I, q. 51 a. 2
Ob Engel Körper annehmen?
Quaestio 51 · Von den Engeln im Verhältnis zu den Körpern
Einwand 1: Es scheint, dass Engel keine Körper annehmen. Denn es gibt nichts Überflüssiges im Werk eines Engels, wie es auch nichts dergleichen im Werk der Natur gibt. Aber es wäre überflüssig für die Engel, Körper anzunehmen, weil ein Engel keinen Bedarf für einen Körper hat, da seine eigene Kraft alle körperliche Kraft übersteigt. Also nimmt ein Engel keinen Körper an.
Einwand 2: Ferner endet jede Annahme in einer Vereinigung; denn annehmen impliziert ein Zu-sich-Nehmen [ad se sumere]. Aber ein Körper wird einem Engel nicht wie einer Form vereint, wie dargelegt (Artikel [1]); insofern er aber dem Engel wie einem Beweger vereint ist, wird er nicht als angenommen bezeichnet, sonst würde folgen, dass alle von Engeln bewegten Körper von ihnen angenommen sind. Also nehmen die Engel keine Körper an.
Einwand 3: Ferner nehmen Engel keine Körper von der Erde oder dem Wasser an, sonst könnten sie nicht plötzlich verschwinden; noch wiederum von Feuer, sonst würden sie verbrennen, was immer sie berührten; noch wiederum von Luft, weil Luft ohne Gestalt oder Farbe ist. Also nehmen die Engel keine Körper an.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Civ. Dei xvi), dass Engel dem Abraham unter angenommenen Körpern erschienen sind.
Ich antworte darauf, dass einige behauptet haben, die Engel würden niemals Körper annehmen, sondern alles, was wir in der Schrift über Erscheinungen von Engeln lesen, sei in prophetischer Schau geschehen – das heißt, gemäß der Einbildungskraft. Aber dies widerspricht der Absicht der Schrift; denn was immer in imaginärer Schau gesehen wird, ist nur in der Einbildungskraft des Sehenden, und folglich wird es nicht von jedermann gesehen. Doch die Heilige Schrift führt von Zeit zu Zeit Engel ein, die so sichtbar sind, dass sie allgemein von allen gesehen werden; so wie die Engel, die Abraham erschienen, von ihm und seiner ganzen Familie, von Lot und von den Bürgern von Sodom gesehen wurden; in gleicher Weise wurde der Engel, der Tobias erschien, von allen Anwesenden gesehen. Aus all dem wird klar gezeigt, dass solche Erscheinungen durch körperliche Sicht wahrgenommen wurden, wobei das gesehene Objekt außerhalb der Person existiert, die es betrachtet, und dementsprechend von allen gesehen werden kann. Nun kann durch eine solche Sicht nur ein Körper wahrgenommen werden. Da folglich die Engel keine Körper sind, noch Körper haben, die von Natur aus mit ihnen vereint sind, wie aus dem Gesagten klar ist (Artikel [1]; Quaestio [50], Artikel [1]), folgt daraus, dass sie bisweilen Körper annehmen.
Antwort auf Einwand 1: Engel bedürfen eines angenommenen Körpers nicht für sich selbst, sondern unseretwegen; damit sie durch den vertrauten Umgang mit Menschen Zeugnis von jener geistigen Gemeinschaft geben können, welche die Menschen im künftigen Leben mit ihnen zu haben erwarten. Überdies war die Tatsache, dass Engel unter dem Alten Gesetz Körper annahmen, ein bildhafter Hinweis darauf, dass das Wort Gottes einen menschlichen Körper annehmen würde; denn alle Erscheinungen im Alten Testament waren auf jene eine hingeordnet, durch welche der Sohn Gottes im Fleisch erschien.
Antwort auf Einwand 2: Der angenommene Körper ist dem Engel nicht als seine Form vereint, noch bloß als sein Beweger, sondern als sein Beweger, der durch den angenommenen beweglichen Körper dargestellt wird. Denn wie in der Heiligen Schrift die Eigenschaften intelligibler Dinge durch die Ähnlichkeiten sinnlicher Dinge dargelegt werden, so werden auf gleiche Weise durch göttliche Kraft sinnliche Körper von Engeln so geformt, dass sie passenderweise die intelligiblen Eigenschaften eines Engels darstellen. Und dies ist es, was wir meinen, wenn ein Engel einen Körper annimmt.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl Luft, solange sie in einem Zustand der Verdünnung ist, weder Gestalt noch Farbe hat, kann sie doch, wenn sie verdichtet wird, sowohl geformt als auch gefärbt werden, wie es in den Wolken erscheint. Ebenso nehmen die Engel Körper aus Luft an, indem sie diese durch die göttliche Kraft so weit verdichten, wie es zur Formung des angenommenen Körpers nötig ist.