I, q. 4 a. 1
Ob Gott vollkommen ist?
Quaestio 4 · Die Vollkommenheit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Vollkommenheit Gott nicht zukommt. Denn wir nennen eine Sache vollkommen, wenn sie vollständig gemacht ist. Gott aber kommt es nicht zu, gemacht zu sein. Also ist Er nicht vollkommen.
Einwand 2: Ferner ist Gott der erste Anfang der Dinge. Die Anfänge der Dinge aber scheinen unvollkommen zu sein, wie der Samen der Anfang des tierischen und pflanzlichen Lebens ist. Also ist Gott unvollkommen.
Einwand 3: Ferner ist, wie oben gezeigt wurde (Frage [3], Artikel [4]), Gottes Wesen sein Sein. Das Sein aber scheint am unvollkommensten zu sein, da es am allgemeinsten und für jede Bestimmung aufnahmefähig ist. Also ist Gott unvollkommen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht: „Seid vollkommen, wie auch euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Mt 5,48).
Ich antworte darauf, dass, wie der Philosoph berichtet (Metaph. xii), einige alte Philosophen, nämlich die Pythagoreer und Leukipp, dem ersten Prinzip nicht das „Beste“ und „Vollkommenste“ beilegten. Der Grund war, dass die alten Philosophen nur ein stoffliches Prinzip betrachteten; ein stoffliches Prinzip aber ist höchst unvollkommen. Denn da die Materie als solche bloß in Potenz ist, muss das erste stoffliche Prinzip schlechthin in Potenz sein und somit höchst unvollkommen. Gott aber ist das erste Prinzip nicht als stoffliches, sondern in der Ordnung der Wirkursache, welche höchst vollkommen sein muss. Denn so wie die Materie als solche bloß in Potenz ist, so ist das Wirkende als solches im Zustand der Aktualität. Daher muss das erste wirkende Prinzip im höchsten Maße aktuell und somit höchst vollkommen sein; denn ein Ding ist vollkommen im Verhältnis zu seinem Grad an Aktualität, da wir dasjenige vollkommen nennen, dem nichts an der Art seiner Vollkommenheit fehlt.
Antwort auf Einwand 1: Wie Gregor sagt (Moral. v, 26,29): „Wenn auch unser Mund nur stammeln kann, so besingen wir doch die hohen Dinge Gottes.“ Denn das, was nicht gemacht ist, wird eigentlich nicht vollkommen genannt. Weil jedoch geschaffene Dinge dann vollkommen genannt werden, wenn sie von der Potenz in den Akt überführt worden sind, bezeichnet dieses Wort „vollkommen“ alles, dem es nicht an Aktualität mangelt, sei dies nun auf dem Wege der Vervollkommnung geschehen oder nicht.
Antwort auf Einwand 2: Das stoffliche Prinzip, das bei uns als unvollkommen vorgefunden wird, kann nicht das absolut Erste sein, sondern ihm muss etwas Vollkommenes vorausgehen. Denn der Samen, obwohl er das Prinzip des durch den Samen reproduzierten tierischen Lebens ist, hat das Tier oder die Pflanze vor sich, von dem er stammt. Denn dem, was in Potenz ist, muss das vorausgehen, was im Akt ist; da ein potenzielles Seiendes nur durch ein bereits aktuelles Seiendes in den Akt überführt werden kann.
Antwort auf Einwand 3: Das Sein ist das Vollkommenste von allem, denn es verhält sich zu allen Dingen wie das, wodurch sie aktuell gemacht werden; denn nichts hat Aktualität, außer insofern es ist. Daher ist das Sein dasjenige, das alle Dinge verwirklicht, selbst ihre Formen. Deshalb verhält es sich zu anderen Dingen nicht wie das Empfangende zum Empfangenen, sondern eher wie das Empfangene zum Empfangenden. Wenn ich also vom Sein des Menschen oder des Pferdes oder irgendeines anderen Dinges spreche, wird das Sein als formales Prinzip betrachtet und als etwas Empfangenes; und nicht als dasjenige, dem das Sein zukommt.