I, q. 44 a. 4
Ob Gott die Zielursache aller Dinge ist?
Quaestio 44 · Der Hervorgang der Geschöpfe von Gott und die erste Ursache aller Dinge.
Einwand 1: Es scheint, dass Gott nicht die Zielursache aller Dinge ist. Denn um eines Zieles willen zu handeln, scheint ein Bedürfnis nach dem Ziel zu implizieren. Gott aber bedarf nichts. Daher geziemt es Ihm nicht, um eines Zieles willen zu handeln.
Einwand 2: Ferner können das Ziel der Zeugung und die Form des gezeugten Dinges und das Agens nicht identisch sein (Phys. ii, text 70), weil das Ziel der Zeugung die Form des gezeugten Dinges ist. Gott aber ist das erste Agens, das alle Dinge hervorbringt. Daher ist Er nicht die Zielursache aller Dinge.
Einwand 3: Ferner begehren alle Dinge ihr Ziel. Aber nicht alle Dinge begehren Gott, denn nicht alle kennen Ihn überhaupt. Daher ist Gott nicht das Ziel aller Dinge.
Einwand 4: Ferner ist die Zielursache die erste der Ursachen. Wenn daher Gott die Wirkursache und die Zielursache ist, folgt daraus, dass in Ihm ein Vorher und Nachher existieren; was unmöglich ist.
Dagegen spricht, dass es heißt (Spr 16,4): „Der Herr hat alles um Seiner selbst willen gemacht.“
Ich antworte darauf, dass jedes Agens um eines Zieles willen handelt: andernfalls würde aus der Handlung des Agens nicht mehr das eine als das andere folgen, es sei denn durch Zufall. Nun ist das Ziel des Agens und des Patiens, als solcher betrachtet, dasselbe, aber jeweils auf unterschiedliche Weise. Denn der Eindruck, den das Agens hervorzubringen beabsichtigt, und den das Patiens zu empfangen beabsichtigt, sind ein und dasselbe. Einige Dinge jedoch sind zugleich Agens und Patiens: dies sind unvollkommene Agentien, und diesen kommt es zu, selbst während des Handelns den Erwerb von etwas zu beabsichtigen. Aber dem Ersten Agens, der nur Agens ist, kommt es nicht zu, für den Erwerb irgendeines Zieles zu handeln; Er beabsichtigt nur, Seine Vollkommenheit mitzuteilen, welche Seine Güte ist; während jedes Geschöpf beabsichtigt, seine eigene Vollkommenheit zu erwerben, welche die Ähnlichkeit der göttlichen Vollkommenheit und Güte ist. Daher ist die göttliche Güte das Ziel aller Dinge.
Antwort auf Einwand 1: Aus Bedürfnis zu handeln kommt nur einem unvollkommenen Agens zu, das seiner Natur nach sowohl Agens als auch Patiens ist. Dies aber kommt Gott nicht zu, und daher ist Er allein der vollkommenste freigebige Geber, weil Er nicht zu Seinem eigenen Nutzen handelt, sondern nur für Seine eigene Güte.
Antwort auf Einwand 2: Die Form des gezeugten Dinges ist nicht das Ziel der Zeugung, außer insofern sie die Ähnlichkeit der Form des Erzeugers ist, der seine eigene Ähnlichkeit mitzuteilen beabsichtigt; andernfalls wäre die Form des gezeugten Dinges edler als der Erzeuger, da das Ziel edler ist als das Mittel zum Ziel.
Antwort auf Einwand 3: Alle Dinge begehren Gott als ihr Ziel, wenn sie irgendein gutes Ding begehren, sei dieses Begehren nun intellektuell oder sinnlich oder natürlich, d.h. ohne Erkenntnis; weil nichts gut und begehrenswert ist, außer insofern es an der Ähnlichkeit mit Gott teilhat.
Antwort auf Einwand 4: Da Gott die Wirk-, die Exemplar- und die Zielursache aller Dinge ist, und da die Urmaterie von Ihm ist, folgt, dass das erste Prinzip aller Dinge in der Realität eines ist. Aber dies hindert uns nicht daran, geistig viele Dinge in Ihm zu betrachten, von denen einige vor anderen in unseren Geist kommen.