I, q. 44 a. 3
Ob die exemplarische Ursache etwas anderes ist als Gott?
Quaestio 44 · Der Hervorgang der Geschöpfe von Gott und die erste Ursache aller Dinge.
Einwand 1: Es scheint, dass die exemplarische Ursache etwas anderes ist als Gott. Denn die Wirkung ist ihrer exemplarischen Ursache ähnlich. Die Geschöpfe aber sind weit davon entfernt, Gott ähnlich zu sein. Daher ist Gott nicht ihre exemplarische Ursache.
Einwand 2: Ferner wird alles, was durch Teilhabe ist, auf etwas durch sich selbst Existierendes zurückgeführt, wie ein glühendes Ding auf das Feuer zurückgeführt wird, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]). Aber alles, was in sinnlichen Dingen existiert, existiert nur durch Teilhabe an einer Spezies. Dies geht aus der Tatsache hervor, dass in allen sinnlichen Spezies nicht nur das gefunden wird, was zur Spezies gehört, sondern auch individuierende Prinzipien, die zu den Prinzipien der Spezies hinzugefügt sind. Daher ist es notwendig, selbstexistierende Spezies anzunehmen, wie zum Beispiel einen Menschen „an sich“ und ein Pferd „an sich“ und dergleichen, welche die Exemplare genannt werden. Daher existieren exemplarische Ursachen außer Gott.
Einwand 3: Ferner befassen sich Wissenschaften und Definitionen mit den Spezies selbst, aber nicht so, wie diese in den einzelnen Dingen sind, weil es keine Wissenschaft oder Definition von einzelnen Dingen gibt. Daher gibt es einige Seiende, die Seiende oder Spezies sind, die nicht in singulären Dingen existieren, und diese werden Exemplare genannt. Daher folgt dieselbe Schlussfolgerung wie oben.
Einwand 4: Ferner geht dies ebenso aus Dionysius hervor, der sagt (Div. Nom. v), dass das selbstsubsistierende Sein vor dem selbstsubsistierenden Leben und vor der selbstsubsistierenden Weisheit ist.
Dagegen spricht, dass das Exemplar dasselbe ist wie die Idee. Aber Ideen sind gemäß Augustinus (Quaest. 83, qu. 46) „die Stammformen, welche in der göttlichen Intelligenz enthalten sind“. Daher sind die Exemplare der Dinge nicht außerhalb Gottes.
Ich antworte darauf, dass Gott die erste exemplarische Ursache aller Dinge ist. Zum Beweis dessen müssen wir bedenken, dass, wenn für die Hervorbringung von irgendetwas ein Exemplar notwendig ist, dies geschieht, damit die Wirkung eine bestimmte Form empfange. Denn ein Handwerker bringt eine bestimmte Form in der Materie hervor aufgrund des Exemplars vor ihm, sei es das äußerlich geschaute Exemplar oder das innerlich im Geiste konzipierte Exemplar. Nun ist es offenkundig, dass die von der Natur gemachten Dinge bestimmte Formen empfangen. Diese Bestimmung der Formen muss auf die göttliche Weisheit als ihr erstes Prinzip zurückgeführt werden, denn die göttliche Weisheit hat die Ordnung des Universums ersonnen, welche Ordnung in der Vielfalt der Dinge besteht. Und deshalb müssen wir sagen, dass in der göttlichen Weisheit die Typen aller Dinge sind, welche Typen wir Ideen genannt haben – d.h. exemplarische Formen, die im göttlichen Geist existieren (Frage [15], Artikel [1]). Und diese Ideen sind, obwohl sie durch ihre Beziehungen zu den Dingen vervielfältigt werden, in Wirklichkeit nicht vom göttlichen Wesen getrennt, insofern die Ähnlichkeit zu diesem Wesen auf unterschiedliche Weise von verschiedenen Dingen geteilt werden kann. Auf diese Weise ist daher Gott selbst das erste Exemplar aller Dinge. Überdies kann in den erschaffenen Dingen eines das Exemplar des anderen genannt werden aufgrund seiner Ähnlichkeit mit diesem, entweder in der Spezies oder durch die Analogie einer Art von Nachahmung.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl die Geschöpfe keine natürliche Ähnlichkeit mit Gott gemäß der Gleichheit der Spezies erreichen, so wie ein gezeugter Mensch dem zeugenden Menschen ähnlich ist, erreichen sie doch eine Ähnlichkeit mit Ihm, insofern sie die göttliche Idee repräsentieren, so wie ein materielles Haus dem Haus im Geist des Architekten ähnlich ist.
Antwort auf Einwand 2: Es gehört zur Natur des Menschen, in Materie zu sein, und so ist ein Mensch ohne Materie unmöglich. Daher kann dieser einzelne Mensch, obwohl er ein Mensch durch Teilhabe an der Spezies ist, nicht auf etwas Selbstexistierendes in derselben Spezies zurückgeführt werden, sondern auf eine übergeordnete Spezies, wie etwa getrennte Substanzen. Dasselbe gilt für andere sinnliche Dinge.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl jede Wissenschaft und Definition sich nur mit Seienden befasst, ist es doch nicht notwendig, dass ein Ding denselben Modus in der Realität hat, wie der Gedanke an es in unserem Verstand hat. Denn wir abstrahieren universale Ideen kraft des tätigen Verstandes von den besonderen Bedingungen; aber es ist nicht notwendig, dass die Universalien außerhalb der Einzeldinge existieren, um deren Exemplare zu sein.
Antwort auf Einwand 4: Wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv), bezeichnet er mit „selbstexistierendem Leben und selbstexistierender Weisheit“ manchmal Gott selbst, manchmal die den Dingen selbst verliehenen Kräfte; aber nicht irgendwelche selbstsubsistierenden Dinge, wie die Alten behaupteten.