I, q. 4 a. 3
Ob irgendein Geschöpf Gott ähnlich sein kann?
Quaestio 4 · Die Vollkommenheit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass kein Geschöpf Gott ähnlich sein kann. Denn es steht geschrieben (Ps 85,8): „Es ist keiner unter den Göttern dir gleich, o Herr.“ Aber von allen Geschöpfen sind die vortrefflichsten jene, die Götter durch Teilhabe genannt werden. Also können noch viel weniger andere Geschöpfe Gott ähnlich genannt werden.
Einwand 2: Ferner impliziert Ähnlichkeit einen Vergleich. Aber es kann keinen Vergleich zwischen Dingen in einer verschiedenen „Gattung“ geben. Also kann es auch keine Ähnlichkeit geben. So sagen wir nicht, dass Süße der Weiße ähnlich ist. Aber kein Geschöpf ist in derselben „Gattung“ wie Gott: da Gott keine „Gattung“ ist, wie oben gezeigt wurde (Frage [3], Artikel [5]). Also ist kein Geschöpf Gott ähnlich.
Einwand 3: Ferner bezeichnen wir jene Dinge als ähnlich, die in der Form übereinkommen. Aber nichts kann mit Gott in der Form übereinkommen; denn außer in Gott allein unterscheiden sich Wesen und Sein. Also kann kein Geschöpf Gott ähnlich sein.
Einwand 4: Ferner gibt es unter ähnlichen Dingen eine gegenseitige Ähnlichkeit; denn das Ähnliche ist dem Ähnlichen ähnlich. Wenn also irgendein Geschöpf Gott ähnlich ist, wird Gott irgendeinem Geschöpf ähnlich sein, was gegen das ist, was von Isaias gesagt wird: „Wem habt ihr Gott gleichgemacht?“ (Jes 40,18).
Dagegen spricht, dass geschrieben steht: „Lasst uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis“ (Gen 1,26), und: „Wenn Er erscheinen wird, werden wir Ihm ähnlich sein“ (1 Joh 3,2).
Ich antworte darauf, dass, da Ähnlichkeit auf Übereinkunft oder Mitteilung in der Form beruht, sie gemäß den vielen Weisen der Mitteilung in der Form variiert. Einige Dinge werden ähnlich genannt, die in derselben Form gemäß demselben Begriff und gemäß derselben Weise übereinkommen; und diese werden nicht bloß ähnlich, sondern gleich in ihrer Ähnlichkeit genannt; wie zwei gleichermaßen weiße Dinge in der Weiße ähnlich genannt werden; und dies ist die vollkommenste Ähnlichkeit. Auf eine andere Weise sprechen wir von Dingen als ähnlich, die in der Form gemäß demselben Begriff übereinkommen, jedoch nicht gemäß demselben Maß, sondern gemäß dem Mehr oder Weniger, wie etwas weniger Weißes einem anderen, weißeren Ding ähnlich genannt wird; und dies ist unvollkommene Ähnlichkeit. Auf eine dritte Weise werden einige Dinge ähnlich genannt, die in derselben Form übereinkommen, aber nicht gemäß demselben Begriff; wie wir es bei nicht-univoken Wirkursachen sehen. Denn da jedes Wirkende sich selbst reproduziert, insofern es ein Wirkendes ist, und alles gemäß der Art seiner Form wirkt, muss die Wirkung auf irgendeine Weise der Form des Wirkenden ähneln. Wenn daher das Wirkende in derselben Spezies enthalten ist wie seine Wirkung, wird es eine Ähnlichkeit in der Form geben zwischen dem, was macht, und dem, was gemacht wird, gemäß dem selben Begriff der Spezies; wie ein Mensch einen Menschen zeugt. Wenn jedoch das Wirkende und seine Wirkung nicht in derselben Spezies enthalten sind, wird es eine Ähnlichkeit geben, aber nicht gemäß dem Begriff derselben Spezies; wie Dinge, die durch die Hitze der Sonne erzeugt werden, in gewisser Weise als der Sonne ähnlich bezeichnet werden können, nicht als ob sie die Form der Sonne in ihrer spezifischen Ähnlichkeit empfingen, sondern in ihrer generischen Ähnlichkeit. Wenn es daher ein Wirkendes gibt, das in keiner „Gattung“ enthalten ist, wird seine Wirkung die Form des Wirkenden noch entfernter reproduzieren, nämlich nicht so, dass sie an der Ähnlichkeit der Form des Wirkenden gemäß demselben spezifischen oder generischen Begriff teilhat, sondern nur gemäß einer Art von Analogie; so wie das Sein allen gemeinsam ist. Auf diese Weise sind alle geschaffenen Dinge, insofern sie Seiende sind, Gott ähnlich als dem ersten und allgemeinen Prinzip allen Seins.
Antwort auf Einwand 1: Wie Dionysius sagt (Div. Nom. ix), wenn die Heilige Schrift erklärt, dass nichts Gott ähnlich ist, so meint sie nicht, Ihm jede Ähnlichkeit abzusprechen. Denn „dieselben Dinge können Gott ähnlich und unähnlich sein: ähnlich, insofern sie Ihn nachahmen, soweit Er, der nicht vollkommen nachahmbar ist, nachgeahmt werden kann; unähnlich, insofern sie hinter ihrer Ursache zurückbleiben“, nicht bloß an Intensität und Nachlassen, wie das, was weniger weiß ist, hinter dem zurückbleibt, was weißer ist; sondern weil sie nicht spezifisch oder generisch in Übereinstimmung sind.
Antwort auf Einwand 2: Gott ist nicht so auf die Geschöpfe bezogen, als ob er zu einer anderen „Gattung“ gehörte, sondern als jede „Gattung“ übersteigend und als das Prinzip aller „Gattungen“.
Antwort auf Einwand 3: Die Ähnlichkeit der Geschöpfe mit Gott wird nicht aufgrund einer Übereinkunft in der Form gemäß dem Begriff derselben Gattung oder Spezies ausgesagt, sondern einzig gemäß der Analogie, insofern Gott wesenhaftes Sein ist, wohingegen andere Dinge Seiende durch Teilhabe sind.
Antwort auf Einwand 4: Obwohl zugegeben werden mag, dass Geschöpfe Gott in gewisser Weise ähnlich sind, darf keineswegs zugegeben werden, dass Gott den Geschöpfen ähnlich ist; weil, wie Dionysius sagt (Div. Nom. ix): „Eine gegenseitige Ähnlichkeit zwischen Dingen derselben Ordnung gefunden werden kann, nicht aber zwischen einer Ursache und dem, was verursacht ist.“ Denn wir sagen, dass eine Statue einem Menschen ähnlich ist, aber nicht umgekehrt; so kann auch ein Geschöpf als Gott in gewisser Weise ähnlich bezeichnet werden; aber nicht, dass Gott einem Geschöpf ähnlich ist.