3) festgestellt wurde. Daher können sie keine Lebensverrichtungen durch angenommene Körper ausüben.
Ich antworte darauf, dass einige Funktionen lebender Subjekte etwas mit anderen Operationen gemeinsam haben; so wie das Sprechen, welches die Funktion eines lebenden Geschöpfes ist, mit anderen Lauten unbelebter Dinge übereinstimmt, insofern es Laut ist; und das Gehen stimmt mit anderen Bewegungen überein, insofern es Bewegung ist. Folglich können vitale Funktionen in angenommenen Körpern von den Engeln ausgeführt werden, was das betrifft, was in solchen Operationen gemeinsam ist; aber nicht, was das Spezielle für lebende Subjekte betrifft; denn gemäß dem Philosophen (De Somn. et Vig. i) „hat dasjenige die Handlung, welches das Vermögen hat“. Daher kann nichts eine Lebensfunktion haben, außer dem, was Leben hat, welches das potentielle Prinzip einer solchen Handlung ist.
Antwort auf Einwand 1: Wie es der Wahrheit in keiner Weise widerspricht, dass intelligible Dinge in der Schrift unter sinnlichen Bildern dargelegt werden, da dies nicht zu dem Zweck gesagt wird, um zu behaupten, dass intelligible Dinge sinnlich seien, sondern damit Eigenschaften intelligibler Dinge gemäß einer Ähnlichkeit durch sinnliche Bilder verstanden werden mögen; so widerspricht es nicht der Wahrheit der heiligen Engel, dass sie durch ihre angenommenen Körper als lebende Menschen erscheinen, obwohl sie es in Wirklichkeit nicht sind. Denn die Körper werden lediglich zu diesem Zweck angenommen, dass die geistigen Eigenschaften und Werke der Engel durch die Eigenschaften des Menschen und seiner Werke manifestiert werden mögen. Dies könnte nicht so passend geschehen, wenn sie wahre Menschen annehmen würden; weil die Eigenschaften solcher Menschen uns zu Menschen führen würden und nicht zu Engeln.
Antwort auf Einwand 2: Empfindung ist gänzlich eine Lebensfunktion. Folglich kann in keiner Weise gesagt werden, dass die Engel durch die Organe ihrer angenommenen Körper wahrnehmen. Doch sind solche Körper nicht vergeblich geformt; denn sie sind nicht zum Zweck der Empfindung durch sie geformt, sondern zu diesem Ende, dass durch solche körperlichen Organe die geistigen Kräfte der Engel manifestiert werden mögen; so wie durch das Auge die Kraft der Erkenntnis des Engels aufgezeigt wird, und andere Kräfte durch die anderen Glieder, wie Dionysius lehrt (Coel. Hier.).
Antwort auf Einwand 3: Bewegung, die von einem vereinten Beweger ausgeht, ist eine eigentliche Funktion des Lebens; aber die von den Engeln angenommenen Körper werden nicht so bewegt, da die Engel nicht ihre Formen sind. Doch werden die Engel akzidentell bewegt, wenn solche Körper bewegt werden, da sie in ihnen sind, wie Beweger im Bewegten sind; und sie sind hier auf eine solche Weise, dass sie nicht anderswo sind, was von Gott nicht gesagt werden kann. Dementsprechend, obwohl Gott nicht bewegt wird, wenn die Dinge bewegt werden, in denen Er existiert, da Er überall ist, werden doch die Engel akzidentell gemäß der Bewegung der angenommenen Körper bewegt. Aber sie werden nicht gemäß der Bewegung der Himmelskörper bewegt, auch wenn sie in ihnen wie die Beweger im bewegten Ding sind, weil die Himmelskörper nicht in ihrer Gesamtheit den Ort wechseln; noch gibt es für den Geist, der die Welt bewegt, irgendeinen festen Ort gemäß irgendeinem begrenzten Teil der Weltsubstanz, der nun im Osten und nun im Westen ist, sondern gemäß einer festen Himmelsrichtung; weil „die bewegende Kraft immer im Osten ist“, wie in Phys. viii, Text 84, dargelegt wird.
Antwort auf Einwand 4: Eigentlich gesprochen reden die Engel nicht durch ihre angenommenen Körper; doch gibt es einen Anschein von Rede, insofern sie Laute in der Luft formen, die menschlichen Stimmen gleichen.
Antwort auf Einwand 5: Eigentlich gesprochen kann von den Engeln nicht gesagt werden, dass sie essen, weil Essen die Aufnahme von Nahrung beinhaltet, die in die Substanz des Essenden umwandelbar ist.
Obwohl nach der Auferstehung die Nahrung nicht in die Substanz des Leibes Christi umgewandelt, sondern in präexistierende Materie aufgelöst wurde, hatte Christus dennoch einen Leib von solch wahrer Natur, dass Nahrung in ihn hätte verwandelt werden können; daher war es ein wahres Essen. Aber die von Engeln aufgenommene Nahrung wurde weder in den angenommenen Körper verwandelt, noch war der Körper von einer solchen Natur, dass Nahrung in ihn hätte verwandelt werden können; folglich war es kein wahres Essen, sondern ein bildhaftes für geistiges Essen. Dies ist es, was der Engel zu Tobias sagte: „Als ich bei euch war, schien ich zwar zu essen und zu trinken; aber ich gebrauche eine unsichtbare Speise und einen unsichtbaren Trank“ (Tob 12,19).
Abraham bot ihnen Speise an, da er sie für Menschen hielt, in denen er nichtsdestoweniger Gott anbetete, da Gott gewohnt ist, in den Propheten zu sein, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xvi).
Antwort auf Einwand 6: Wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xv): „Viele Personen bekräftigen, dass sie die Erfahrung gemacht haben oder von solchen gehört haben, die es erfahren haben, dass die Satyrn und Faune, die das gemeine Volk Incubi nennt, sich oft vor Frauen gezeigt haben und Verkehr mit ihnen gesucht und vollzogen haben. Daher ist es Torheit, dies zu leugnen. Aber Gottes heilige Engel konnten vor der Sintflut nicht auf solche Weise fallen. Daher sind unter den Söhnen Gottes die Söhne Seths zu verstehen, die gut waren; während die Schrift durch die Töchter der Menschen jene bezeichnet, die dem Geschlecht Kains entsprangen. Noch ist es zu verwundern, dass Riesen von ihnen geboren wurden; denn sie waren nicht alle Riesen, obgleich es vor der Sintflut viel mehr gab als danach.“ Doch wenn einige gelegentlich von Dämonen gezeugt werden, so geschieht dies nicht aus dem Samen solcher Dämonen, noch aus ihren angenommenen Körpern, sondern aus dem zu diesem Zweck genommenen Samen von Menschen; wie wenn der Dämon zuerst die Gestalt einer Frau annimmt und danach die eines Mannes; so wie sie den Samen anderer Dinge für andere Zeugungszwecke nehmen, wie Augustinus sagt (De Trin. iii), so dass die geborene Person nicht das Kind eines Dämons, sondern eines Mannes ist.