I, q. 44 a. 2
Ob die Urmaterie von Gott erschaffen ist?
Quaestio 44 · Der Hervorgang der Geschöpfe von Gott und die erste Ursache aller Dinge.
Einwand 1: Es scheint, dass die Urmaterie nicht von Gott erschaffen ist. Denn alles, was gemacht wird, ist aus einem Subjekt und etwas anderem zusammengesetzt (Phys. i, text 62). Die Urmaterie aber hat kein Subjekt. Daher kann die Urmaterie nicht von Gott gemacht worden sein.
Einwand 2: Ferner sind Aktion und Passion entgegengesetzte Glieder einer Einteilung. Wie aber das erste aktive Prinzip Gott ist, so ist das erste passive Prinzip die Materie. Daher sind Gott und die Urmaterie zwei gegeneinander abgeteilte Prinzipien, von denen keines vom anderen ist.
Einwand 3: Ferner bringt jedes Agens seinesgleichen hervor, und da somit jedes Agens im Verhältnis zu seiner Aktualität wirkt, folgt daraus, dass alles Gemachte in irgendeinem Grad aktuell ist. Die Urmaterie aber ist, formal in sich selbst betrachtet, nur in Potenz. Daher ist es gegen die Natur der Urmaterie, ein gemachtes Ding zu sein.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Confess. xii, 7): „Zwei Dinge hast Du gemacht, o Herr; eines nahe bei Dir“ – nämlich die Engel – „das andere nahe beim Nichts“ – nämlich die Urmaterie.
Ich antworte darauf, dass die alten Philosophen allmählich und gleichsam schrittweise zur Erkenntnis der Wahrheit voranschritten. Zuerst, da sie gröberen Geistes waren, erkannten sie nicht, dass irgendwelche Seienden existierten außer den sinnlich wahrnehmbaren Körpern. Und jene unter ihnen, die Bewegung zuließen, betrachteten sie nicht außer in Bezug auf gewisse Akzidenzien, zum Beispiel in Bezug auf Verdünnung und Verdichtung, durch Vereinigung und Trennung. Und da sie annahmen, dass die körperliche Substanz selbst unerschaffen sei, wiesen sie diesen akzidentellen Veränderungen gewisse Ursachen zu, wie zum Beispiel Freundschaft, Streit, Intellekt oder etwas dergleichen. Ein Fortschritt wurde gemacht, als sie verstanden, dass es eine Unterscheidung zwischen der substantiellen Form und der Materie gibt, welch letztere sie sich als unerschaffen vorstellten, und als sie wahrnahmen, dass Umwandlung in Körpern in Bezug auf wesentliche Formen stattfindet. Solche Umwandlungen schrieben sie gewissen universalen Ursachen zu, wie dem schrägen Kreis [*dem Tierkreis], gemäß Aristoteles (De Gener. ii), oder den Ideen, gemäß Plato. Aber wir müssen in Betracht ziehen, dass die Materie durch ihre Form auf eine bestimmte Spezies hin kontrahiert wird, so wie eine Substanz, die zu einer gewissen Spezies gehört, durch ein hinzukommendes Akzidens auf eine bestimmte Weise des Seins kontrahiert wird; zum Beispiel der Mensch durch das Weißsein. Jede dieser Meinungen betrachtete daher das „Seiende“ unter irgendeinem besonderen Aspekt, entweder als „dieses“ oder als „ein solches“; und so wiesen sie den Dingen besondere Wirkursachen zu. Dann gab es andere, die sich zur Betrachtung des „Seienden“ als Seiendes erhoben und die den Dingen eine Ursache zuwiesen, nicht als „diesen“ oder als „solchen“, sondern als „Seienden“.
Daher muss das, was die Ursache der Dinge ist, insofern sie Seiende sind, die Ursache der Dinge sein, nicht nur insofern sie durch akzidentelle Formen „solche“ sind, noch insofern sie durch substantielle Formen „diese“ sind, sondern auch gemäß all dem, was überhaupt auf irgendeine Weise zu ihrem Sein gehört. Und so ist es notwendig zu sagen, dass auch die Urmaterie von der universalen Ursache der Dinge erschaffen ist.
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph (Phys. i, text 62) spricht vom „Werden“ im Besonderen – das heißt, von Form zu Form, sei es akzidentell oder substantiell. Hier aber sprechen wir von den Dingen gemäß ihrem Hervorgehen aus dem universalen Prinzip des Seins; von welchem Hervorgehen die Materie selbst nicht ausgeschlossen ist, obwohl sie von der ersteren Art des Gemachtwerdens ausgeschlossen ist.
Antwort auf Einwand 2: Passion ist eine Wirkung der Aktion. Daher ist es vernünftig, dass das erste passive Prinzip die Wirkung des ersten aktiven Prinzips sein sollte, da jedes unvollkommene Ding von einem vollkommenen verursacht wird. Denn das erste Prinzip muss das vollkommenste sein, wie Aristoteles sagt (Metaph. xii, text 40).
Antwort auf Einwand 3: Der angeführte Grund zeigt nicht, dass die Materie nicht erschaffen ist, sondern dass sie nicht ohne Form erschaffen ist; denn obwohl alles Erschaffene aktuell ist, ist es doch nicht reiner Akt. Daher ist es notwendig, dass selbst das, was potentiell in ihm ist, erschaffen ist, wenn alles, was zu seinem Sein gehört, erschaffen ist.