I, q. 4 a. 2
Ob die Vollkommenheiten aller Dinge in Gott sind?
Quaestio 4 · Die Vollkommenheit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass die Vollkommenheiten aller Dinge nicht in Gott sind. Denn Gott ist einfach, wie oben gezeigt wurde (Frage [3], Artikel [7]); wohingegen die Vollkommenheiten der Dinge vielerlei und verschieden sind. Also sind die Vollkommenheiten aller Dinge nicht in Gott.
Einwand 2: Ferner können Gegensätze nicht zugleich existieren. Nun sind die Vollkommenheiten der Dinge einander entgegengesetzt, denn jedes Ding wird durch seine artbildende Differenz vervollkommnet. Aber die Differenzen, durch welche die „Gattungen“ geteilt und die „Arten“ konstituiert werden, sind einander entgegengesetzt. Da also Gegensätze nicht im selben Subjekt zugleich existieren können, scheint es, dass die Vollkommenheiten aller Dinge nicht in Gott sind.
Einwand 3: Ferner ist ein lebendiges Ding vollkommener als das, was bloß existiert; und ein intelligentes Ding vollkommener als das, was bloß lebt. Also ist das Leben vollkommener als das Sein; und das Wissen vollkommener als das Leben. Aber das Wesen Gottes ist das Sein selbst. Also besitzt Er nicht die Vollkommenheiten des Lebens und des Wissens und andere ähnliche Vollkommenheiten.
Dagegen spricht, was Dionysius sagt (Div. Nom. v), dass „Gott in seinem einen Sein alle Dinge vorwegnimmt.“
Ich antworte darauf, dass alle geschaffenen Vollkommenheiten in Gott sind. Daher wird Er als allseitig vollkommen bezeichnet, weil Ihm (wie der Kommentator sagt, Metaph. v) keine Vorzüglichkeit fehlt, die in irgendeiner Gattung gefunden werden mag. Dies lässt sich aus zwei Überlegungen ersehen. Erstens, weil jede Vollkommenheit, die in einer Wirkung existiert, in der Wirkursache gefunden werden muss: entweder gemäß derselben formalen Hinsicht, wenn es ein univokes Wirkendes ist – so wie ein Mensch einen Menschen zeugt; oder in einem eminenteren Grad, wenn es ein äquivokes Wirkendes ist – so ist in der Sonne das Abbild dessen, was durch die Kraft der Sonne erzeugt wird. Nun ist es offensichtlich, dass die Wirkung virtuell in der Wirkursache präexistiert: und obwohl das Präexistieren in der Potenz einer Materialursache ein Präexistieren auf unvollkommenere Weise ist, da Materie als solche unvollkommen ist und ein Wirkendes als solches vollkommen ist, so ist doch das virtuelle Präexistieren in der Wirkursache ein Präexistieren nicht auf unvollkommenere, sondern auf vollkommenere Weise. Da also Gott die erste Wirkursache der Dinge ist, müssen die Vollkommenheiten aller Dinge in Gott auf eine eminentere Weise präexistieren. Dionysius deutet denselben Argumentationsgang an, indem er von Gott sagt (Div. Nom. v): „Nicht ist er dieses, und jenes nicht, sondern er ist alles, als Ursache von allem.“ Zweitens, aus dem, was bereits bewiesen wurde: Gott ist das Sein selbst, aus sich selbst subsistierend (Frage [3], Artikel [4]). Folglich muss Er die ganze Vollkommenheit des Seins in sich enthalten. Denn es ist klar, dass, wenn ein heißes Ding nicht die ganze Vollkommenheit der Hitze hat, dies deshalb so ist, weil an der Hitze nicht in ihrer vollen Vollkommenheit teilgehabt wird; wenn aber diese Hitze selbstsubsistierend wäre, würde ihr nichts von der Kraft der Hitze fehlen. Da also Gott das subsistierende Sein selbst ist, kann Ihm nichts von der Vollkommenheit des Seins fehlen. Nun sind alle geschaffenen Vollkommenheiten in der Vollkommenheit des Seins eingeschlossen; denn Dinge sind genau insofern vollkommen, als sie auf irgendeine Weise Sein haben. Es folgt daher, dass Gott die Vollkommenheit keines einzigen Dinges fehlt. Auch dieser Argumentationsgang wird von Dionysius angedeutet (Div. Nom. v), wenn er sagt, dass „Gott nicht in irgendeiner einzelnen Weise existiert, sondern alles Sein in sich umfasst, absolut, ohne Einschränkung, auf einheitliche Weise;“ und danach fügt er hinzu, dass „Er das Sein selbst für die subsistierenden Dinge ist.“
Antwort auf Einwand 1: So wie die Sonne (wie Dionysius bemerkt, (Div. Nom. v)), während sie eine bleibt und gleichförmig scheint, in sich zuerst und gleichförmig die Substanzen der sinnlichen Dinge und viele und verschiedene Qualitäten enthält; so müssen „a fortiori“ alle Dinge in einer Art natürlicher Einheit in der Ursache aller Dinge präexistieren; und so präexistieren Dinge, die verschieden und an sich einander entgegengesetzt sind, in Gott als Eines, ohne Verletzung Seiner Einfachheit. Dies genügt für die Antwort auf den zweiten Einwand.
Antwort auf Einwand 3: Derselbe Dionysius sagt (Div. Nom. v), dass, obwohl das Sein vollkommener ist als das Leben, und das Leben als die Weisheit, wenn sie als dem Begriff nach unterschieden betrachtet werden; dennoch ein lebendiges Ding vollkommener ist als das, was bloß existiert, weil lebendige Dinge auch existieren und intelligente Dinge sowohl existieren als auch leben. Obwohl daher das Sein nicht Leben und Weisheit einschließt, weil das, was am Sein teilhat, nicht an jeder Weise des Seins teilhaben muss; so schließt dennoch Gottes Sein Leben und Weisheit in sich ein, weil Ihm, der das subsistierende Sein selbst ist, nichts von der Vollkommenheit des Seins fehlen kann.